2014 – Viel erlebt 1 (Gewidmet Victoria, dem @vintagemadchen)

2014- was für ein Jahr!1521523_10152179570434122_1697560227_n

Ich war krank während der ersten Prüfungsphase als Studentin. Plagte mich mit fast 40° C Fieber durch eine Klausur nach der anderen und schaffte dennoch alle mit überdurchschnittlichen Noten- außer Mathe. Na ja, nichts Neues.

1526671_10152189379274122_1401434708_nKanada vermisste ich schrecklich. Die Menschen, das Land, die Tiere, das Leben dort. Ich möchte wieder dorthin, unbedingt. Dort fühlte ich mich zum ersten Mal angekommen in meinem Leben.

 

Als wäre im Januar nicht schon genug Halligalli gewesen, bekam ich auch noch die Zusage für ein sechswöchiges Praktikum bei der Fresenius SE & Co. KGaA im Bereich Konzern-Kommunikation. Dort traf ich zum ersten Mal den Mann, dem ich 2013 eine Sponsoring-Anfrage geschickt hatte, weil ich unbedingt Geld brauchte für mein Studium. Der beste Chef, den ich bisher kenne. Ganz unabhängig davon, dass er sich damals dafür eingesetzt hatte, dass ich die Studienförderung von Fresenius bekam. Ebenso unabhängig davon, dass er mir bereits nach vier Wochen Praktikum eine Werkstudentenstelle in der Konzern-Kommunikation anbot und mich so zur mit Abstand glücklichsten Praktikantin der Welt machte.

Im März machte mich die Rehacare-Redaktion sehr glücklich, indem sie mich aufforderte, den Leuten da draußen zu beschreiben, wie ich denn so ticke.

Ein weiteres Highlight war die Präsentation meines ersten Projektes FashionAbility, gemeinsam mit dem studentischen Verein b.fashion e. V. 150 Unternehmer aus dem Märkischen Kreis sahen sich auf dem 12. BiTS-Unternehmertag an, was ich ausgetüftelt hatte, um die Welt ein bisschen besser und vor allem inklusiver zu machen.

1957669_10151936779145825_870393444_oIch verbrachte aufregende Tage in Berlin mit meiner Freundin I. Wir kennen uns bereits beinahe unser ganzes Leben lang, sind ständig auf Achse, immer verstreut auf der ganzen Welt- verlieren uns aber niemals aus den Augen und aus dem Herzen. Spontan beschlossen wir, an der Care Revolution Conference teilzunehmen- und so landete ich ganz unverhofft mitten in meiner ersten Demonstration.

Bildschirmfoto 2015-01-01 um 00.18.48Ein neuer, wirklich besonderer Mensch trat heraus aus der digitalen Vernetzung, hinein in meine Realität: Raúl Aguayo-Krauthausen. Raúl, ich weiß: Es war und ist nicht einfach für dich und mich. Aber eins kann ich dir sagen: Du hast mein Leben auf den Kopf gestellt! Warum? Lies weiter.

 

1187050_589776911104980_595859770_nFashionAbility schlug ein wie eine Bombe. Fotoshooting, Plakatkampagne, erste Beiträge. „behindertenkompatibel“ wurde mein neues Lieblingswort.

 

 

Foto 4An Ostern saß ich zum ersten Mal auf meinem Herzbuben- Fjalar. Wir sehen uns leider nur ein- bis zweimal im Jahr. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich dieses kleine Islandpferd von ganzem Herzen liebe und es schrecklich vermisse, wenn wir nicht zusammen sind.

 

 

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Und schon war es Mai. Jemand fragte mich, ob ich nicht ein paar Texte für ihn schreiben könne. Heraus kam Happy Writing Cinderella Glücklich. Plötzlich war ich Kleinunternehmerin.

Die Freundschaft mit M. ging zu Bruch. Ich war total verwirrt, wusste gar nicht genau, warum, wieso, weshalb es plötzlich knallte zwischen uns. Nach und nach wurde mir bewusst, dass Warum, Wieso, Weshalb völlig unwichtig waren. Wichtig war, dass sich ein wunderbarer Mensch buchstäblich Knall auf Fall aus meinem Leben verabschiedet hatte und ich nicht einmal ansatzweise damit zurecht kam. Wochenlang weinte ich, konnte nachts nicht schlafen, hatte allen Ernstes Herzschmerzen. Aber wir waren doch gar kein inniges Liebespaar gewesen, sondern Freundinnen!? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Die Krautreporter schafften endlich den Durchbruch. Ich freute mich wie Bolle, hatte so ein Gefühl, dass ich noch viel von „den Krauties“ lesen würde. Recht hatte ich. Zum Glück. Weiter so, ihr Lieben!

Heimlich, fies und leise schlich sich die nächste Prüfungsphase an. Schon lange bevor sie bei mir ankam, ging es mir gar nicht gut. Aber das merkte ich nicht. Wieder quälte ich mich durch eine Klausur nach der anderen, dieses Mal mit höllischen Dauerschmerzen statt Grippe. Kurz vor Schluss, als noch zwei Doppelprüfungen anstanden, bekam ich eine Nachricht auf Facebook von C: „kann ich dich mal anrufen?“

Ich dachte, Nein, wildfremde Frau, du kannst mich nicht einfach mal anrufen- und schickte ihr meine Handynummer per Mail. Was dann folgte und mein Leben von Grund auf veränderte? Weiter geht’s im zweiten Teil.

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd‘ ich dich ja schon ganz geil!“

Mittwochnacht. Campusparty. Es ist laut, stickig, eng. Ich schaue mich um. Interessante Perspektive!, denke ich. Lauter wippende Hintern. Manche in viel zu großen Hosen, manche in viel zu engen Kleidchen. Dick, dünn, groß, klein, breit, schmal, superstraff, schwabbelig. Eine willkommene Abwechslung zu verschwitzten wippenden Brüsten. Von allem etwas, großes Kino. Sehr zu empfehlen, diese Sicht aus dem Sitzen, liebe Damen und Herren! Prinzessin Happy hockt auf ihrem Thron auf Rädern und hat den Grand View auf den campuseigenen Sunsetstrip. Herrlich!

Die Cola zwischen die Knie geklemmt schließe ich die Augen, drehe mich mit dem Rollstuhl auf der Stelle und genieße die Beats. Plötzlich ein Hindernis. Ich reiße die Augen erschrocken auf und denke: Oh Scheiße, hoffentlich bist du nicht wieder jemandem in die Hacken gefahren! Aber nein, es ist alles gut.

Ein Typ im weißen Schlabbershirt steht vor mir, das Basecap liegt schief auf seinem Kopf, die Bierflasche hängt gerade noch so in seiner rechten Hand. Er presst sich die Flasche gegen den Bauch, damit er sie nicht verliert, grinst, kommt auf mich zu. Er will mir etwas sagen und beugt sich schwankend zu mir herunter. Sein Grinsen wird breiter, ein Schwall Alkoholdunst schwappt mir entgegen.

„Ey, weißt du was?“

„Nee, was denn?“

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd’ ich dich ja schon ganz geil!“

Dumm gelaufen, Herzchen!

Das würde ich diesem netten Herrn gerne sagen. Und vielleicht würde ich ihm auch gerne einmal kräftig gegen das Schienbein fahren. Mit der scharfkantigen Vorderseite des Fußbretts am Rollstuhl, versteht sich.

Stattdessen bin ich sprachlos. Ich schaue ihn an, er fängt an zu giggeln wie ein kleines Kind. Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Nicht wirklich, oder? Ich drehe mich um, fahre dabei zig Leuten in die Hacken, die gar nichts dafür können, dass mich so ein Arschloch schon wieder voll getroffen hat. Raus, einfach nur raus hier! Frische Luft, jetzt!

Hallo? AMOR soll treffen, NICHT Arschloch!

Ich ärgere mich. Über mich, über notgeile postpubertäre Idioten, über mein Herz, das sich immer so schnell getroffen fühlt, über meine große Klappe, die immer den Schwanz einzieht (Welch Ironie!), wenn’s drauf ankommt. Noch während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fahre, schießen mir die Tränen in die Augen und ich könnte buchstäblich kotzen vor Wut. Unten angekommen hole ich Schwung und lasse mich rollen. Raus in die kühle Nachtluft. Hirn und Herz frei pusten. Dringend.

„Ey, ich hab‘ ’n Clown im Kopf, der mir ständig zwischen die Synapsen scheißt!“

 

Treffender als Vincent (gespielt von Florian David Fitz) im Film „Vincent will meer“ hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Damals, als ich den Film kurz nach seiner Veröffentlichung gesehen habe, saß ich vor dem Fernseher und dachte mir: „Ja, endlich einmal jemand, der weiß, wie sich das anfühlt!“
Nein, ich habe kein Tourette-Syndrom. Aber auch mir scheißt mindestens ein Clown in meinem Kopf zwischen die Synapsen (Manchmal sogar eine ganze Zirkustruppe, glaube ich). Auch ich kann nicht beeinflussen, wann dem Clown danach ist und wann nicht. Er taucht einfach auf, legt ein richtig dickes Ei, und geht wieder. Manchmal recht bald, manchmal findet er es aber auch ganz gemütlich da zwischen meinen Synapsen. Dann ist die Kacke am Dampfen!

Das sind die Tage, an denen gar nichts mehr geht. An denen ich tagsüber lethargisch bin, mich in Zeitlupe bewege, aber nachts nicht schlafen kann, obwohl mein Körper doch so dermaßen erschöpft ist. Es sind diese Tage, an denen mir nichts schmeckt. An denen mich das kleinste Geräusch wahnsinnig macht, meine Ohren pfeifen lässt. Diese Tage, an denen jeder noch so kleine Lichtstrahl Blitze hinter meinen Augen zucken lässt und ich keine Farben mehr sehen kann. Alles ist irgendwie grau. Es ist alles viel zu viel und ich würde am liebsten buchstäblich aus der Haut fahren. Rein in einen anderen Körper, ohne Clown und ohne verschissene Synapsen.

Stattdessen verschwinde ich. Packe meine Gedanken in Watte und gehe auf die Reise. In eine andere Welt. Eine Welt, in der ich laufen kann. In der mir nichts weh tut. In der ich immer weiß, was ich will, immer die richtige Antwort parat habe und jede Aufgabe, die mir gestellt wird, mit Leichtigkeit lösen kann. Ein Paradies, in dem der wundervollste Mann der Welt seinen Arm um mich legt und ich weiß, dass ich alles überstehen kann, was das Leben so mit sich bringt. Nein, dass wir alles überstehen können. Gemeinsam, nie mehr allein.

Eine Frage der Sicht

Raúl Krauthausen regt sich auf. Darüber, dass das Thema „Behinderung“ verklärt wird. Darüber, dass ein Großteil der Gesellschaft einerseits immerzu davon redet, wie toll Inklusion ist und dass man sie unbedingt umsetzen muss. Aber dass eben dieser Großteil, wenn es ernst wird, einen Rückzieher macht.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir folgendes Bild der Inklusion in unserer Gesellschaft: Entweder man fragt: „Inklusion – Wie soll das denn gehen!?“ Oder man sagt: „Inklusion? Ja, die ist toll! Aber nur, so lange sie nichts kostet!“ Dann sieht man mich an. Und viele andere Menschen mit Behinderung auch. Mit Dackelblick, hängenden Mundwinkeln und zuckenden Schultern. Ende der Geschichte.

Kein Vor, kein Zurück. Immer im Kreis. Wie bei der Reise nach Jerusalem. Ab und zu verstummt das Wirrwarr, wie die Musik beim Spiel. Dann setzt man sich gemeinsam an einen Tisch, die einen in ihren Rollstühlen, die anderen auf unbequemen Bürostühlen, schaut sich in die Augen und fragt sich gegenseitig stumm: „Tja, wie machen wir das bloß?“ Ende der Geschichte. Weiter im Kreis.

Da sage ich mir selbst: So kann das doch nicht gehen! Gleichzeitig möchte ich so fair sein und zugeben: Ich habe auch noch keine vollständige Lösung gefunden.

 

Aber eins weiß ich sicher, und das ist mein Lösungsansatz:

Es sind die Gedanken, die uns alle im Kreis laufen lassen, wenn es um Inklusion geht.

 

Bevor wir alle, Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung, nicht unsere Ansichten ändern, unsere Vorurteile begraben, werden wir keinen Weg geradeaus, hin zur Inklusion, finden. Sondern immer weiter im Kreis laufen.

Menschen ohne Behinderung haben Angst vor Behinderung. Sie haben Angst, irgendwann einmal selbst im Rollstuhl zu sitzen oder eine andere Einschränkung zu haben. Sie haben Angst, sich mit dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen, weil eine solche Auseinandersetzung sie dazu zwingt, ihre Ansichten, und damit ihr gesamtes Leben, zu überdenken.

 

Wer lässt sich schon gerne von außen dazu drängen, aus gewohnten Strukturen auszubrechen?

 

Sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Menschen mit Behinderung spüren diese Angst. Manchmal ganz unverfälscht. Manchmal unterdrückt als leichte Unsicherheit. Oft aber auch als Ablehnung, verdeckt oder ganz offen.

Einige reagieren verständnisvoll. Nehmen Rücksicht, sprechen offen über ihre Behinderung, um diese Ängste zu nehmen. Wieder andere sind frustriert und nutzen jedes klitzekleinste Ventil, um ihrem Frust Luft zu machen, egal ob gerechtfertigt oder nicht. Einige werden traurig, fühlen sich irgendwann hilflos und wertlos. Auch sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, und damit sich selbst, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Statt selbst aus diesen auferlegten Strukturen auszubrechen, sitzen sie da und schimpfen und jammern. (Er)warten, dass andere die Welt ein bisschen besser machen. Ein bisschen behindertengerechter. Ein bisschen inklusiver.

 

Wer setzt schon gerne von innen heraus, aus eigener Motivation, Energie ein, um nachhaltig etwas zu ändern?

Es ist alles eine Frage der Sicht.

Wenn ich als Mensch mit Behinderung mit einem Menschen ohne Behinderung unterwegs bin, wenn ich mit ihm zusammenarbeite, dann läuft meistens alles ein bisschen langsamer. Das ist schlecht, ist der allgemeine Tenor. Ach, wirklich? Wieso ist das schlecht? Wir empfinden Langsamkeit, stellvertretend für viele Abweichungen von der Norm, nur als etwas Ungutes, weil es uns von klein auf so eingetrichtert wird. Weil irgendein schlauer Mensch irgendwann einmal einen Zustand der Schnelligkeit und (vermeintlichen) Effizienz als Maßstab festgelegt hat und seitdem alle nach diesem Zustand streben.

Meiner Meinung nach wird das Zusammensein, das Zusammenarbeiten und folglich das Zusammenleben durch eine Abweichung von der Norm nicht schlechter. Es wird nur anders, als wir es bisher kennen. Der Rhythmus des Lebens ändert sich, weiter nichts. Es schadet niemandem, sich auf diesen veränderten Rhythmus einzulassen. Erst, wenn das allen klar ist, haben Vorurteile keine Kraft mehr, Ausreden keinen Platz. Wenn man so will, haben wir dann einfach eine neue Ordnung. Eine neue Norm. Eine von innen motivierte statt von außen auferlegte Norm.

Klingt auf jeden Fall besser als das, was jetzt ist.

Oder nicht?

IKEA ist voll behindert!

Oder wie drei Freundinnen einen Schuhschrank zusammenbauen

 

Eigentlich ist die Aussage „Voll behindert!“ ja eher mit Vorsicht zu genießen. Ich muss allerdings ehrlich sagen, dass meine Freunde an der Uni sie zwar oft benutzen, meist aber im richtigen Ton und so, dass ich es ebenfalls irrsinnig witzig finde. Oft rutscht mir ein „Echt behindert!“ auch einmal raus und wir kugeln uns vor lachen.

So auch gestern. A. und ich hatten am Donnerstag einen neuen Schuhschrank bei IKEA gekauft und sie machte sich gestern Nachmittag tatkräftig an den Aufbau. Nachdem sie ihre Wohnung auf Hochglanz poliert hatte, versteht sich. Ich setzte mich mit meinem MacBook und meinen Unterlagen zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten.

„Ich will das ganz alleine machen!“

Zum Schreiben kam ich aber kaum, da es wirklich faszinierend war, wie akribisch sie die IKEA-typische Anleitung studierte, um den Schuhschrank Stück für Stück zusammenzubauen. Sie saß im Schneidersitz auf dem Boden, kaute geistesabwesend auf ihrer Unterlippe und erklärte sich beinahe ununterbrochen selbst, welche Schraube als nächstes wohin musste. A. war richtig versessen darauf, den Schuhschrank ganz allein aufzubauen. Ohne Mann. Ohne Akkuschrauber. Ohne mich.

Na gut, dachte ich, und ließ sie machen. Tatsächlich nahm das Möbelstück langsam aber sicher Form an. Irgendwann gelangte A. an den Punkt, an dem sämtliche Verpackungen, Werkzeuge, Bauteile, Schrauben und Dübel in einem heillosen Durcheinander um sie herum verteilt waren. Mitleidig schaute ich aus meinem Rollstuhl auf sie herab und drückte ihr die Daumen, dass das Chaos bald ein Ende haben würde, als sie mich auf einmal flehentlich ansah:

„Oh neeein! Hast du den Hammer gesehen von da oben?“

„Nein, sorry.“

„Und diese Dübeldinger? Oder das eine Brett da?“

„Ne, irgendwie auch nicht. Oh je.“

„Ich kann das nich’!“

A. machte sich auf die Suche und murmelte schon vor sich hin, dass die „Mission Schuhschrank“ wohl heute nicht mehr erfüllt werden konnte. Gerade als sie sich niedergeschlagen wieder auf den Boden hockte wie ein trotziges Kind, klopfte es an der Tür. M. stürmte mit einem „HALLOOO!!!“ herein. Ein Glas Hugo in der Hand und ein breites Grinsen im Gesicht. Oh je.

„Was’n hier los?“

„IKEA. Schuhschrank!“

„Oh!“

Eine kurze Pause und ein fragendes Gesicht später begann folgender Dialog zwischen M. und A.:

„Mädchen, was machst’n da?

„Ich kann das nich’!“

„Ja, ich seh’s!“

„Stell das Ding dochma hin, so schwer ist das doch nich’!“

„Aber wie denn?“

„Na so!“, sagte M. und wuchtete den halbfertigen Schuhschrank auf seine halbfertigen Füße. Lachend. Schwankend. Hochrot im Gesicht.

„Und jetzt?“

„Jetzt den nächsten Nupsel. Das ist IKEA, Mann! Nupsel ins Loch, und fertig. Immer so weiter.“

„Nupsel, aha. Aber das will irgendwie nicht. Das klemmt!“

Wir drei unisono: „Das ist halt ein bisschen behindert!“

Interview • Fresenius SE & Co. KGaA • Warum blogge ich? • Jobsuche

Seit Ende Januar unterstütze ich das Team der Konzern-Kommunikation von Fresenius in Bad Homburg als Praktikantin. Die Kollegen sind schnell auf meinen Blog aufmerksam geworden und wollten noch mehr dazu wissen, wie es ist, mit einer Behinderung auf Jobsuche zu sein. In diesem Interview erfahrt ihr live, in Farbe und ohne Blatt vor dem Mund, welche Erfahrungen ich bisher gemacht habe, warum es mir so wichtig ist, darüber zu bloggen und wieso das Arbeiten bei Fresenius anders ist als ich es bisher erlebt habe.

 

Do you still like us? • Disney-Prinzessinnen mit Behinderung

 

Der italienische Modedesigner, Autor und Illustrator Alexsandro Palombo sorgt gerade mit seiner Kampagne „Do you still like us? Disabled Disney Princesses“ für Aufsehen rund um den Globus.

Palombo porträtiert berühmte Disney-Schönheiten im Rollstuhl, mit Krücken, Prothesen oder ganz ohne Gliedmaßen.

„Have you ever seen a disabled protagonist in a Disney movie?“

Hast du jemals einen behinderten Protagonisten in einem Disneyfilm gesehen?

Nein, das hat keiner von uns. Warum auch?

Disney, das ist das Paradies. Disney, das ist die Fantasie in ihrer ganzen Schönheit. Keine Sorgen, kein Leid, keine Makel. Natürlich gibt es den Glöckner von Notre Dame. Aber Figuren wie er werden irgendwie immer mit einer besonderen Note der Armseligkeit dargestellt, finde ich. Irgendwie auf eine minderwertige Art und Weise anders als die anderen. Und schon gar nicht in solchen Kleidern.

Aber mal ehrlich: So richtig behindert sind sie auch nicht. Sie haben nur einen krummen Rücken oder eine zu kleine Flosse wie Nemo. Na und?

Wie sieht es aus mit einer Prothese? Oder mit Krücken? Oder sogar mit drei fehlenden Gliedmaßen? Ist Disney dann immer noch das Paradies? Stellt Disney immer noch die Fantasie in ihrer ganzen Schönheit dar?

Ich sage JA!

Seit mehr als einer halben Stunde betrachte ich nun die Illustrationen auf Alexsandro Palombos Blog „Humor Chic“ immer und immer wieder. Egal wie oft ich sie anschaue, stelle ich fest: Die „Makel“ fallen mir gar nicht auf. Ich sehe die wunderschön gezeichneten Figuren. Ihre farbenfrohen Kleider und die detailreich gestalteten Gesichter. Ich lächele verträumt, weil ich an meine Kindheit zurückdenke. Daran, wie ich jedes Wochenende stundenlang Disneyfilme geschaut habe und glücklich war. Alles andere, alles Unwichtige, ist für meine Augen unsichtbar.

Wie siehst du die Bilder?

Ich wünsche mir, dass dies von heute an nicht nur für Disneyfiguren gilt, sondern auch für Menschen. Für uns alle. Ich wünsche mir, dass jeder von uns dazu in der Lage ist, das Wesentliche auf dieser Welt zu sehen und es zu schätzen.

Jobsuche mit Behinderung • Endstation Berufsbildungswerk (3)

Jobsuche mit Behinderung: Endstation Berufsbildungswerk (2)

 

 

Am nächsten Tag rief mein Orthopädietechniker an und war entsetzt. Er hätte mich so gerne eingestellt! Ach wirklich? So gern, dass er mein Vorstellungsgespräch vergaß und mir eine Praktikantin zuteilte, die (noch) gar keine Ahnung von ihrem Arbeitgeber hatte? Danke auch! Von da an hatte er eine Kundin weniger und ich immer noch keine Arbeit.

Mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich daraufhin zu Hause. Ich beschäftigte mich mit meinem Pferd, das damals noch bei mir war, surfte stundenlang ziellos im Internet, genoss und verfluchte dieses Übermaß an Freizeit abwechselnd.

Eines Morgens kam meine Großmutter völlig aufgelöst im Bademantel in mein Zimmer gestürmt und rief: „Ich hab’ Arbeit für dich! Ich hab’ Arbeit, guck’!“ Dabei wedelte sie aufgeregt mit der Sonntagszeitung durch die Luft. Tatsächlich. Die Stadt Eltville am Rhein, ein kleiner Nachbarort, suchte eine Jahrespraktikantin. Ich schickte meine Bewerbung sofort los. Es dauerte keine drei Tage, bis ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Nach einer Woche hatte ich den Job und konnte so den praktischen Teil meiner Fachhochschulreife absolvieren.

 

Anastasia Umrik hat Ähnliches erlebt. Sie hat eine Muskelschwäche und sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Auch sie war ein glasklarer Fall bei der Arbeitsagentur.

Auf meiner Facebookseite schreibt Sebastian Gick:

„(…) was nutzt es eine perfekte stellenausschreibung zu haben, wenn man dann nicht ins gebäude reinkommt?“

Auch andere Besucher äußern sich ähnlich und könnten teils sogar ein ganzes Buch über die Jobsuche mit Behinderung schreiben. Vielleicht wäre das wirklich mal eine Maßnahme.

Ein Berufsbildungswerk ist nicht für jeden der richtige Ort zum Lernen

Ich möchte mit meinen Aussagen zum Berufsbildungswerk niemanden angreifen. Solche Einrichtungen können durchaus sinnvoll sein. Aber eben nicht für alle Menschen mit Behinderung. Denn, wie Anastasia schreibt: Man kann uns nicht alle über einen Kamm scheren. Jeder von uns ist anders. Jeder von uns hat andere Fähigkeiten und Talente. Jeder von uns kann im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten etwas leisten. Genau wie Menschen ohne Behinderung auch.

Jobsuche mit Behinderung • Endstation Berufsbildungswerk (2)

Jobsuche mit Behinderung – Endstation Berufsbildungswerk (1)

 

 

Abgesehen davon sei ich der Überzeugung, durchaus mehr aus meinem Leben machen zu können, als in einem Berufsbildungswerk zu arbeiten. Die gute Frau verstand die Welt nicht mehr.

„Ja, aber, ich habe doch viele Klienten, die in so einem Berufsbildungswerk sind. Die sind alle froh, überhaupt etwas zu tun zu haben, Frau Glücklich!“

Es dauert normalerweise wirklich lange, bis ich so richtig laut werde. Aber diese Frau hatte es beinahe auf Knopfdruck geschafft, mich so weit zu bringen. „SCHÖN! SCHÖN FÜR DIE ANDEREN, DASS SIE ANGEBLICH FROH SIND, ÜBERHAUPT ETWAS ZU TUN ZU HABEN! ICH BIN ES ABER NICHT!“

„ICH WILL MEHR!“

Mein Ausbruch war ein Fehler. Die Beraterin lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und meinte schnippisch: „Ja, also, wenn Sie so unkooperativ sind, dann kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, Frau Glücklich.“

Vom Arbeitsamt als „unkooperativ“ bezeichnet zu werden, ist nicht unbedingt etwas, das man anstreben sollte (glaube ich…). Es könnte schließlich weitreichende persönliche und berufliche Folgen haben. Also ruderte ich zurück, entschuldigte mich und bat um Informationsmaterial zu Ausbildungsberufen.

Keine Minute später hatte ich den „Studien- und Berufswahlführer“ vor mir liegen. Ein Buch, fast so dick wie die Bibel, in dem sämtliche Ausbildungsberufe und Studienangebote, die es in Deutschland gibt, aufgelistet sind.

Die doch nicht so nette Dame vom Arbeitsamt und ich einigten uns darauf, dass ich mir den Wälzer mal genauer anschaute und mich wieder bei ihr meldete, sobald ich ein paar passende Berufe oder Studiengänge gefunden hatte. Damit mir auch ja nicht langweilig wurde zu Hause, steckte sie mir noch eine Art Personalbogen zu, den ich mit allen möglichen persönlichen Informationen füllen musste, um weiter von der Arbeitsagentur betreut zu werden.

Zu Hause las ich den Studien- und Berufswahlführer innerhalb von einer Woche von A bis Z durch und schrieb mir jeden Beruf, den ich mir für mich vorstellen konnte, auf einen Zettel.

Der Amtsarzt – Oder: Wie ich zu Lady Gaga wurde

Parallel bewarb ich mich auf eine Stelle als Kauffrau für Bürokommunikation bei meinem damaligen Orthopädietechniker. Er suchte eine Bürokraft für den Bereich Rollstuhlanpassung und Verkauf. Es war alles andere als mein Traumjob, aber es gefiel mir, andere Menschen mit Behinderung zu beraten.

Eine Woche später hatte ich erneut einen Termin bei der Beraterin der Arbeitsagentur und legte ihr meine Liste vor. Sie hatte an jedem Beruf, der darauf stand, etwas auszusetzen und sagte mir letztendlich, dass sie mich unter solchen Voraussetzungen nicht weiter beraten wolle. Es gäbe aber noch eine letzte Möglichkeit: Eine Untersuchung beim Amtsarzt inklusive eines psychologischen Tests zur Berufswahl.

Gesagt, getan. Der Amtsarzt kommunizierte mit mir, als hätte ich einen Totalschaden. Er redete langsam, überdeutlich und wiederholte alle seine Aussagen mehrmals. Dr. Jekyll, Mr. Hyde. Alles klar. Er sagte mir, dass ich durchaus gut arbeiten könne und man bestimmt einen passenden Beruf für mich finden würde. Da mochte ich ihn fast ein bisschen. Aber nur, bis ich mir seinen Begutachtungsbogen genauer ansah. Entgegen seiner Aussage hatte er angekreuzt, dass ich aufgrund meiner Behinderung nur sehr begrenzt arbeitsfähig war. Nicht zu fassen!

Dementsprechend begrüßte mich die Psychologin eine Woche später mit den Worten: „Na, wenn man sich die Beurteilung unseres Amtsarztes so ansieht, bleibt ja nicht mehr viel für sie übrig!“

Last but not least: Psychologischer Test

Das fing wirklich so richtig gut an… Beim psychologischen Test war ich die einzige, die pünktlich kam. Und auch die einzige, die überdurchschnittlich gute Bewertungen erhielt. Die Psychologin meinte daraufhin: „Wenn man sich Ihre Ergebnisse betrachtet, haben Sie Recht, dass Sie nicht in ein Berufsbildungswerk passen. Andererseits kann man den Test gar nicht für Sie verwenden. Sie haben ja eine Fachhochschulreife, aber unsere Tests sind nur für Haupt- und Realschüler konzipiert. Das ist wirklich doof.“

… und es hörte nicht besser auf. Ich wäre am liebsten schreiend aus dem Gebäude gelaufen. Da hatte ich mich wochenlang mit der Arbeitsagentur herumgeschlagen, man hatte meiner Akte (und damit auch mir als Person), zahlreiche Stempel aufgedrückt und mich in diverse Schubladen gesteckt, aus denen ich selbst nicht mehr herauskam. Die Institution Arbeitsagentur hatte ihre Chance definitiv gründlich verspielt. Und ich wohl in deren Augen auch.

Genau so der Orthopädietechniker. Er hatte mein Vorstellungsgespräch vergessen und man setzte mir eine Praktikantin vor die Nase, die das Gespräch führen sollte. Natürlich hatte ich mich vorbereitet und mir viele Fragen zum Unternehmen einfallen lassen. Die Praktikantin tat mir Leid, aber ich konnte in diesem Fall keine Rücksicht auf sie nehmen. Auf keine meiner Fragen wusste sie eine Antwort. Sie wurde immer kleiner auf ihrem Stuhl. Es dauerte keine zehn Minuten bis ich meine Sachen packte und den Raum verließ.