Tag - Ausblick

2014 – Viel erlebt 2 (Gewidmet Victoria, dem @vintagemadchen)

Der erste Teil.

C. war Koordinatorin eines „Intensivseminars für Projektmanagement“, wie sie am Telefon sagte. Das Seminar sollte inklusiv gestaltet werden, weshalb man noch auf der Suche nach Teilnehmern mit Behinderung war. C. erklärte weiter, dass die Aktion Mensch ein Stipendium für die Teilnahme am Seminar gestiftet hätte und man durch meine Aktivitäten im Netz auf mich als potentielle Kandidatin aufmerksam geworden war. Deshalb würde man mich gerne kurzfristig zu einem Bewerbungsgespräch via Skype einladen.

Innerlich machte ich Luftsprünge. Ein Seminar für Projektmanagement! Genau das, was ich jetzt für FashionAbility brauche!, dachte ich, und sagte zu. Das leicht flattrige Gefühl in meinem Bauch hatte ich während des Telefonats erfolgreich ignoriert- bis plötzlich eine kleine Pause entstand und C. gedehnt meinte: „Tja, also… Die Sache hat nur einen Haken.“ Oh nein! Ich schlug mit der rechten Hand gegen meine Stirn und sank resigniert in meinem Rollstuhl zusammen. Bitte nicht noch mehr Stress! Bitte keine Haken mehr bei irgendwas! Nur ein einziges Mal, bitte, bitte, bitte!

„Was für einen Haken denn?“, fragte ich. „Na ja… Am Montag geht es los, 9:00 Uhr hier bei Berlin.“

Zum Zeitpunkt des Anrufes war es Samstagabend, ca. 22:00 Uhr. Ich sollte also innerhalb von einem Tag eine Fahrt von Iserlohn nach Berlin organisieren? Mit dem Rollstuhl? Mitten in der Klausurenphase? So beschissen, wie es mir ging? Ach, mache ich doch mit links im Schlaf, alles kein Ding, Leute.

Heute frage ich mich selbst, woher ich die Kräfte nahm, aber ich schaffte es tatsächlich zum 1. Campaign

Meine "Bootcamp-Buddies" und ich während des Planspiels unter Echtzeitbedingungen.

Meine „Bootcamp-Buddies“ und ich während des Planspiels unter Echtzeitbedingungen. © Campaign Bootcamp Deutschland

Bootcamp Deutschland im Dorf Paretz bei Berlin. In meiner Erschöpfung bemerkte ich erst nach der Hälfte des Camps, dass es eigentlich nur im weitesten Sinne um Projektmanagement ging. Bis dahin hatte ich mich zwar gewundert, warum die meisten Teilnehmer so unglaublich sozial und engagiert wirkten und im Gegensatz zu meinen Kommilitonen an der Uni mehr schlecht als recht von Wirtschaft & Co. sprachen, weiter kam mein völlig überanstrengtes Gehirn jedoch nicht. Das Campaign Bootcamp Deutschland ist eine einwöchige Ausbildung für junge Kampagnenmacher, Aktivisten und „Weltverbesserer“. Die Idee für das Camp stammt aus Großbritannien, wo sich einige erfahrene Kampagnenmacher überlegt hatten, wie man junge Engagierte besser auf ihre Karriere bei NGOs vorbereiten könne.

Da saß ich also zwischen mehr als 30 jungen Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und bekam die volle Breitseite an politisch-gesellschaftlichen Problemen, Lösungsstrategien, Organisationsinstrumenten etc. von international bekannten Trainern und Aktivisten präsentiert. Und das, obwohl ich mich bisher zwar sehr viel über „die Politiker“ aufgeregt, aber nicht wirklich näher mit „dem was die da oben tun“ beschäftigt hatte. Oh Mann!

Während des Camps wurde mir langsam aber sicher bewusst, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Schmerzen, die ich seit meinem neunten Lebensjahr vor allem im Rücken gehabt hatte, wurden immer stärker. Bald tat mir nicht nur mein Rücken weh, sondern mein ganzer Körper fing an zu schmerzen. Vom Haaransatz über die Fingergelenke bis zu den Zehennägeln stand ich komplett unter Strom, hoffte zeitweise, ich könnte meine Haut einfach ablegen, wie einen Neoprenanzug nach dem Tauchen. Die anderen Teilnehmer und die Organisatoren behandelten mich im positiven Sinne wie die Prinzessin auf der Erbse, überhaupt war die Stimmung während des Camps einfach unglaublich- wir kannten uns alle bis dahin nicht, und doch waren wir eine große Familie.

Direkt im Anschluss an das Camp sollte ich die noch ausstehenden Prüfungen an der Uni absolvieren. Obwohl es mir immer schlechter ging, funktionierte ich weiter. Ich lernte, schluckte Schmerztabletten, lernte, schluckte Schmerztabletten- und vergaß alles andere. Am Abend vor den Prüfungen, dem 25. Juni 2014, fünf Tage nach dem Bootcamp, kam dann, was kommen musste: Nichts ging mehr. Ich lag auf meinem Bett, weinte vor Erschöpfung und Schmerzen, und schaffte es gerade noch, eine gute Freundin anzurufen, die in der Nähe wohnte. Mehr als „Ich brauche Hilfe.“ zu flüstern schaffte ich nicht.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dafür bin, dass es in meinem Leben einige Menschen gibt, auf die ich zählen kann- an guten wie an schlechten Tagen, Tag und Nacht. Es dauerte keine zehn Minuten, bis besagte Freundin mit einer gemeinsamen Kommilitonin in meiner Studentenwohnung stand, mich mit einem inbrünstigen „Ach du Scheiße!“ in meinen Rollstuhl verfrachtete, zum Auto schob und ins Krankenhaus fuhr.

Geistesgegenwärtig hatte sie bereits auf dem Uniparkplatz mit einem der städtischen Krankenhäuser telefoniert und dabei erwähnt, dass ich schon früher Probleme mit Depressionen gehabt hatte. Glücklicherweise war die Ärztin am anderen Ende der Leitung ebenso geistesgegenwärtig und schickte uns direkt zu einer nahegelegenen psychiatrischen Fachklinik.

Was, ich? Psychiatrie?! Jetzt?! OH GOTT!

Es folgten drei Monate, in denen ich die bisherigen 22 Jahre meines Lebens durchleuchtete von A bis Z. Ich sortierte Erinnerungen, Ereignisse, Personen, Handlungen und alles drumherum. In stundenlangen Gesprächen mit Therapeuten, Pflegern und Mitpatienten. Weinte mir die Augen aus dem Kopf, lachte so herzlich wie nie zuvor, trainierte meinen Körper, gönnte ihm endlich Pausen. Aber vor allem lernte ich unglaublich viele wundervolle Menschen kennen. Menschen wie du und ich, Menschen, von denen man gar nicht erwartet, dass sie irgendein Problem haben könnten, würde man ihnen auf der Straße begegnen.

Ich traf Menschen, die das Leben so sehr gebeutelt hatte, wie man es sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann. Mir begegneten Menschen, die in ihrem Leben etwas sehr Schlimmes getan hatten und ihre „Zeit“ in der Psychiatrie absaßen, manchmal schon jahrelang. All diese Menschen waren nicht nur „die Außenseiter“, die Armen, die Verlierer der Gesellschaft, nein. Es waren Menschen wie du und ich. Manager, Studenten, Obdachlose, Handwerker, Politiker, Künstler, Sportler, Ärzte, Psychologen, Azubis, Kinder, Arbeitslose, Jugendliche, Hausfrauen, Senioren, Angestellte… alle.

In diesen drei Monaten lernte ich nicht nur, wer ich wirklich bin, was ich will und warum es mir beinahe mein ganzes Leben lang gesundheitlich nicht gut gegangen war (abgesehen von meiner Körperbehinderung), ich lernte vor allem eins:

Wir brauchen mehr Liebe in dieser Welt. Mehr Menschlichkeit. Mehr Achtsamkeit, für sich selbst und auch für andere. Mehr Freiheit.

Weniger Wertung, weniger Konvention, weniger „So muss das sein.“

Nicht der erste Eindruck zählt, sondern der Mensch hinter der Maske. Gib jedem Menschen, der dir begegnet, die Gelegenheit, seine Maske vor dir abzulegen, dir zu zeigen: „Das bin ich“, und nimm ihn an. So, wie er ist.

Es waren die härtesten drei Monate meines bisherigen Lebens. Gleichzeitig waren es auch die schönsten. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Nicht nur, wenn es sein muss, sondern auch „einfach so“. Warum?

Weil es für mich nichts Schöneres gibt, als endlich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Farben zu sehen, Dinge zu spüren, die Welt klar und deutlich in allen Facetten und Feinheiten wahrzunehmen.

Weil es ein unbeschreiblich wunderbares Gefühl ist, ganz tief im Innern, endlich angekommen zu sein. Bei sich selbst. In diesem Leben.

Weil es meiner Meinung nach nichts gibt, das einen schneller erdet, als die Gesellschaft in all ihren Facetten hautnah zu erleben. Man schätzt das Leben. Nicht nur jeden Tag, sondern alles, was geschieht. Nicht nur das Gute, sondern auch das „Schlechte“, aus dem man sehr viel erkennen und lernen kann- wenn man will.

Weil man geschützt ist. Egal, was passiert, egal, wie es einem geht, es ist immer jemand da. Jemand, der einen an die Hand nimmt, wenn es sein muss. Jemand, der vorausgeht, wenn es nötig ist. Und auch jemand, der einem einmal ordentlich den Kopf wäscht, wenn man vor lauter Dreck darin gar nicht mehr klar denken kann.

Am 20. September 2014 forderte ich meine behandelnde Ärztin dazu auf, mich zu entlassen. „Ich fühle mich wie ein Vogel, der ununterbrochen gegen die Scheibe fliegt. Ich muss hier raus.“ – „Dann gehen Sie, Frau Glücklich, gehen Sie.“

Ich ging. Inzwischen studiere ich nur noch Halbzeit statt Vollzeit. Ich habe endlich eine barrierefreie Wohnung statt einem Studentenapartment im 2. Obergeschoss. Ich bin Werkstudentin und Unternehmerin statt arbeitslose Studentin. Ich habe kaum noch Schmerzen, kann mich frei bewegen, statt schmerzerfüllt im Bett zu liegen. Ich bin aktiv für mich selbst und für andere, anstatt passiv und anklagend. Ich fühle mich wie neu geboren.

 

Ich liebe das Leben. Und ich hoffe, dass es bis zum Ende noch lange dauert. Denn ich habe nicht nur viel erlebt, sondern noch viel vor.

 

Was genau, das steht im dritten Teil „2015 – …und noch viel vor.“