Jobsuche mit Behinderung • Endstation Berufsbildungswerk (1)

Eine Facebookseite zu meinen Aktivitäten ist am 25. Januar 2014 online gegangen. Die erste Frage, die dort aufkam war:

Jobsuche mit Behinderung- Wie macht man das?

 

Schaut man zuerst auf die Barrierefreiheit einer Arbeitsstelle, wenn man eine Behinderung hat? Oder darauf, ob die Position einem gefällt?

 

Jobsuche mit Behinderung: Ein Spießrutenlauf

Meine persönlichen Erfahrungen, Kommentare in Facebook und Erzählungen von Freunden haben gezeigt, dass die Jobsuche mit Behinderung alles andere als einfach ist. Man sucht definitiv erst einmal nach Barrierefreiheit. Nicht nur in Bezug auf Hindernisse am Arbeitsplatz, sondern vor allem wegen Barrieren in den Köpfen der Menschen!

Als ich im Frühjahr 2012 Hals über Kopf meine Schule in Neckargemünd im schönen Baden-Württemberg mit meiner Fachhochschulreife verließ, hatte ich zwar einen Plan davon, was ich nicht mehr machen wollte, aber keine Idee, was stattdessen in Frage kam. Von der Arbeitsagentur hatte ich bisher nichts Gutes gehört.

Dennoch beschloss ich, dieser Institution eine Chance zu geben und vereinbarte einen Beratungstermin. Schon während ich durch die Gänge lief, kam ich mir vor wie in einer Anstalt. Alles grau, kalt und anonym. Ein winziges Fünkchen Hoffnung keimte allerdings in mir auf, als mir eine kleine, rundliche Frau mit wilder Lockenfrisur die Tür öffnete und mich hereinbat.

Dieses winzige Fünkchen Hoffnung wurde jedoch nach nicht einmal 20 Minuten Gespräch im Keim erstickt, nachdem die Dame sich -verschämt und unverschämt- über mich und meinen Lebensweg erkundigt hatte. Sie schaute mich an und sagte: „Tja, Frau Glücklich. Da sehe ich keine andere Möglichkeit, als Sie an ein Berufsbildungswerk zu vermitteln. Ich hätte da auch schon eins im Auge. Es gibt da ein ganz tolles in Neckargemünd! Was halten Sie davon?“

NICHTS!, meine Liebe, ABSOLUT GAR NICHTS!, dachte ich wütend und musste mich beherrschen, ihr nicht direkt an den Hals zu springen. Ich holte tief Luft und gab der Beraterin mir gegenüber sehr deutlich zu verstehen, dass ich vor ein paar Tagen genau da her gekommen war, aus Neckargemünd, und ganz bestimmt nicht dorthin zurückwollte.

Der Preis des Wissens (4)

Der Preis des Wissens (3)

 

 

Was ist der Preis für Wissen?

Eine positive Seite hatte die Angelegenheit trotzdem. M. und ich kauften Klamotten bis zum Umfallen und hatten jede Menge Spaß. Aus Kleidergröße 36/38 war für mich Kleidergröße 34 geworden und ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben in fast jedem Kleidungsstück, das ich anprobierte, einfach nur wunderschön. Mein Bankkonto weint immer noch, ich lache immer noch von einem Ohr zum anderen. Jedes Mal, wenn ich eines der neuen Teile trage. Jedes Mal, wenn ich meine neue Frisur im Spiegel sehe. Trotzdem bin ich mehr als nachdenklich. Ich frage mich: Was ist der Preis für Wissen?

Auch jetzt noch, 12 Tage nach der letzten Prüfung, sitze ich zu Hause bei meinen Eltern und bin völlig erschöpft. Ich schlafe zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht, bin ein paar Stunden wach und muss mich dann mit Kopfschmerzen und unglaublicher Schlappheit wieder hinlegen. Die Hausarbeit wartet immer noch darauf, geschrieben zu werden. In mir kommt neue Anspannung auf, ob ich sie rechtzeitig abliefern kann, ob ich sie gut schreiben kann. Am 27. Januar beginnt mein sechswöchiges Pflichtpraktikum.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

37,5 Stunden Arbeitszeit pro Woche, dazu jeden Tag die Hin- und Rückfahrt und ein zehnseitiger Praktikumsbericht. Seit letztem Dienstag habe ich auch wieder regelmäßig Physiotherapie. Ja, sie hat mir sehr gefehlt. Ja, sie tut mir sehr gut. Aber sie ist letztendlich auch wieder ein Termin mehr, den ich in meinem Alltag berücksichtigen muss. Angelegenheiten mit diversen Behörden müssen auch noch geklärt werden. Und, last but not least, warten einige (Freizeit-) Projekte, die mir schon lange am Herzen liegen, sehnsüchtig darauf, endlich (wieder) in Gang gesetzt zu werden.

Soll es etwa von jetzt an mindestens zweieinhalb Jahre bis zu meinem Bachelor- Abschluss so weitergehen? Erschöpfung, Stress bis an den Rand der Verzweiflung und nur mittelmäßige Prüfungsergebnisse, obwohl ich durchaus mehr Grips im Kopf habe? Das möchte ich auf keinen Fall. Momentan zerbreche ich mir allerdings noch den Kopf darüber, wie ich meinen (Studien-) Alltag zukünftig entspannter und dementsprechend langfristig erfolgreich gestalten kann. Studium und Behinderung- Wie geht das, ohne sich regelmäßig beinahe zur völligen Erschöpfung zu bringen?

Ich hoffe, dass ich bis zum Beginn des 2. Semesters am 24. März eine Antwort auf diese Frage finde. Mich würde es sehr freuen, von anderen Studenten, die eine Behinderung haben, zu hören. Schafft ihr es, euren Alltag mit der Mehrbelastung durch eure Behinderung in Einklang zu bringen? Eine Balance zwischen Gesundheit und Studium zu halten?Welche Strategien habt ihr für euch entwickelt?

Der Preis des Wissens (3)

Der Preis des Wissens (2)

 

Ich war geschockt. Frustriert. Verwirrt. Fassungslos. Meinen Vorsatz, in jeder Prüfung eine Mindestanzahl an Punkten zu erreichen, legte ich augenblicklich auf Eis und sagte mir stattdessen: „Hauptsache, du kommst durch!“

Um mich nicht zu sehr aufzuregen, schlief ich erst einmal einige Zeit und lernte danach weiter. Abends legte ich mich wieder schlafen statt durchzupauken, zumindest war das der Plan. Kaum lag ich unter der Bettdecke, übermannten mich plötzlich meine Emotionen und die Anspannung. Die komplette Nacht heulte ich hemmungslos. Genau das, was ich in der Klausurenphase brauche!, dachte ich, und wäre am liebsten schreiend davongelaufen.

Am nächsten Tag stand zum Glück nur „Business English“ auf dem Prüfungsplan. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken machen müssen, sodass ich die Aufgaben auch ohne klaren Kopf weitgehend lösen konnte. Bestimmt würde anschließend ein bisschen Schlaf erneut Wunder wirken und meinen Kopf frei machen. Gesagt, getan. Kaum saß ich vor dem nächsten Skript, gingen die Schleusen wieder auf und die Heulerei weiter. So schleppte ich mich also in den folgenden Tagen von Prüfung zu Prüfung. Von Mathe einmal abgesehen lief es auch ziemlich gut und ich war der Meinung, mit jeder erledigten Prüfung etwas entspannter zu werden.

Augen zu und durch!

Am Tag vor der letzten Prüfung, einem Modul mit drei Fächern, fühlte ich mich jedoch sehr müde und nahm mir vor, mich ausnahmsweise tagsüber auszuruhen und stattdessen in der Nacht zu lernen. Ich stellte mir den Wecker, deckte mich zu und schlief- bis zum nächsten Morgen um Punkt 7:00 Uhr! Aber ich hatte doch absolut gar nicht lernen können für diese letzte Prüfung! Wie sollte das denn funktionieren?! Ganz kurz kam mir der Gedanke, mich krankschreiben zu lassen, aber ich entschied mich in letzter Minute für „Augen zu und durch!“. Erstaunlicherweise fiel mir diese Prüfung am leichtesten von allen!

Danach konnte ich gar nicht glauben, dass der ganze Spuk (abgesehen von einer Hausarbeit, die ich noch bis 31. Januar anfertigen muss) vorbei sein sollte. Ich kam überhaupt nicht runter. Jedes Mal, wenn ich mein Zimmer betrat, ging ich schnurstracks zu meinem Schreibtisch und fing an, in den Skripten zu blättern, bis mir einfiel, dass ich ja gar keine Prüfungen mehr schreiben musste. In meinem Kopf blinkte wie eine Leuchtreklame unaufhörlich das Wort LERNEN! auf und ich kam mir vor wie ein pawlowscher Hund.

Shopping ist die beste Medizin

M. und ich beschlossen, die Prüfungsphase mit einer Mega-Shoppingtour aus unseren Köpfen zu verbannen. Zuvor zog ich eine Hose an, die ich zum letzten Mal einige Zeit vor den Prüfungen getragen hatte, weil ich mir unsicher über meine Kleidergröße war. Ich fiel fast rückwärts um vor Schreck. Die Hose rutschte beinahe schon von selbst wieder von meinen Hüften. Ich war so perplex, dass ich das ganze mit einem Foto dokumentieren musste. Die Jeans hatte schon immer eher locker gesessen, aber das war definitiv nicht normal. Der Stress während der Vorlesungszeit und vor allem während der Prüfungsphase war so groß gewesen, dass ich einiges an Gewicht verloren hatte, ohne es wirklich zu merken.

Im Nachhinein betrachtet hatte ich während des Lernens immer unglaublich großen Hunger und Durst. Sobald ich jedoch das Essen im Kühlschrank auch nur sah, wurde mir speiübel und ich konnte so gut wie nichts zu mir nehmen. Stattdessen kaute ich Unmengen an Kaugummi, um mich konzentrieren zu können, und trank teilweise mehr als drei Liter Wasser oder Apfelschorle am Tag. Mit so krassen Auswirkungen hatte ich jedoch nicht gerechnet.

Der Preis des Wissens (2)

Der Preis des Wissens (1)

 

Zum Glück habe ich unter den Kommilitonen meine ganz persönlichen Engel gefunden, die mich seit dem ersten Tag unterstützen in jeder möglichen und unmöglichen Lebensphase, weshalb ich mich nach einiger Zeit wieder erholte und scheinbar relativ entspannt alle Verpflichtungen bis zu den Weihnachtsfeiertagen erledigen konnte.

Am 20. Dezember 2013, dem letzten Vorlesungstag für mich, konnte ich es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen. Ich freute mich, dass ich bis zum Beginn der Prüfungsphase am 8. Januar 2014 Zeit haben würde, den Lernstoff in aller Ruhe noch einmal durchzugehen und gleichzeitig ein paar entspannte Tage mit meiner Familie zu verbringen. Diese Freude währte allerdings nicht lange.

In der ersten Nacht zu Hause schlief ich wieder einmal wie ein Stein- und wachte am nächsten Morgen mit Halsschmerzen, Fieber und Mandeln, gefühlt so groß wie Golfbälle, auf. Super!, dachte ich, setzte mich in den nächsten zwei Tagen trotzdem fleißig an meine Vorlesungsskripte und machte mir Notizen. Am 23. Dezember haute es mich dann völlig um und es ging nichts mehr. Weihnachten verbrachte ich schlapp und schniefend. Am 29. Dezember fühlte ich mich besser und freute mich auf Silvester. Langsam, aber sicher machte ich mir Gedanken darum, ob ich es schaffen würde, mir das Wissen für die Klausuren rechtzeitig anzueignen. Dennoch sagte ich mir: Erst gesund werden, dann die erste Januarwoche intensiv lernen!

Auch dieses Vorhaben scheiterte kläglich. Buchstäblich um fünf vor zwölf am 31. Dezember meldete sich die Erkältung mit voller Wucht zurück und wurde noch schlimmer als zuvor. Bis zum 6. Januar lag ich fast ausschließlich im Bett, das MacBook auf dem Schoß, die Skripte um mich herum verteilt, und kämpfte mich durch einen Berg von Lernstoff. Ich war zuversichtlich, schlief nachts statt mich -wie die meisten anderen Studenten- mit Energydrinks wach zu halten und arbeitete ein Fach nach dem anderen durch. Natürlich wurde ich nicht rechtzeitig zum Beginn der Prüfungsphase mit allen Skripten fertig. Da alle Prüfungen jedoch morgens stattfanden, nahm ich mir vor, jeweils den restlichen Tag zum Lernen für die nächste Prüfung zu nutzen.

Die erste Prüfung am 8. Januar bestand aus dem Fach „Marketing“ und dem neu eingeführten Fach „Historie und Trends der Betriebswirtschaft“. In letzterem fühlte ich mich unglaublich fit, da ich es interessant und spannend fand. Am Abend vor der Prüfung traf ich mich noch mit zwei anderen Studentinnen, um mit ihnen das Skript durchzugehen, und betete ihnen tatsächlich das komplette Dokument von A bis Z herunter. Wow!

Damit, dass ich so viel wusste, hatte ich selbst nicht gerechnet. Ich war unglaublich motiviert und es störte mich nicht, dass ich mir das Marketing-Skript nicht mehr so intensiv angeschaut hatte. Am Morgen saß ich dann in der Prüfung- und konnte das Blackout in meinem Kopf förmlich hören. Fast 30 Minuten saß ich da und konnte noch nicht einmal einen Stift halten. Irgendwann brachte ich zum Glück doch ein paar Gedanken zu Papier, jedoch bei weitem nicht all das, was ich am Abend zuvor meinen Freunden erklärt hatte. Am Ende schaffte ich es trotz Zeitverlängerung (die ich wegen meiner Behinderung bekommen hatte) nicht, alle erforderlichen Aufgaben zu bearbeiten.

Der Preis des Wissens (1)

Nach fast zweimonatiger unfreiwilliger Blog-Abstinenz melde ich mich heute mit Gedanken zurück, die mich schon seit Jahren beschäftigen, aber erst Anfang Januar während meiner ersten Prüfungsphase an der Universität wieder so richtig aktuell geworden sind.

Schon seit ich denken kann, war Leistung ein wichtiger Faktor in meinem Leben. Wenn man so will, ging es schon bei meiner Geburt darum, dass mein Körper kämpfte, um trotz der Frühgeburt genug Sauerstoff zu bekommen und zu überleben. Während meiner Therapien ging es von Anfang an darum, möglichst lange und intensiv zu trainieren, um schnell große Fortschritte zu machen. In meiner Schulzeit hieß es oft, ich müsse meine Körperbehinderung durch bessere „geistige Fähigkeiten“ ausgleichen und mich deshalb im Unterricht mehr anstrengen als die anderen.

All diese Ratschläge nahm ich mir irgendwann, größtenteils unterbewusst, so zu Herzen, dass in mir ein unglaublicher Leistungsdruck wuchs und ich permanent in allen Lebensbereichen das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein. Natürlich ging mein daraufhin gefasster Entschluss, immer 110 % zu geben, nicht lange gut und ich bekam heftige psychische Probleme. Über Jahre versuchte ich die Situation wieder in den Griff zu bekommen, aber es sollte tatsächlich bis zum Ende meines Aufenthalts in Kanada dauern, bis ich das Gefühl hatte, endlich wieder innerlich stabil, kraftvoll und motiviert zu sein.

Bevor das Studium im Oktober 2013 begann, war ich selbstverständlich sehr aufgeregt und fragte mich ab und zu, ob ich das alles schaffen würde. Aber es war anders als bisher. Ich stellte mir diese Frage nicht permanent und nicht mit einem Gefühl der Panik im Hintergrund, sondern mit dieser kribbeligen Vorfreude, die man hat, wenn man ein lange verfolgtes Ziel endlich erreicht.

Zu Beginn der Vorlesungszeit ergaben sich immer mal wieder Situationen, in denen ich mich kurzzeitig überfordert oder nicht gut genug fühlte, aber es geschah immer irgendetwas, das mir diese negativen Gefühle schnell nahm und mir zeigte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Zudem nahm ich diese Empfindungen ernst statt sie zu verdrängen und gönnte mir Pausen, wenn mir danach war. Mein wunderbar strukturierter Lern- und Freizeitplan ging dadurch zwar Tag für Tag völlig in die Hose, aber ich fühlte mich gut, weil ich auf mich selbst achtete und morgens fit für einen neuen Tag war.

Nach und nach änderte sich das jedoch. Plötzlich schlief ich schlecht, wusste zunächst aber gar nicht, warum. Dementsprechend schwer kam ich morgens aus den Federn, kam ständig zu spät zur Uni und war abends nach den Vorlesungen oft so erschöpft, dass ich direkt mit dem Rollstuhl in mein Zimmer zum Bett fuhr, mich hinlegte und bis zum nächsten Morgen in einen komatösen Tiefschlaf fiel.

Reaktionen zu „Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin…“

Den Link zu meinem Blogpost „Ich hab’ noch einen Rollstuhl in Berlin…“ habe ich gestern öffentlich sichtbar in meinem Facebook-Profil geteilt. Außerdem habe ich ihn in der von Raul Krauthausen initiierten Facebook-Gruppe „Sätze, die Menschen im Rollstuhl ständig hören“, sowie der geschlossenen Facebook-Gruppe der BiTS-Studentenschaft und auf der offiziellen Facebook-Seite der Deutschen Bahn, DB Bahn, hinterlassen.

Lob an das Facebook-Team der Deutschen Bahn

Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, eine Antwort seitens der Deutschen Bahn zu erhalten. Schon gar nicht so zeitnah, ausführlich und einsichtig. Hut ab dafür, liebe Bahn, und nieder mit den Vorurteilen meinerseits.

Meinen Beitrag auf der offiziellen Facebook-Seite der Deutschen Bahn findet man hier. Ein Mitarbeiter der Bahn teilt mir in seiner Antwort auf meinen Beitrag mit, dass er sich meinen Blog durchgelesen habe. Er sei ebenfalls der Meinung, dass solche Situationen wie die von mir geschilderten nicht vorkommen dürfen. Außerdem schreibt er, dass „man so mit Menschen grundsätzlich nicht umgehen sollte.“

 Konkrete Lösungsschritte seitens der Bahn

Weiter bittet er mich, meine negativen Erfahrungen noch einmal detailliert per E-Mail zu schildern, sofern ich noch weiß, wann genau ich sie gemacht habe. Die Informationen würden dann „intern zur Aufklärung und Befragung der betroffenen Mitarbeiter“ weitergeleitet. Der Mitarbeiter möchte, dass ich ähnliche Vorfälle zukünftig direkt melde, und wünscht mir weiterhin „schöne und angenehme Reisen“.

Ich freue mich über diesen Kommentar und fühle mich in meinem Leitsatz „Wie’s reinschallt, schallt’s raus.“ ermutigt. Will heißen: Bringst du Kritik höflich und sachlich vor, bekommst du meist auch eine höfliche und sachliche Antwort.

Zwar habe ich nicht, wie Raúl Krauthausen in einem Update zu seinem Blog schreibt (unten auf der Seite, bei dem Foto), einen persönlichen Anruf von Bahn-Chef Rüdiger Grube mit einer Entschuldigung bekommen, aber immerhin. Raúl steht ja schließlich schon etwas länger mit allen vier Rollstuhlreifen im Licht der Öffentlichkeit als ich.

Auch die Reaktionen meiner Leser haben mich wirklich sehr positiv überrascht. Einige haben mir persönliche Nachrichten geschrieben und mich ermutigt, weiter so offen über mich, mein Leben mit Behinderung und meinen Umgang damit zu berichten. Ein Freund hat mich sogar angerufen und war ganz begeistert von meiner „hammer Schreibe“ (Danke, P. You made my day!).

Beitrag erregt breites öffentliches Interesse

Mitstudenten, Freunde, Bekannte, wildfremde Menschen haben meinen Link kommentiert und geteilt. Danke dafür! Die meisten haben mir zugestimmt, ihre eigenen Erfahrungen geschildert, manche haben die Diskussion erweitert, andere hatten bisher keine Probleme mit dem Mobilitätsservice der Deutschen Bahn.

Im Verlauf des heutigen Tages habe ich jeden einzelnen Kommentar gelesen, darüber nachgedacht und mir überlegt, wie ich reagiere. Nein, liebe Dozenten der BiTS Iserlohn, ich bin niemals (geistig) abwesend in einer Vorlesung und daddle mit meinem iPhone! Ich denke! Mir raucht der Kopf!

Ich dachte mir, wenn ich schon Kontakt habe zur Bahn, nutze ich gleich einmal die Gelegenheit und stelle alle Fragen zum Mobilitätsservice, die sich im Laufe der Zeit in meinem Kopf angesammelt haben bzw. im Laufe der aktuellen Debatte aufgekommen sind (siehe Kommentar zum Facebook-Beitrag).

Ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden!

 

Update, 57 Minuten später: Die Deutsche Bahn hat sich erneut zurückgemeldet und möchte sich öffentlich nicht zu Interna äußern. Sie bittet mich, meine Fragen per E-Mail zu stellen.

Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin, doch den lass‘ ich einfach steh’n! (3)

Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin, doch den lass‘ ich einfach steh’n! (2)

 

Selten beim DB-Mobilitätsservice: Herzlichkeit

Die Mitarbeiter des Mobilitätsservice oder Mitglieder des Zugpersonals, die aufgrund einer Zugverspätung kurzfristig die Betreuung an einem anderen Bahnhof organisieren, sind eher selten.

So auch die Mitarbeiterin, die routiniert und zügig den Hublift heranfährt, mich anlächelt und fragt, wie meine Reise war. Die mir sagt, dass wir noch ein bisschen Zeit haben bis zur Weiterfahrt und sie mich gerne noch zur Toilette bringen kann, wenn das nach der langen Reise nötig ist.

Ebenso der große, rundliche Mitarbeiter mit dem fremdländischen Akzent am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main, der mir wirklich jedes Mal begegnet, wenn ich dort Halt mache, immer für ein Witzchen gut ist und sich freut wie ein kleines Kind, wenn er „die Mädchen mit die schöne Gesicht“ wieder sieht.

Aber genau darauf kommt es an, wenn man allen Menschen ohne Ausnahme eine angenehme Reise bereiten möchte. Auf die Sympathie, die Flexibilität, die Menschlichkeit. Auf das Miteinander, die Hilfsbereitschaft, die Fähigkeit, auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Reisenden einzugehen.

Mein Fehler: Keine Beschwerde

Natürlich könnte man mir nun vorwerfen, dass ich die negativen Vorfälle zu keinem Zeitpunkt gemeldet habe. Im Nachhinein denke ich mir auch: „Hättest du mal den Mumm gehabt und deinem Ärger Luft gemacht!“. Manchmal hat man dazu einfach keine Kraft mehr. Es fehlen einem die Worte, wenn man so viel geballte Unmenschlichkeit erlebt. Oft wird mir erst klar, wie dreist das Verhalten der Beteiligten war, wenn der Spuk vorbei ist und ich wieder zur Ruhe gekommen bin. Dann bin ich einfach nur froh, heil zu Hause angekommen zu sein und mich nach einem nervenaufreibenden Tag in mein gemütliches, vertrautes Bett legen zu können.

Abgesehen davon geht es mir gar nicht darum, einzelne Menschen an den Pranger zu stellen. Ich möchte, dass sich generell etwas ändert. Dass ich nicht nur die im Rollstuhl bin, die nach Magdeburg muss. Sondern eine Reisende mit Mobilitätseinschränkung, der man gerne so gut wie möglich behilflich ist. Egal, wohin die Reise geht. Das gelingt meiner Meinung nach nur, wenn sich die Denkweise der Menschen von Grund auf ändert. Wenn Berührungsängste und Vorurteile abgebaut werden. Wenn eine Behinderung schlicht eine Art und Weise ist, wie man sein Leben lebt, ohne viel Aufheben.

Deshalb habe ich, summa summarum, nur ein Anliegen, liebe Bahn:

Schulen Sie Ihre Mitarbeiter noch besser und vor allem anders. Nicht nur mit Blick auf die theoretische Kompetenz. Sondern mit dem Augenmerk darauf, ob jemand diese Arbeit wirklich ausführen will. Weil er motiviert ist, anderen zu helfen. Weil er Freude daran hat, etwas Gutes zu tun. Weil es ihm wichtig ist, dass jeder Mensch uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.

Gerne schildere ich meine individuellen Erfahrungen. Jederzeit bin ich dazu bereit, gemeinsam mit Ihnen das Erlebnis Bahnfahrt und damit auch die Welt ein Stückchen besser zu machen.

Freundliche Grüße aus Iserlohn

Cinderella Glücklich

Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin, doch den lass‘ ich einfach steh’n! (2)

Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin, doch den lass‘ ich einfach steh’n! (1)

 

 

Was darf man sich unter dieser Angabe vorstellen?

Einen Mitarbeiter am Hauptbahnhof in Mainz, der völlig abgehetzt am Bahnsteig ankommt, mir sagt, dass er keine Zeit mehr hatte, die Hubrampe zu holen, und wir mich irgendwie so aus dem Zug bekommen müssen?

Der mich dann auffordert, mein Gepäck selbst zu tragen, ich hätte ja schließlich Platz dafür auf meinem Schoß, wenn ich im Rollstuhl sitze, und dann doch bitte ein bisschen schneller zu fahren, weil er schon wieder zum nächsten Fahrgast muss?

Der plötzlich stehen bleibt und einen ehemaligen Kollegen begrüßt aus der Zeit, als er noch als Beamter gearbeitet hat, und mir danach erzählt, wie schön das doch war. Viel schöner als immer diese Behinderten durch die Gegend zu schieben, sich ständig abzuhetzen und so eine niedere Arbeit zu verrichten. Er habe ja schließlich Abitur!

Außerdem habe er es nicht so mit Menschen, in einem Büro zu sitzen mit seinem Computer und seinen Akten würde ihm viel besser gefallen.

„Ja, das merke ich“, sage ich nur, „Aber lassen Sie uns doch jetzt einfach zum nächsten Zug gehen, ok?“ Daraufhin schaut er mit fahrigen Bewegungen auf seinen Zettel, gibt mir mit quietschender Stimme und weit aufgerissenen Augen zu verstehen, dass er es bis dahin zeitlich nicht mehr schafft. Er fragt mich, ob ich mich denn auskennen und es alleine schaffen würde. Ich bin völlig perplex, und noch bevor ich mein „Ja, aber…“ zu Ende sprechen kann, hat er sich umgedreht und ist verschwunden.

Bleib‘ doch zu Hause!

Einen Mitarbeiter der älteren Generation am Bahnhof in Braunschweig, der mit hinter dem Rücken verschränkten Armen felsenfest am Bahnsteig steht und mich anblafft: „Ja, kommen Sie jetzt endlich?!“?

Ich hole daraufhin tief Luft und sage, dass mein großer Koffer bitte noch aus dem Zug geholt werden muss. Er antwortet nicht, klappt die Hebebühne aus, fährt mich auf den Bahnsteig, schaut zu mir herab und meint: „Wenn Sie Ihr Gepäck nicht selber tragen können, müssen Sie eben zu Hause bleiben! Merken Sie sich das!“ Dann geht er in den Zug, hievt den Koffer mit einem Ruck auf meinen Schoß und sagt: „Da haben Sie Ihr Gepäck! Zufrieden?“ Zum Schluss schiebt er mich ungefragt zum nächsten Zug, instruiert seinen Kollegen, dass „die da nach Magdeburg muss“, und geht.

 Vielen Dank für Ihre Reise mit der Deutschen Bahn

Oder den schnöseligen Jungspund mit Gelfrisur unter seiner Deutsche Bahn-Kappe, der sich kaum dazu herablassen kann, meinen Rollstuhl anzufassen, und die Rampe des Hublifts so unsanft runterlässt, dass sie mir gegen die Schienbeine schlägt?

Liebe Bahn, ich glaube, dass Sie sich oben beschriebenes Verhalten nicht wünschen bei Ihren kompetent geschulten Mitarbeitern. Ich stelle mir das auch anders vor. Leider ist dieses und ähnliches Verhalten jedoch in den allermeisten Fällen Realität.

Ich hab‘ noch einen Rollstuhl in Berlin, doch den lass‘ ich einfach steh’n! (1)

Ein Appell an die Deutsche Bahn

Aus gegebenem Anlass und motiviert durch die vielen Reaktionen auf den letzten Eintrag heute noch einmal ein Blog von mir. Wie man im vorigen Eintrag „Was tut man nicht alles für… Saltatio Mortis“ lesen kann, war ich am vergangenen Wochenende sehr viel mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs, vor allem mit der Deutschen Bahn.

Das war nicht zum ersten Mal der Fall. Allerdings war es tatsächlich zum ersten Mal so, dass der Mobilitätsservice der Bahn einwandfrei funktioniert hat. Sozialheld, Aktivist und einer meiner großen Motivatoren Raúl Krauthausen, der die Glasknochenkrankheit hat und deshalb auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist, war ebenfalls mit dem Zug unterwegs. Er hatte jedoch nicht so viel Glück wie ich mit dem Mobilitätsservice.

Da die zuständigen Mitarbeiter aufgrund von fehlerhafter Kommunikation nicht rechtzeitig mit einem Hublift am Bahnsteig standen, fuhr der Zug mit Raúl einfach weiter und er konnte erst an einer anderen Haltestelle wieder aussteigen. Dadurch kam er 90 Minuten zu spät zu einem wichtigen Termin. Raúl twitterte darüber, sodass auch die Medien Wind davon bekamen.

© Screenshot Cinderella Glücklich

© Screenshot Cinderella Glücklich

Die BILDZeitung veröffentlichte sogar einen kurzen Artikel. Dieser Bericht sorgt nun natürlich für Aufruhr. Manche finden es gut, dass das Thema Beachtung bekommt, andere sind sauer und finden die öffentliche Aufmachung maßlos übertrieben (Raúls Brief an die Deutsche Bahn und Reaktionen dazu). Als ich die Meldung gestern zum ersten Mal gelesen habe, war ich zunächst auch ganz schön sauer und dachte: „Ja ja, die Bahn. Was mir mit denen nicht auch schon alles passiert ist!“.

Es ist nicht Sinn der Sache, den Mobilitätsservice und vor allem die dort aktiven Mitarbeiter alle über einen Kamm zu scheren und allgemein als inkompetent darzustellen. Meiner Erfahrung nach ist es jedoch tatsächlich so, dass nur wenige Servicemitarbeiter wirklich wissen, worauf es in ihrer Position ankommt. Viele sind nicht bei mir, dem Kunden, der auf Assistenz angewiesen ist, sondern sie machen den Job nur, „weil es ja irgendeiner machen muss“.

Auf ihrer Internetpräsenz www.bahn.de widmet die Deutsche Bahn Reisenden mit Handicap eine eigene Rubrik. Unter anderem gibt es unter der Überschrift „Die Bahn macht mobil und zwar alle Menschen, ohne Ausnahme“ sogar eine Broschüre „Mobil mit Handicap- Angebote und Services für mobilitätseingeschränkte Reisende“. Es ist ganz klar, dass die Deutsche Bahn sich als offener, kundenorientierter Servicedienstleister versteht. In der Broschüre wird sogar betont, dass die Mitarbeiter des Mobilitätsservice geschult werden, um noch besser auf die Bedürfnisse von Reisenden mit Behinderung eingehen zu können (Seite 12 der Broschüre).

Was tut man nicht alles für … Saltatio Mortis!? (5)

Was tut man nicht alles für … Saltatio Mortis!? (4)

 

 

Für P. und mich im Rollstuhl ein eher kleines Problem, für L. zu Fuß bedeutet das jedoch einen gut dreißigminütigen Fußmarsch durch die kalte Nacht. Von Hunger und Müdigkeit gequält machen wir uns auf. Da wir uns unterhalten, vergeht die Zeit gefühlt wie im Flug. C. ist schon lange an unserem Nachtquartier angekommen und hat die Herrin des Hauses aus dem Schlaf geklingelt, um nicht in der Kälte warten zu müssen. J. ist bereits auf dem Weg zurück nach Hause. Unsere Gastgeberin ist außer sich vor Sorge, als wir gegen 3:30 Uhr an unserem Ziel ankommen- durchgefroren, aber glücklich. In der Küche erwarten uns Butterbrote und heißer Punsch, genau das richtige nach so einer Odyssee.

Gegen 4:00 Uhr fallen wir halbtot ins Bett und ich schlafe mit dem grauenvollen Gedanken ein, dass ich bereits um 8 Uhr wieder aufstehen muss. Dann geht es zurück nach Iserlohn. Eine halbe Stunde später als geplant torkle ich aus dem Bett und mache mich landfein. Auf dem Frühstückstisch finde ich Holzofenbrot und Rosinenzopf, dazu heißen Pfefferminztee und verschiedene Marmeladen. Kann ein Tag besser beginnen?

Frisch gestärkt mache ich mich auf die Rückreise. Der Rest der Crew schläft noch den Schlaf der Gerechten und ich finde es sehr schade, dass ich mich nicht persönlich von ihnen verabschieden kann. Glücklicherweise klappt die Busfahrt reibungslos und auch der Aufzug an der U-Bahn-Haltestelle funktioniert -Oh Wunder!- wieder. Am Hauptbahnhof in Stuttgart angekommen geht das Abenteuer Rückreise jedoch erst richtig los.

Die günstigste Rückfahrvariante ergibt sich mit einem Schönes-Wochenende-Ticket. Das bedeutet allerdings, dass ich nur mit Regionalzügen fahren kann und von 12:19 Uhr bis 20:46 Uhr unterwegs bin. Von Stuttgart nach Heidelberg, von Heidelberg nach Frankfurt am Main, von Frankfurt am Main nach Siegen, von Siegen nach Hagen und von dort aus mit dem Auto nach Iserlohn. Ich habe Glück und der Mobilitätsservice der Bahn funktioniert ausnahmsweise einmal ohne Probleme.

Trotzdem bin ich heilfroh, als ich in Siegen einen früheren Zug nehmen kann, mich eine Kommilitonin in Hagen am Bahnhof abholt und wir den Rest der Strecke mit dem Auto zurücklegen. Dreimal umsteigen, in jedem Zug ein schreiendes Baby und einer der Züge so alt und dreckig, dass ich kurz davor bin, mich zu übergeben. Ich bin fertig mit der Welt und falle in meinem Apartment angekommen ins Bett wie ein Stein.

Den Sonntag hatte ich eigentlich ziemlich produktiv geplant. Eigentlich. Als ich nach dem Aufwachen auf meinen Wecker schiele, ist es 12:33 Uhr und ich fühle mich wie dreimal durchgekaut und ausgespuckt. Adieu, Produktivität! Hallo Bett und gutes Buch! So bereite ich mich in aller Ruhe auf das nächste Saltatio Mortis-Konzert (Ja, ein bisschen auch auf die Uni) vor. Dann mit Rollstuhl-Stage Diving- keine Frage!