Tag - Begegnung

Aus Glas – oder warum es hier so ruhig geworden ist

In den letzten Monaten ist es hier ganz schön ruhig geworden. Oft habe ich mich selbst gefragt, warum. Viele Menschen haben mich angesprochen und gesagt: „Hey, blog doch mal wieder!“. Aber auch wenn ich mich ganz bewusst an den Computer gesetzt habe, um einen Eintrag zu verfassen, war da einfach nichts. Keine Idee, kein Gedanke, keine Motivation. Ich fühlte mich schlecht deshalb. Fragte mich, wo mein Antrieb, anderen Menschen aus meinem Leben mit Behinderung zu erzählen und so eine Brücke zueinander zu bauen, geblieben ist.

Bis gestern wollte mir dazu einfach nichts einfallen, es war wie ein großer Nebel in mir. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.  Dann erfuhr ich, dass Kaiserin 1 gestorben ist, und wusste plötzlich, was mit mir los ist:

Ich bin genervt, aber vor allem traurig. Traurig darüber, dass ich den Eindruck gewonnen habe, dass es nur möglich ist, als Mensch mit Behinderung eine Brücke zu anderen zu bauen, wenn man sein Innerstes nach außen kehrt.

Wenn David Lebuser davon erzählt, dass ihm die Krankenkasse vorschreibt, wie oft am Tag er pinkeln darf.

Wenn Laura Gehlhaar darüber schreibt, dass es Menschen gibt, die sie gern ausrotten würden.

Wenn Raul Krauthausen berichtet, wie es ist, Sex mit Behinderung zu haben (hier auch).

Wenn Mareice von wahrhaftig behinderten Momenten schreibt.

Wenn Anastasia erkennt, dass sie zu behindert für Singlebörsen ist.

Oder wenn ich darüber spreche, wie mich ein betrunkener Mitstudent mitten ins Herz traf.

Wir verrenken uns analog, aber vor allem digital, machen uns gläsern, damit Menschen ohne Behinderung uns Menschen mit Behinderung verstehen. Damit sie sich ein Leben mit Behinderung vorstellen können. Damit sie keine (Berührungs-) Angst uns gegenüber mehr haben. Und umgekehrt?

Hunderte, wenn nicht sogar ein paar tausend Leser wissen sehr viel über mich, aber ich weiß von ihnen eigentlich nur, dass sie es gut/mutig/bewundernswert/stark/vorbildlich/hilfreich/erfrischend/ergreifend/(…) finden, was ich schreibe und wie ich lebe.

Irgendwie erfüllt mich das nicht mehr.

Versteht mich nicht falsch.

Ich will immer noch Brücken bauen, keine Frage.

Aber Doch dass Kaiserin 1 gegangen ist, hat mir klar gemacht: Ich möchte dies tun eine Brücke bauen, wenn jemand vor mir steht. Wenn er/sie mit mir spricht, mich anlächelt, mich berührt, umarmt, mit mir gemeinsam lacht, weint, schreit, schimpft und jubelt. Bei einem Kaffee, mitten in Berlin/Köln/Frankfurt/(…) oder sogar in Iserlohn. Live und in Farbe. Authentisch, echt, greifbar, statt digital diffus. Das wär‘ doch mal was, oder?

Ich möchte euch einladen zu einer echten Begegnung. Ich wünsche mir, auch euer Gesicht zu sehen. Auch eure Gedanken zu hören. Verbringt Zeit mit mir und erfahrt so, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben.

Vielleicht werdet ihr feststellen, dass Vieles so verdammt ähnlich ist. Viel unaufgeregter als es in der digitalen Welt scheint. Vielleicht merkt ihr, dass Manches schon anders ist. Aber es macht euch nichts (mehr) aus, weil ihr es ja nun tatsächlich miterlebt und die Angst verschwindet.

Man könnte zum Beispiel:

  • gemeinsam zum Eishockey gehen und die Iserlohn Roosters anfeuern.
  • gemeinsam die Dechenhöhle besuchen.
  • gemeinsam im Sauerlandpark bei einem Open-Air-Konzert rocken bis zum Umfallen.
  • gemeinsam nach Dortmund fahren und 90 Minuten schwarz-gelb sein.
  • Oder possierlichen Tierchen beim Possierlich-Sein zuschauen (das geht auch hier oder hier).
  • gemeinsam das wohl beste Eis im Sauerland genießen.
  • gemeinsam am Seilersee die Seele baumeln lassen.
  • Oder einfach nur entspannt einen Latte Macchiato schlürfen bei fuchs+hase.

 

Das sind schon acht Dinge, die man nur im kleinen, aber feinen Iserlohn bzw. drumherum zusammen unternehmen könnte. Krass. Wie viel kann man dann erst in Köln, Frankfurt und Berlin erleben? Boah!

Michael Bartlewski und Tobias Henkenhaf von DIE FRAGE bringen es so wunderbar auf den Punkt: Es ist der echte Kontakt, der uns fehlt.

2016 wird für mich also: weniger digital, mehr analog.

Weniger „Wie ist das eigentlich bei dir?“, mehr „Guck mal, so ist das bei mir!“.

Weniger „Ist doch klar, dass er nicht weiß, wie es ist.“, mehr Arschlochfilter.

Weniger bloggen, mehr diskutieren auf Konferenzen, BarCamps und Co. (zum Beispiel am 30. Januar 2016 in München).

 

Ich hoffe, wir sehen uns!

#einElefantfuerDich