Was tut man nicht alles für… • Saltatio Mortis!? (4)

Was tut man nicht alles für … Saltatio Mortis (3)

 

 

Wanderlust

Alea entschließt sich auf einmal zum Stage Diving. Ich bin wieder hellwach und weiß ganz sicher, was mir zum ultimativen Konzertfeeling noch fehlt: ein Stage Dive mit dem Rollstuhl! Das steht seit vorgestern definitiv auf meiner „Dinge, die ich tun muss, bevor ich sterbe“-Liste. Auch sehr amüsant ist der Moment, als Alea die Hände in die Luft streckt, um uns zum Klatschen zu animieren, und ein Teil des Publikums anfängt zu singen: „Streckt die Hände zum Himmel! Kommt, lasst uns fröhlich sein!“

Am Ende der Show überlegen wir nicht lange und machen uns auf den Weg zum Ausgang. Ewiges Anstehen für ein Autogramm ist nicht wirklich unser Ding. Abgesehen davon geht die letzte S-Bahn in 20 Minuten und J. fällt ein, dass er dringend auf die Toilette muss. Die im LKA Longhorn ist ihm jetzt nach dem Konzert aber zu dreckig. Also machen wir uns im Eiltempo auf zu Mc Donald’s (Das ist noch näher als Burger King, denken wir zumindest), nur um dort angekommen festzustellen, dass es keine rollstuhlgerechte Toilette gibt. J. will zurück zu Burger King. Die letzte S-Bahn würden wir dann jedoch nicht mehr bekommen. Wir beschließen, uns aufzuteilen. P., L. und ich nehmen die S-Bahn, J. und C. gehen zu Burger King und kommen mit dem Auto nach.

Ich bin froh, dass L. mich in meinem Rollstuhl schiebt und der Elektroantrieb an P.s Rollstuhl, liebevoll Elektra genannt, einwandfrei funktioniert. Wir sind überpünktlich an der S-Bahn-Haltestelle und können problemlos einsteigen. Nach der Fahrt mit der S-Bahn müssen wir mit U-Bahn und Bus weiter bis zu unserem Ziel in Filderstadt. Die nächste U-Bahn kommt laut Anzeigetafel in 15 Minuten. Wir freuen uns, dass alles läuft wie am Schnürchen und wir den letzten Bus noch rechtzeitig bekommen. Allerdings stellen wir auch hier recht schnell fest: Zu früh gefreut!

Für uns heißt es warten, und warten, und warten. Auf dem gegenüberliegenden Gleis hält eine U-Bahn nach der anderen, in unserer Fahrtrichtung tut sich jedoch rein gar nichts. Zu allem Überfluss beehrt uns auch noch ein alles andere als zurechnungsfähiger Fahrgast mit seiner Anwesenheit. Wir sind uns einig, dass er nicht nur zu viel Alkohol getrunken hat, und vermuten angesichts seiner äußerst philosophischen Ausführungen, dass es sich um einen Studenten handeln muss. Mit mehr als 30 Minuten Verspätung spüren wir dann auch auf unserer Seite des Tunnels einen Luftzug, der eine herannahende U-Bahn ankündigt. Endlich!

An der Zielhaltestelle angekommen stehen wir vor dem Aufzug, der uns auf die Straßenebene bringen soll. L. drückt den Knopf… und es tut sich nichts! Wir starren ungläubig die Aufzugtüren an und drücken noch einmal auf den Kopf. Der Aufzug ist definitiv kaputt. Und jetzt? Treppen! P. versichert, dass er glücklicherweise auch Treppen steigen kann, so wie ich. Die Frage ist nur, wie wir Elektra, den sauschweren Elektrontrieb seines Rollstuhls, nach oben bekommen. „Das schaffen wir schon!“, rufen wir unisono und machen uns bereit für den Aufstieg. Just in diesem Moment kommt uns wie aus dem Nichts ein junges Pärchen entgegen und hilft uns, inklusive Gepäck nach oben zu kommen. Es gibt da oben im Himmel einen Gott, der es gut mit uns meint. Ganz sicher! Das Pärchen begleitet uns noch bis zur Bushaltestelle. Wir ahnen schon, dass uns der letzte Bus vor der Nase weggefahren ist. Es ist kurz vor 2:00 Uhr und der nächste kommt erst um kurz nach 3:00 Uhr. P., L. und ich frieren schon jetzt sehr, also beschließen wir, zu laufen.

Was tut man nicht alles für… • Saltatio Mortis!? (3)

Was tut man nicht alles für … Saltatio Mortis (2)

 

Dumm nur, dass absolut kein Durchkommen möglich ist. A. guckt mich an, holt tief Luft und meint: „Versprich mir, dass du anständig fährst, wenn du mal ein Auto hast!“ Dann passt er eine Lücke in der Linksabbieger- Spur ab, geht aufs Gas, schneidet den vordersten Rechtsabbieger und steuert schnurstracks auf den Burger King-Parkplatz zu. Oh Mann!

Inzwischen kann ich mich gar nicht mehr bewegen. A. hebt mich aus dem Auto, trägt mich in den Burger King und fragt die Bedienung im Vorbeigehen: „Habt ihr’n Schlüssel?“ Die junge Frau schaltet zum Glück sofort und schließt mir mit einem Rührstäbchen die Behindertentoilette auf. „Nein, wir haben gerade keinen Schlüssel, aber das machen wir jetzt so!“

Ich war noch nie so froh über eine Toilette!

Anschließend machen wir uns frohen Mutes auf zum LKA Longhorn. Jetzt kann ja nun wirklich nichts mehr schiefgehen! Oder vielleicht doch…?
Als wir in die Zufahrtsstraße einbiegen wollen, steht uns ein Baustellenzaun im Weg- Straßensperre. Wir können es kaum fassen. Nun müssen wir tatsächlich noch einmal durch das Industriegebiet fahren, vorbei am Burger King und dem LKA Longhorn, obwohl wir genau dorthin möchten.

Gegen 19:30 Uhr, etwa sechs Stunden nach Abfahrt, stellt A. endlich den Motor seines Wagens ab und steigt aus. Wir sind da! Ein Teil meiner Crew steht am Straßenrand mit einer großen Pizzaschachtel und ich bin ganz gierig darauf, endlich etwas Essbares zu bekommen. Als ich die Schachtel aufklappe, möchte ich am liebsten in Tränen ausbrechen: Zwei kleine Stückchen Pizza Hawaii. Eiskalt. Lecker!

Na, immerhin!, denke ich und schiebe mir die Pizza im Zeitraffer zwischen die Zähne. Wir wollten schon längst im Innenraum gewesen sein und einen guten Platz bekommen haben. Daraus wird jetzt nichts mehr. Zumindest nicht für die Rollstuhlfahrer unter uns. L. verzieht sich schon während die Vorgruppe Versengold spielt mitten in die Menge und ich bekomme Beklemmungen, weil ich vergessen habe sie zu fragen, wo ihre Epilepsie-Medikamente sind. Zum Glück hört sie mich noch, als ich kurz vor Showbeginn in die Menge Brülle: „Wo sind deine Epilepsie- Medikamente?!“ Der Rest der Crew, also P., J. und ich im Rollstuhl, sowie C. zu Fuß neben uns, steht rechts außen direkt vor den Lautsprecherboxen. Jedes Mal, wenn Bruder Frank eine Saite auf dem Bass anschlägt, vibriert mein Rollstuhl schlimmer als ein Massagesitz im Einkaufszentrum und meine Leber sagt meinem Herz Hallo. Aleas Gesang oder Lasterbalks Ansagen verstehen wir leider gar nicht.

Ich komme mir ein wenig verloren vor, da ich die Texte der Songs vom neuen Album „Das Schwarze I x I“ noch gar nicht auswendig kann. Von L. sehe ich außer ihren auf und ab hüpfenden Haaren nicht mehr viel und ich bete inständig, dass sie mit dem Scheinwerfer- und Stroboskoplicht klarkommt. Plötzlich bin ich fix und fertig, höre sogar auf zu klatschen. Ich genieße einfach nur die Klänge von Till Promills Gitarre. Es ist meine aller erste Saltatio Mortis-Rockshow und für mich das erste Konzert, seit Herr Samoel gegangen ist. Till spielt gigantisch und ich könnte ihm allein in Dauerschleife zuhören. Als er dann gegen Ende der Show auch noch eine Gitarren-Impro zusammen mit Jean Méchant hinlegt, bin ich völlig hin und weg.

Steve Vai kann einpacken!

Was tut man nicht alles für… • Saltatio Mortis!? (2)

Was tut man nicht alles für… Saltatio Mortis!? (1)

 

 

Stau in jeder Hinsicht

Ich sage sofort zu und er schreibt zurück: „Aber ich fahre zügig. Und ich rauche im Auto.“
„Egal“, sage ich, „So lange du keinen Unfall baust, kannst du machen, was du willst!“ Also geht die nächste SMS an meine Crew, dieses Mal jedoch mit erfreulichen Nachrichten.

Am Freitag schlafe ich erst einmal aus, räume in einem Putzteufel-Anfall mein Zimmer auf und packe meine Sachen. Um Punkt 13:00 Uhr stehe ich am vereinbarten Treffpunkt und kann es kaum erwarten. A. kommt 20 Minuten später, wir laden meinen Rollstuhl auf die Rückbank und los geht’s. A. rechnet mit einer Fahrzeit von drei bis dreieinhalb Stunden, planmäßige Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof ist also gegen 17:00 Uhr. Perfekt, um vor dem Konzert noch eine Pizza essen zu gehen mit der ganzen Crew.

In der ersten Stunde kommen wir sehr gut voran. A. fährt wirklich zügig, aber sicher, und so mache ich es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Plötzlich schrecke ich auf und denke: „Oh Scheiße! Wie komme ich denn wieder zurück nach Iserlohn am Samstag?!“ Ein Anruf bei der Servicezentrale der Deutschen Bahn genügt und ich habe eine günstige Rückfahrt organisiert. Zwar muss ich mehrmals umsteigen, was mit dem Rollstuhl ein echtes Abenteuer ist, aber meine gute Laune kann mir jetzt nichts und niemand mehr nehmen.

Wirklich?

Falsch! Kaum freuen wir uns, dass es auf der Autobahn so reibungslos vorangeht, sehen wir nur noch Rücklichter. A. wird nervös und ich gebe alles an Optimismus, was ich habe. Die Uhr tickt. Meine Crew wartet leicht genervt am inzwischen neu vereinbarten Treffpunkt, einer Pizzeria in der Nähe des LKA Longhorn. Auch dorthin schaffen A. und ich es nicht rechtzeitig.

Irgendwann während der Fahrt meint A., dass es nicht mehr weit sei. Daraufhin beginne ich, meine 1,5 Liter-Wasserflasche stetig zu leeren, damit ich die volle Flasche nicht vor dem Beginn des Konzerts abgeben muss. Ich kalkuliere damit, dass es in der Pizzeria bestimmt eine Toilette gibt, die ich vor dem Konzert benutzen kann.

Diese Annahme ist leider wieder falsch. Der Stau vor uns will einfach kein Ende nehmen. Meine volle Blase hat jedoch Anderes im Sinn und ist ganz klar fürs Aussteigen. Ich bekomme regelrechte Zustände. So schlimm, dass sich meine Spastik, die ich sonst lediglich in Händen und Füßen spüre, nach und nach in meinem ganzen Körper ausbreitet und ich irgendwann nur noch jammernd im Beifahrersitz hänge. Mein Körper ist total verkrampft und ich kann mich kaum noch bewegen.

Die Situation ist mir verdammt peinlich. Mittlerweile sind wir wirklich fast am LKA Longhorn angekommen und A. fragt mich, ob ich bis dahin noch durchhalte. „Klar,“ sage ich, entscheide mich an der nächsten Ampel jedoch blitzschnell um als ich sehe, dass wir schon wieder im Stau stehen. Rechts ab geht es zu Burger King und ich rufe: „Fahr raus! Fahr raus!“

Was tut man nicht alles für… • Saltatio Mortis!? (1)

Durch dick und dünn

Vor zwei Wochen, irgendwo in Nordrhein-Westfalen: Mein Telefon klingelt. Ich nehme den Anruf an und mache einen imaginären

Luftsprung, als ich L. am anderen Ende der Leitung höre.

Wir haben über zwei Jahre zusammen gewohnt und sind einfach unzertrennlich. Egal wie lange wir uns nicht sehen oder über das Telefon hören, wir können immer dort weiter machen, wo wir bei unserem letzten Gespräch aufgehört haben, und verlieren uns nie aus den Augen.

L. plant mit unserer Crew am Freitag, den 22.11.2013, ein Konzert unserer gemeinsamen Lieblingsband Saltatio Mortis im LKA Longhorn in Stuttgart zu besuchen. Sie denkt, das sei eine gute Gelegenheit für ein Wiedersehen nach fast einem Jahr. Durch

meinen Aufenthalt in Kanada und den anschließenden Studienbeginn haben wir es im Sommer nicht geschafft, uns wie sonst üblich irgendwo in Deutschland auf einem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum zu treffen. Natürlich bin ich deshalb Feuer und Flamme, alle wieder zu sehen.

Mein Vorlesungsplan- ein Lichtblick! Freitag frei und am Montag erst um 11:30 Uhr Vorlesungsbeginn. Die Fahrplanauskunft der Deutschen Bahn und der anschließende Blick auf meinen Kontostand machen mir allerdings buchstäblich einen Strich durch die Rechnung. Einfache Fahrt im Fernverkehr: ca. 200,00 €, da nur noch Plätze in der 1. Klasse frei sind. Und der Preis für das Konzertticket kommt ja auch noch hinzu. Unmöglich!

Wer L. und mich kennt, weiß, dass wir immer eine Lösung für unsere Probleme finden. So auch jetzt. P., ebenfalls Teil der Crew, kennt den Konzertveranstalter und organisiert für uns alle freien Eintritt! Meine Motivation, es doch noch irgendwie von Iserlohn nach Stuttgart zu schaffen schießt durch die Decke und ich überlege fieberhaft, wie ich alles organisieren kann. Mit fremden Menschen im Auto mitzufahren kostet mich sehr viel Überwindung. Angesichts dieses „Notfalls“ beschließe ich jedoch, über meinen Schatten zu springen und schreibe einen Aufruf in die Facebook-Gruppe der Uni.

Nichts.

© Cinderella Glücklich

© Cinderella Glücklich

Keine Reaktion, auch nicht nach ein paar Tagen. Geknickt schreibe ich eine SMS an meine Freunde und wünsche Ihnen viel Spaß beim Konzert. Noch während ich auf „Senden“ klicken will, schießt mir der Spruch „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ durch den Kopf und ich füge schnell hinzu, dass ich am Donnerstagnachmittag endgültig Bescheid gebe, ob ich mitkomme oder nicht.

Es ist Donnerstagnachmittag, ich bin gerade auf dem Weg nach Hause von der Uni, da bekomme ich eine Facebook-Nachricht von A.

Er fährt nach Stuttgart! Am Freitag, den 22.11.2013, gegen 13:00 Uhr. Hallelujah!

Get it Done with a Little Fun (3)

Get it Done with a Little Fun (2)

Schaffen wir das heute noch?

Am Morgen saßen wir beide beim Frühstück und sie schlug ihren Kalender auf, um zu sehen, wann wir etwas unternehmen konnten. Sie sagte: „Oh, diese Woche wird anstrengend!“ Ich konnte kaum glauben, was ich gehört hatte. In ihrem Kalender standen jeden Tag nur ein bis zwei Termine. Das sah für mich eher nach einer entspannten Woche aus.

Bevor wir in den Tag starteten, machte ich zahlreiche Vorschläge, was wir am Tag noch alles unternehmen könnten, sie sagte aber immer nur: „Mal sehen, ob wir das heute noch schaffen.“ Ich war beleidigt, weil ich das Gefühl hatte, dass sie meine Wünsche nicht ernst nahm, und fragte sie nach einiger Zeit, warum sie meine Vorschläge ablehne obwohl sie doch nur so wenige Termine habe. Sie schaute mich an, grinste und antwortete mir: „Weißt du, ich war noch nie in Deutschland, aber ich weiß, dass es wesentlich kleiner ist als Kanada. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass die Wege von einem Ort zum anderen viel kürzer sind als hier.“

„Bei uns ist das anders. Es ist oft nicht der Termin an sich, der viel Zeit in Anspruch nimmt, sondern die Fahrt dorthin. Wir Kanadier können es uns daher gar nicht leisten, uns wegen Zeit Stress zu machen. Wenn ich auf dem Highway nur 80 km/h fahren darf, dann ist das eben so. Wenn der nächste Supermarkt mehrere Kilometer weit weg ist, brauche ich eben eine bestimmte Zeit dorthin und kann meinen Tag auch nur dementsprechend planen. So ist das und daran kann man nichts ändern. In meinem Kalender stehen zwar nur zwei Termine, aber es dauert sehr lange, um von einem Ort zum anderen zu kommen und ich kann mir nicht noch mehr vornehmen. Das hat absolut gar nichts damit zu tun, dass wir beide länger für etwas brauchen, weil ich deinen Rollstuhl ein- und ausladen oder auf dich warten muss.“

Ich konnte es kaum fassen, als mir klar wurde, welches Ausmaß ihre Aussage für mich persönlich hatte. Beinahe mein gesamtes bisheriges Leben hatte ich mir eingeredet, es sein ein Problem, dass ich aufgrund meiner Behinderung für sämtliche Aktivitäten mehr Zeit benötigte. Nur mit dieser simplen Aussage hatte mir meine kanadische Freundin das Gegenteil bewiesen. Sie machte mir klar, dass eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle dabei spielt, wie man im Alltag zurechtkommt, nicht nur eine Behinderung. Es war nicht wichtig, wann genau etwas erledigt wurde, sondern viel mehr, dass es im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten überhaupt erledigt wurde. Wichtig waren eine gute Organisation mit einer klaren Einschätzung des Zeitaufwands und dass man auf genügend Zeit zum Erholen achtete, da man sich sonst nicht wohl fühlte und deshalb noch langsamer vorankam. Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer ergaben sich aus der Aussage meiner Freundin zwei Erkenntnisse, die mir auch schon im Natural Horsemanship begegnet waren:

• Take the Time it Takes.

Nimm dir so viel Zeit für etwas, wie es braucht. Nimm dir so viel Zeit für etwas, wie du bauchst. Wenn du versuchst, hier und da „noch schnell etwas dazwischenzuschieben“, machst du dir Stress, wo vorher keiner war, wirst unglücklich und langsam in deinem Tun, weil du keine Motivation mehr dafür hast. Es geht nicht hauptsächlich darum, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen, sondern es geht darum, diese Sache so zu erledigen, dass du zufrieden bist.

• Get it Done with a Little Fun.

Damit du zufrieden bist, ist es wichtig, dass du Spaß an dem hast, was du tust. Sei mit deinen Gedanken ganz bei der Sache, im Jetzt. So kannst du konzentriert arbeiten und eine Sache so schnell wie möglich erledigen, ohne dich gestresst zu fühlen. Wenn dir etwas nicht gefällt, gönne dir eine Ablenkung. Erhole dich dabei und starte dann einen neuen Versuch. Es ist keine Schande, deinen Kurs zu ändern, wenn dir etwas gar nicht liegt. Damit achtest du auf dich selbst und bereicherst andere, weil du ihnen gut gelaunt gegenübertrittst und sicher stellst, dass du die Aufgaben, die du von ihnen annimmst, am besten erledigst.

Get it Done with a Little Fun (2)

Get it Done with a Little Fun (1)

 

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Heute war eine Sache unvermeidlich, die ich aus Angst, sie nicht bewältigen zu können, immer wieder hinausgezögert habe: Wäsche waschen. Nachdem ich heute Morgen das letzte saubere Paar Socken aus dem Schrank genommen hatte, schrillten sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf: „Du hast nichts mehr zum Anziehen… Guck dir diesen Berg dreckige Wäsche an… Das schaffst du doch niemals…“

Selbstverständlich reagierte mein Gehirn zunächst im Vermeidungsmodus, sodass die Alarmglocken von unglaublich überzeugenden Argumenten gegen das Wäsche waschen abgelöst wurden: „Ach, das reicht bis Montag! Dann kannst du deinen Assistenten bitten, die Wäsche für dich zu waschen… Oh, da ist ja noch ein Paar Socken. Es sind zwar Wintersocken, aber was soll’s… Es ist viel zu anstrengend für dich, jetzt runter in den Keller zu gehen mit der Wäsche… Du weißt doch gar nicht, wie die Waschautomaten funktionieren, vergiss es…“

Da mir bereits bewusst ist, dass so ein endloser Strom vermeidender Gedanken lediglich dazu führt, dass ich früher oder später mies gelaunt bin und das Leben plötzlich nur noch doof ist, setzte ich mich auf mein Bett, atmete tief durch und fragte mich: „Okay, was ist das kleinere Übel? Das Wochenende mit Wäsche waschen und bügeln zu verbringen oder sich am Montag zwischen zwei Vorlesungen abzuhetzen, um das ganze irgendwie zu erledigen?“

Die Antwort ist offensichtlich, nicht wahr? In solchen Momenten bin ich unheimlich froh darüber, dass ich mich schon seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetze und auf diesem Weg bereits so viele Menschen getroffen habe, die mir wertvolle Techniken, Denkanstöße und Konzepte vermittelt haben. Das weit verbreitete Argument „Es dauert eben so lange, wie es dauert.“ trieb mich in diesem Zusammenhang jedoch bisher zielsicher zur Weißglut. Heute, nach meinem Kanada-Aufenthalt, ist das glücklicherweise anders.

In Kanada angekommen war ich unglaublich gestresst, verspürte pausenlos eine innere Unruhe und die Frage, wie ich alles schaffen sollte, hämmerte permanent in meinem Kopf. Ich konnte es nicht fassen, wie ruhig und gelassen die Menschen, die ich traf, in ihrem Alltag waren und war davon überzeugt, dass ich ihnen meine scheinbar effektivere Lebensart vermitteln muss. Es dauerte nicht lange, bis ich mit dieser Einstellung heftig gegen die Wand lief, und dennoch sollte es beinahe bis zum Ende meines Aufenthaltes dauern, bevor ich diese Wand endlich umging. Als meine Gastmutter einkaufen fuhr, sagte sie: „Ich bin mal kurz weg.“ Ich ging natürlich davon aus, dass sie in spätestens 20 Minuten zurück sein würde, und winkte ihr zum Abschied mit einem Lächeln.

Eine halbe Stunde später sah ich noch immer kein Auto in der Auffahrt und wunderte mich. Eine Stunde später wurde ich unruhig und in meinem Kopf entwickelten sich die übelsten Horrorszenarien, warum sie noch nicht zu Hause war. Stau! Sie hat sich verfahren! Sie wurde überfallen und konnte nicht um Hilfe rufen, weil der Akku ihres Handys leer ist! Sie hatte einen Unfall und liegt schwer verletzt im Krankenhaus! Zwei Stunden später nahm ich immer wieder den Telefonhörer in die Hand und legte wieder auf bevor ich 911 gewählt hatte, weil ich dann doch dachte, den Notruf zu wählen sei zu übertrieben. Zweieinhalb Stunden später beschloss ich, mich mit einer Menge Knabbereien auf die Couch vor den Fernseher zu setzen und meine Nervosität buchstäblich in mich hineinzufressen. Nach etwa drei Stunden traute ich meinen Augen kaum, als ein Auto die Auffahrt hinauffuhr, meine Gastmutter vollbepackt mit Einkaufstüten ausstieg und grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Haustür marschierte. Sie sagte: „Hey! Guck mal, was ich alles eingekauft habe. Sind das nicht coole Sachen?“

Ich war fix und fertig. Was sollte das denn? Wie kann man für nur zwei kleine Taschen voll mit Lebensmitteln drei Stunden unterwegs sein? Ich glaube, die spinnt! Statt meiner Gastmutter eine Szene zu machen, sagte ich jedoch nur: „Du warst aber lange weg“, woraufhin sie mir erklärte, dass sie in zwei verschiedene Läden fahren musste. Mir war immer noch nicht klar, warum man drei Stunden brauchte, um ein paar Lebensmittel in zwei verschiedenen Geschäften zu kaufen, aber ich fragte nicht weiter nach.

Ein paar Wochen später lud mich eine andere kanadische Freundin ein, ein paar Tage bei ihr zu Hause in einem Vorort von Toronto zu verbringen. Ich freute mich sehr darüber und war mir sicher, dass dort in der Stadt alle genau so dachten wie ich.

Get it Done with a Little Fun (1)

Heute bin ich seit genau zwei Wochen in Iserlohn. Es kommt mir vor, als wären es schon Monate. Ich glaube, abgesehen von den Erlebnissen während meines Kanada-Aufenthaltes habe ich noch nie in so kurzer Zeit so viele neue Menschen kennen gelernt und unglaubliche Erlebnisse gehabt.

Das zeigt sich auch daran, dass ich bereits während ich diesen Blog schreibe (Duden sagt „das“ oder „der“: http://www.duden.de/rechtschreibung/Blog) Ideen für zwei weitere Einträge habe. Interessanter Weise habe ich schon mehrmals mit dem Bloggen angefangen und es bisher nicht durchgehalten. Dieses Mal habe ich jedoch das Gefühl, dass es mir wirklich hilft, die vielen neuen Eindrücke und Geschehnisse zu reflektieren und somit nachts ruhiger schlafen zu können.

Schlaf ist hier im Studentenwohnheim, wie man schon im ersten Beitrag lesen konnte, nicht selbstverständlich. Deshalb muss ich wirklich darauf achten, genug zu bekommen. Sicherlich nicht mangeln wird es mir hingegen an Parties und Spaß mit meinen Kommilitonen, aber dazu mehr in einem weiteren Blog. Obwohl in der vergangenen Woche nicht jeden Abend eine Party stattfand und ich deshalb einige Gelegenheiten hatte, lange und ruhig zu schlafen, konnte ich diese nicht nutzen (Wie oft habe ich in den vorigen beiden Zeilen „nicht“ geschrieben?!). Es hat eine Weile gedauert, bis mir der Grund klar wurde. Nun ist es mir jedoch umso mehr ein Bedürfnis, darüber zu schreiben.

Je bewusster ich mir meiner persönlichen Lebenssituation werde, desto mehr wird mir klar, dass ich gar kein Problem mit meiner Behinderung an sich habe, sondern vor allem mit drei Aspekten, die dadurch für mich im Vordergrund stehen:

• Die Art und Weise, wie ich als Mensch mit Behinderung von anderen wahrgenommen und behandelt werde.
• Die permanenten Schmerzen, die ich habe.
• Alle Aktivitäten, die ich mir vornehme, dauern länger als bei nichtbehinderten Menschen.

Alles dauert länger

Momentan spielt für mich wieder einmal der dritte Punkt eine sehr große Rolle. Mittlerweile kann ich zunehmend genauer abschätzen, wie viel Zeit ich für ganz alltägliche Dinge wie beispielsweise Essen kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, einkaufen, duschen oder den Müll rausbringen benötige. Es ist so, dass der Zeit- und Energieaufwand, den ich für solche Tätigkeiten benötige, zu einem Großteil davon abhängt, wie individuell die Umgebung, in der ich mich befinde, auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Das ist, denke ich, für jeden Menschen der Fall.

Allerdings bin ich als Mensch mit Behinderung der Meinung, dass solche äußeren Gegebenheiten eine wesentlich größere Rolle spielen als bei Nichtbehinderten. Das ist für mich nicht nur in Sachen Barrierefreiheit so, sondern auch beim Thema Alltags- und Haushaltsorganisation. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mein Apartment fertig eingerichtet hatte, da ich mich immerzu fragte: Brauche ich diesen Gegenstand sehr oft? Wo ist er für mich am einfachsten erreichbar? Oder: Wie bewege ich mich in diesem Raum? Wo platziere ich am besten welche Möbel, sodass ich mich zeit- und energiesparend, aber auch bequem und gemütlich hier aufhalten kann? Selbst nach zwei Wochen Leben auf gerade einmal 23,3 Quadratmetern fallen mir beinahe täglich Prozesse auf, die ich effizienter gestalten kann.

Ich dachte mir, dass die Alltagsplanung leichter werden würde, sobald mir mein Vorlesungsplan bekannt ist, allerdings macht mich dieses Wissen momentan eher verrückt. Schaue ich auf den Plan, sehe ich ein gut durchdachtes, abwechslungsreiches Studienprogramm mit Tagen, an denen ich fast durchgängig an der Uni bin, Tagen, an denen ich nur ein oder zwei Vorlesungen habe und Tagen, an denen gar keine Vorlesung stattfindet. Wahnsinn, so viel Freizeit!, dachte ich auf den ersten Blick. Je mehr sich jedoch für mich hier in Iserlohn ein Alltagsleben entwickelt, desto öfter denke ich: Verdammt, wie sollst du das denn alles schaffen?

Zwei Stunden Mittagspause zwischen den Vorlesungen klingt nach viel Zeit. Beachtet man jedoch, dass ich für die Zubereitung eines Mittagessens, das Essen an sich und das Aufräumen danach durchschnittlich anderthalb Stunden benötige, ist das Zeitfenster plötzlich ziemlich klein. Ich brauche nicht etwa so lange, weil ich besonders komplizierte Gerichte zaubern möchte, sondern weil aufgrund meiner Behinderung schon so eine simple Sache wie eine Tomate schneiden einem Staatsakt gleichkommt.

Da ich jedoch nicht immer zwei Stunden Mittagspause habe, bedeutet das für mich, dass ich die Gerichte am Abend vorbereiten muss, um sie am nächsten Tag in Ruhe essen zu können, statt mich nach einem anstrengenden Tag an der Uni gemütlich auf mein Bett zu legen und ein gutes Buch zu lesen. Natürlich kommt einem hier sofort das Argument „5-Minuten-Terrine“ in den
Sinn, ich glaube aber kaum, dass es einen Menschen gibt, der sich Tag ein, Tag aus davon ernähren möchte. Mir ist es zudem wichtig, auf meine Gesundheit zu achten und mein Essen zu genießen.

I’m a Survivor (2)

I’m a Survivor (1)

 

Mir geht ein Licht auf

Nach dreimaligem Seitenwechsel kam ich gefühlte Jahrtausende später schweißgebadet und kurzatmig am Baumarkt an. Bereits beim Versuch die Glühlampe umzutauschen scheiterte ich. Meine Mutter hatte am Samstag nach dem Einschrauben in die Fassung die Originalverpackung entsorgt, was zur Folge hatte, dass der Beleuchtungsfachmann die Glühlampe nicht zurücknahm. Als ich ihn fragte, ob ich denn eine andere Möglichkeit hätte, als eine neue zu kaufen, verstand er mich falsch und warnte mich davor, ihn zu betrügen, in dem ich etwas anderes kaufte und dann mit dem neuen Kassenbon auf den Umtausch bestand.

Eigentlich dachte ich: Alter, hör‘ mir doch mal zu! Ich will dich nicht betrügen, ich will einfach nur eine Energiesparlampe, die nicht so verdammt grell leuchtet wie die, die ich schon habe! Kapiert!?

Stattdessen holte ich tief Luft, lächelte und sagte: „Versteh‘ ich nicht. Ich will doch einfach nur eine neue Glühlampe kaufen.“ Daraufhin entschuldigte sich der Verkäufer wortreich und erklärte mir ausführlich die verschiedenen Arten von Licht und Lampen. Jetzt weiß ich, dass eine 100 Watt Energiesparlampe mit neutralweißem Licht eindeutig zu grell leuchtet für eine simple Leselampe. Ausgerüstet mit einer warmweiß leuchtenden 60 Watt-Lampe („Für Gemütlichkeit und Wohlbefinden“) machte ich mich dann auf zum Gartencenter im 2. Stock des Baumarktes.

Bei den Blumentöpfen angekommen erschrak ich erst einmal ob der horrenden Preise, bis mir klar wurde, dass nur die kunstvoll gestalteten Keramiktöpfe so teuer waren. Ein paar Meter weiter fand ich die Art von Übertopf, die ich gerne haben wollte, zu einem erschwinglichen Preis. Allerdings hatte ich die Durchmesser der Pflanztöpfe in meinem Zimmer, die ich zuvor extra ausgemessen hatte, wieder vergessen. Auch hier gab sich der Fachmann für Gartenbau alle Mühe, mir den richtigen Blumentopf zu verkaufen. Stolz wie Bolle nahm ich also vier mittelgroße Übertöpfe in der Farbe „creme“ und einen großen aus dem Regal, als es mich traf wie der Blitz.

Schön und gut, dass ich mich so überaus motiviert auf den Weg zum Baumarkt gemacht hatte, aber wie sollte ich, ohne Einkaufstasche oder Rucksack, vollgepackt mit fünf Blumentöpfen, wieder zurück zur Uni kommen?!

Irgendwie geht alles!, dachte ich und folgte dem Verkäufer zielstrebig zur Kasse. Dort angekommen verwandelten sich zwei Verkäuferinnen in fleißige Beinchen, die mir meine Blumentöpfe fachgerecht in Papier und Plastiktüten verpackten. Da der Sitz des Rollstuhls nun belegt war mit fünf Blumentöpfen, einer Energiesparlampe und einer kleinen Handtasche, hieß es wieder: Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt!

Verlaufen, vergessen, versiegelt

Auf dem Parkplatz des Baumarktes kramte ich meine To-Do-Liste aus der Handtasche und ohrfeigte mich gleich danach im Geiste. Küchenplattenversiegelung vergessen! Zurück durch die Eingangstür des Baumarktes mit einem beschwingten „Da bin ich wieder!“ und ab zur Information. Eine der Verkäuferinnen an der Kasse sah mich und fragte mich gleich, was ich bräuchte. Inzwischen war ich so erschöpft, dass ich mich auf einer Gartenbank ausruhen musste, die im Eingangsbereich ausgestellt war. Herrlich, diese Ironie. Eine Rollstuhlfahrerin muss sich auf eine Bank setzen, um sich auszuruhen. Nach einigen Minuten kam die Verkäuferin zurück mit zwei kleinen Kanistern Holzöl für Gartenmöbel und wir sagten beide synchron: „Na ja, für die Küche ist das wohl nicht das richtige.“ Meine Intuition sagte mir, dass ich es in der Abteilung „Lacke und Farben“ probieren sollte, dennoch schickte mich die Verkäuferin in den Bereich „Sanitär und Baustoffe“.

Dort angekommen wuselte ein einziger Verkäufer mit stressverzerrtem Gesicht durch die Gänge, drei Kunden im Schlepptau. Der eine wollte Rohre, die anderen beiden, ein älteres Ehepaar, Untergrund für die Fliesen in der Garageneinfahrt. Man sah sofort, dass das Ehepaar zur Kategorie der Kunden gehörte, die tausendmal die gleiche Frage stellen und niemals zuhören, aber sofort eingeschnappt sind, wenn sie nicht beraten werden. Der Verkäufer sah die beiden verzweifelt an, ließ dann denjenigen, der Rohre kaufen wollte, stehen und sprach das Ehepaar an. Die erste Reaktion, die er bekam, war ein „Was? Ich kann Sie nicht hören.“ Daraufhin änderte der Verkäufer seine Taktik von „An zwei Orten gleichzeitig sein“ zu „Schrei es einfach raus!“ und bekam daraufhin einen miesepetrigen Blick von der älteren Dame und ihrem Mann.

Nachdem der Verkäufer den beiden einen 40 kg-Sack mit dem gewünschten Baustoff in den Einkaufswagen gewuchtet hatte, fragte die Dame ihn: „Wann kann man denn da wieder mit dem Auto drüberfahren?“. Als die Antwort lautete: „Nach 28 Tagen!“, plusterte sie sich auf und das Unheil nahm seinen Lauf. „Also nein, das geht nicht. Haben Sie denn nichts Besseres? Was, das schneller trocknet und genau so gut ist?“ Der Verkäufer riet den beiden, sich in Gang M5 umzuschauen, bekam als Reaktion jedoch nur ein „Häää?“ und miesepetrigere Gesichter. Langsam aber sicher wurde mir klar, dass ich morgen früh noch hier stehen würde, weshalb ich zurück in den Sanitärbereich ging und mich ganz ungeniert auf einen Schreibtischstuhl setzte. Meine Beine wollten einfach nicht mehr stehen. Nach einer halben Ewigkeit sprach mich ein junger Verkäufer an, ich erklärte ihm mein Anliegen und er sagte: „Ach so, Küchenplattenversiegelung. Die ist in der Abteilung ‚Lacke und Farben.'“ Mit einem frustrierten „Hmpf!“ sank ich auf dem Bürostuhl zusammen, woraufhin der Verkäufer loslief, um mir das Produkt zu bringen.

Darf ich vorstellen? Frieda.

Glücklich und zufrieden über meinen Einkauf machte ich mich auf den Rückweg. Schon beim ersten Wechsel des Bordsteins zeigte sich, dass ebendieser mit Gepäck nicht annähernd so einfach war wie ohne. Als ich das Gleichgewicht verlor, blieb mir nichts anderes übrig als am Straßenrand stehenzubleiben und zu beten, dass ich nicht umfalle, woraufhin ein Ehepaar, das just in diesem Moment mit dem Auto an mir vorbeifuhr, stehen blieb und mir anbot, mich zu meinem Ziel zu fahren. Im Apartment angekommen konnte ich selbst kaum glauben, dass ich es geschafft hatte. Um 08:00 Uhr morgens hatte ich mein Apartment verlassen, mittlerweile war es 11:30 Uhr. Statt mich auszuruhen machte ich mich jedoch daran, meine Küchenplatte zu versiegeln und meine Gartenkräuter in die Übertöpfe umzusetzen. Zwei Stunden und eine genüssliche Brotzeit später machte ich mich zum zweiten Mal auf den Weg ins Verwaltungsgebäude, um den IT-Fachmann zu finden.

Nachdem ich mich heillos im Gebäude verirrt hatte, fand ich die EDV- Abteilung endlich. Die Herren Computerspezialisten staunten nicht schlecht über mein Problem, hatten jedoch leider auch kein Ladekabel für mein iPhone. Einer der beiden folgte mir zurück in mein Apartment, um nach dem Problem mit der Internetverbindung zu schauen. Wieder kam keine Verbindung zustande als er meinen Windows-Laptop anschloss, also überwand ich mich, mein nagelneues MacBook namens Frieda auszupacken und es mit ihr zu versuchen. Eigentlich wollte ich Frieda erst dem Tageslicht aussetzen, nachdem der Umzug vollständig abgeschlossen war. Kaum steckte das Kabel in der Buchse, vermeldete Frieda volle Signalstärke und ich konnte es kaum fassen, wie glücklich ich war über so etwas simples wie eine Internetverbindung. Meine Mutter flippte aus, als ich ihr endlich ein Lebenszeichen schickte, und ich konnte nicht mehr von Frieda ablassen. Nun sitze ich seit einiger Zeit hier, schreibe dieses (diesen?) Blog und bin ganz entzückt von klein Frieda.

I’m a Survivor (1)

Wer braucht schon ein Telefon?

Ich habe die ersten Nächte und Tage in Iserlohn überlebt! Allerdings befinde ich mich in einem riesigen Abenteuer, glaube ich. Gerade als meine Mutter am Samstagabend gegangen war, sah ich, dass der Akku von meinem iPhone nur noch auf 2% stand. Ich wurde panisch und suchte wie wild mein Ladekabel- natürlich fand ich es nicht. Ich schaffte es gerade noch, ihr in einer SMS zu sagen, wie dankbar ich bin für ihre Hilfe und wie sehr ich sie liebe.

Dann klingelte mich eine Freundin an und mein iPhone verabschiedete sich. Sprich, ich war keine 24 Stunden in einer fremden Stadt, auf einem unbekannten Campus, in einer neuen Wohnung und schon alleine, dazu noch völlig abgeschnitten von der Außenwelt, da meine Internetverbindung im Apartment auch nicht funktionierte. Auf dem Campus war absolut niemand, weil 1. Semesterferien waren bis zum 1. Oktober und weil 2. am Wochenende die wenigen, die hier geblieben sind, alle ausgeflogen waren. Ich bekam eine Vollkrise, heulte erstmal ordentlich und räumte dann weiter mein Zimmer ein, um mich abzulenken. Irgendwann fiel ich endlich todmüde ins Bett.

Achtung, BiTS-Beben!

Nachts um 03:14 Uhr stand ich, unsanft aus dem Tiefschlaf gerissen, senkrecht im Bett mit Herzrasen und Schnappatmung, weil mein Apartment vibrierte. Im Delirium dachte ich „Erdbeben! Erdbeben!“ und war wie paralysiert. Es dauerte ziemlich lange bis ich zurechnungsfähig genug war, um das Gewummer und die Sirenen als dröhnende Clubmusik mit Soundeffekten zu identifizieren- Ich wohne direkt gegenüber von der Campusdisko und die Studenten dachten sich, nachdem sie von den Parties in der Stadt wieder nach Hause gekommen waren, „Wieso nicht einfach weiter feiern?“ Ich überlegte kurz, ob ich lachen oder weinen sollte, dann entschloss ich mich dazu, zu lachen, die Fenster aufzumachen und im Schlafanzug mitzufeiern. Um kurz nach 04:00 Uhr wurde die Musik endlich leiser und ich legte mich erleichtert wieder in mein Bett. Keine fünf Minuten später ging die Feierei in die nächste Runde, bis zum Morgen. Fazit: Es gibt genau zwei Möglichkeiten an Wochenenden oder den Abenden vor Feiertagen an der Uni zu überleben

  • 1. Ohropax kaufen, die Fenster verriegeln und hoffen, dass meine Mitstudenten nicht ganz so feierwütig sind wie am vorigen Wochenende.
  • 2. Mittagsschlaf halten und anschließend mitfeiern bis zum bitteren Ende.

Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht so richtig, welche Option mir lieber ist.

Prioritäten setzen für Erstsemester

Am Sonntag ging das Ein- und Umräumen im Apartment weiter, leider immer noch ohne ein Lebenszeichen von meinem iPhone-Ladekabel. Ab und zu hörte ich Autos und Stimmen unten auf dem Campus. Ich war aber noch so durch den Wind, dass ich mich nicht traute, raus zu gehen und jemanden anzusprechen. Es machte mich halb wahnsinnig, niemanden erreichen zu können, auch nicht im Notfall.

In der Nacht konnte ich erneut kaum schlafen, weil ich den Montag, den Tag an dem wieder Leben in den Campus einkehren würde und ich etwas tun könnte, kaum erwarten konnte. Um Punkt 06:00 Uhr schlug ich dann heute Morgen die Augen auf und war schlagartig hellwach. Meine Lehrer auf dem Internat wären stolz gewesen, wenn ich mit so viel Elan in einen Schultag gestartet wäre! Am Sonntag hatte ich mir eine Liste geschrieben, was ich alles vor dem Studienstart noch erledigen muss. Der erste Punkt lautete eigentlich: „Im Baumarkt Küchenplattenversiegelung und Übertöpfe kaufen, Schraubfüße zurückgeben und Glühlampe umtauschen“. Für mich war jedoch ganz klar, dass ein neuer Punkt höchste Priorität hatte: Internet funktionsfähig machen!

Also, ab in den Rollstuhl und los ging es ins Verwaltungsgebäude. Ich bin sehr froh darüber, dass das Gebäude mit den Verwaltungs- und Vorlesungsräumen, ein Neubau, weitgehend rollstuhlgerecht gestaltet ist (Abgesehen von einigen wenigen Rampen, die so steil sind, dass ich in der Mitte nicht mehr weiter komme und seufzend wieder rückwärts runter rolle). Mit den Apartmentkomplexen sieht es allerdings ganz anders aus. Alles Altbau, viele Treppen, ein einziger Lastenaufzug, und alle fünf Meter eine schwere Feuerschutztür. Nichtsdestotrotz ist genau dieser Weg durch sieben Feuerschutztüren die einzige Möglichkeit, treppenlos durch einen überdachten, unbeheizten, teilweise unbeleuchteten Kellergang in das Verwaltungsgebäude zu gelangen und dann über einen ebenerdigen Ausgang die Uni zu verlassen. Bevor ich hierher kam dachte ich, ich könne morgens länger schlafen, da die Vorlesungsräume gleich nebenan sind. Weit gefehlt!

Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt!

Ich brauche gute 20 Minuten, um von meinem Apartment „in die Zivilisation“ zu gelangen. Wie ich den Müll runter bringen oder meine Wäsche im Waschraum waschen soll, weiß ich noch nicht. Aber da wird mir schon etwas einfallen (Not macht glücklicherweise erfinderisch, nicht wahr?). Im Verwaltungsgebäude angekommen war der IT-Fachmann natürlich noch nicht da (Welcher Informatiker fängt schon vor 10 Uhr morgens an zu arbeiten!?), also machte ich mich auf in den Baumarkt. Frei nach dem Motto: „Wer durch sieben Feuerschutztüren mit dem Rollstuhl hindurchkommt, gelangt auch zum Baumarkt!“ Hierzu muss ich anmerken, dass die Uni am unteren Ende eines langen, steilen Hangs liegt und der Baumarkt sich am oberen Ende befindet.

Reichlich optimistisch fuhr ich dennoch weiter mit dem Rollstuhl. Der Berg wurde steiler, meine Kraftreserven geringer und plötzlich kippte der Rollstuhl nach hinten statt nach vorne weiter zu rollen, als ich mich mit Schwung anschob. Klares Zeichen: Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt! Damit jedoch nicht genug. Am Ende des Hangs angelangt, verschwand plötzlich der Fußgängerweg im Nichts und tauchte auf der anderen Straßenseite wieder auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Kante auf beiden Seiten gut und gerne 30 cm hoch war und fragte mich selbst: Wie kommst du jetzt mit dem Rollstuhl über diesen hohen Bordstein auf die andere Straßenseite, ohne überfahren zu werden? Ganz einfach, sagte ich mir: Augen zu und durch! Etwa 10 Meter weiter die gleiche Situation: Bürgersteig auf der einen Seite weg und drüben wieder da.