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„Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ – Eine überraschende Begegnung

Quelle: pixabay/CC0 Public Domain

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Inzwischen bin ich im 5. Semester meines Studiums angelangt. Auf dem Vorlesungsplan stehen endlich überwiegend die Themen, wegen derer ich ursprünglich angefangen hatte, Journalismus und Unternehmenskommunikation zu studieren – Public Relations, Corporate Communication und Radiomoderation zum Beispiel. Hurra, endlich Praxis. Hurra, endlich Dinge, für die ich brenne!

Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich in einer Vorlesung eine Begegnung haben würde, die nichts mit dem Fach zu tun hat, sondern mir wesentlich mehr bedeutet.

Nach der Vorlesung unterhielt ich mich noch eine Weile mit dem Dozenten über seine Arbeit als Chef eines Radiosenders, über meine Erfahrungen, die ich bereits beim Radio gesammelt hatte und über den geplanten Besuch bei einem Radiosender.

Ich fragte meinen Dozenten, ob das Radiostudio barrierefrei zugänglich sei.

Er sagte: Nein. Aber wieso ist das so wichtig?

Ich war total perplex, dachte in etwa „Mensch, das ist doch offensichtlich!“, aber ich sagte einfach: Na ja, ich sitze halt im Rollstuhl.

Mein Dozent zog überrascht eine Augenbraue hoch und meinte: Oh, das ist mir gar nicht aufgefallen! Sorry.

 

Ganz ehrlich? Es gab nichts, wofür er sich hätte entschuldigen müssen. Im Gegenteil, in diesem Moment hätte ich Freudensprünge machen können. Es war das erste Mal, dass einem fremden Menschen nicht zuerst mein Rollstuhl aufgefallen war, sondern mein Interesse am Thema, meine Fähigkeiten.

 

Was für ein Gefühl!

 

Hattet ihr auch schon einmal eine Begegnung, die euch viel mehr bedeutet hat, als erwartet?

Gab es schon einmal eine Begegnung, die euch überrascht hat?

Wenn aus Prinzen Frösche werden 2

Nach zwei Wochen kam meine ursprüngliche Therapeutin wieder aus dem Urlaub. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Levi* lachte nicht mehr. Seine Augen waren stumpf. Wenn ich ihn ansah, sah ich nur noch „Ich habe keinen Bock mehr!“ Als die Therapeutin ihn an diesem Tag nach einem kurzen Check fragte, ob er meine Behandlung wieder übernehmen wolle, sagte er Nein. Zuerst machte ich mir nicht viel daraus, schließlich hatte jeder mal einen schlechten Tag.

Allerdings änderte sich in der folgenden Woche nichts an seinem Verhalten, im Gegenteil. Levi sprach kaum noch, reagierte entweder gar nicht, wenn ich etwas sagte oder unterbrach mich mitten im Satz. Er war plötzlich nicht mehr sanft und aufmerksam während der Behandlung, sondern abwesend, mechanisch. Plötzlich machten wir fast jeden Tag dieselben Übungen, alle mit wenig Enthusiasmus. Ich wurde unglaublich nervös, versuchte die Stimmung mit blöden, ironischen Kommentaren zu lockern- und machte wahrscheinlich alles nur noch schlimmer. Sobald wir uns voneinander verabschiedeten, „Bis morgen.“ sagten, war der alte Levi für einen kurzen Augenblick wieder da. Ein kleines Zwinkern, bevor er mit dem nächsten Patienten im Behandlungsraum verschwand, eine kurze Berührung an meiner Schulter. Bei der nächsten Behandlung das gleiche Spiel.

Ich entschied mich nach ewigem Hin und Her, mir Levis Verhalten nicht einfach so gefallen zu lassen. Ich ging in die Offensive, sagte ihm bei jeder Behandlung, was mir bei der vorherigen gefallen hatte und was nicht. Wenn es schon beschissen lief zwischen uns beiden, sollte er bei seinem Praktikum wenigstens etwas lernen von mir, die schon ihr ganzes Leben lang Physiotherapie-Patientin ist!

Manchmal lachten wir wieder zusammen. Dann versuchte ich, mit Levi ins Gespräch zu kommen. Beobachtete ihn, saugte alles auf, was er von sich gab. Ich wusste immer noch nicht, was los war, fragte ihn: „Hast du wieder Ärger bekommen? Soll ich was klären bei den Ärzten oder deinen Kollegen?“
„Nein, nein, alles ok.“

Dennoch ließ mich der Verdacht nicht los, dass erneut etwas vorgefallen war, was ich als Patientin nicht wissen sollte. Die Ärzte und Therapeuten beobachteten mich viel intensiver als ohnehin schon, fragten mich auffällig oft, warum ich plötzlich so gut gelaunt war, wenn ich zum Training ging. Wie mir denn die Physiotherapie mit dem neuen Praktikanten so gefalle. Ich spielte das Spielchen mit, bis Levis letzter Arbeitstag auf dem Kalender stand.

Du musst ihn fragen, ob er in Kontakt bleiben möchte. Nicht mehr, nicht weniger. Was dann kommt, wird sich zeigen. Nicht per SMS, sondern persönlich. Du musst!

Die Aufregung vor der letzten Behandlung mit Levi machte mich schier wahnsinnig, legte sich aber, sobald wir loslegten. Es war wie am Anfang. Wir lachten, warfen uns einen ironischen Spruch nach dem anderen an den Kopf, ich schwitzte Blut und Wasser. Gott sei Dank!

Kurz vor Schluss fragte Levi mich: „Sag mal, was hast du denn eigentlich? Warum bist du hier?“
Diese Frage hatte er mir schon oft gestellt, bisher war ich jedoch immer geschickt ausgewichen. Ich wollte ihm diese Frage beantworten, aber nicht jetzt. Später, wenn ich selbst mit all dem zurecht kam, was in den letzten drei Monaten passiert war, dann würde es kein Problem für mich sein, ihm alles zu erklären. Leider verließen mich meine guten Geister, als Levi mich dieses Mal fragte. Die Ärzte waren sich noch nicht ganz sicher, was mit mir los war, hatten jedoch mehrere vorläufige Diagnosen gestellt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Levi mir eben jene Frage noch einmal stellen würde, und knallte ihm im Schock sämtliche Vorab-Diagnosen der Ärzte vor die Füße. Oh nein. Nicht gut.

Ich stammelte noch: „Alles halb so schlimm wie es klingt, ehrlich!“, aber es war nichts mehr zu retten. Levi hob die Hände abwehrend in die Luft, presste die Lippen aufeinander und taumelte drei Schritte zurück. Keine Sekunde später riss meine ehemalige Therapeutin die Tür zum Behandlungszimmer auf und rief: „Levi, wo bleibst du? Der nächste Kurs hat schon längst angefangen!“

Mit einem „Oh! Ich komme!“ machte Levi auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Raum. Ich setzte mich in meinen Rollstuhl, meine Augen brannten und ich hatte das Gefühl, um mich herum bräche eine Welt zusammen. Draußen auf dem Flur trafen Levi und ich noch einmal aufeinander. Er gab mir meine unterschriebene Behandlungskarte, winkte mir mit einem gezwungenen Lächeln und rief: „Alles Gute!“

Ich biss mir auf die Lippen, um mir ein Schluchzen zu verkneifen, und fuhr langsam in Richtung Ausgang. Die automatische Tür brummte schon, um mich hindurch zu lassen, da spürte ich plötzlich eine Hand auf meinem Rücken. „Ich wünsche dir wirklich alles Gute.“

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“

Wenn aus Prinzen Frösche werden 1

Levi saß an seinem Schreibtisch und übertrug mit einem Bleistift hochkonzentriert etwas von einem Blatt Papier auf ein anderes. Sein schräg geschnittener Pony fiel ihm dabei ständig ins Gesicht und Levi nickte immer wieder mit dem Kopf, um klar sehen zu können. Obwohl er sich so sehr konzentrierte, verschrieb er sich mehrmals. Dann sagte er „Ach!“, klemmte die Zungenspitze in den rechten Mundwinkel und rubbelte den Radiergummi mit frustriertem Gesichtsausdruck über das Papier.

Ich war durch die automatische Eingangstür in den Behandlungsbereich gefahren. Es war erstaunlich ruhig, kein anderer Patient war da, kein Therapeut in Sicht. Also bog ich ausnahmsweise nicht nach links ab in die Wartezone, sondern nach rechts, ins Therapeutenbüro, um zu sehen, ob überhaupt jemand anwesend war außer mir. Die ungewöhnliche Ruhe machte mich stutzig, außerdem kribbelten meine Arme plötzlich und die feinen Härchen auf meinen Unterarmen stellten sich auf. Was ist denn jetzt los?

Kaum war ich nach rechts abgebogen, bremste ich abrupt, aber so leise wie möglich, mitten im Türrahmen.

 Oh wow! Der ist es! Der oder keiner!

Keine zwei Meter entfernt von mir saß Levi, und er hatte mich in einem Augenblick komplett umgehauen. Ich hielt die Luft an, ließ die Räder meines Rollstuhls los und stützte meine Hände vorsichtig neben meine Oberschenkel in das Sitzkissen. Mein Herz schlug so heftig, dass es in meinen Ohren beinahe unangenehm laut pochte, mein ganzer Körper kribbelte, war angespannt und ich hatte das Gefühl, die Welt um mich herum war plötzlich unglaublich viel heller, bunter, schöner.

Innerlich kicherte ich über Levis vorwitzigen Pony, der ihn an der Nase kitzelte, und überhaupt darüber, wie er dort saß.

Wie ein kleiner Junge, der gerade schreiben lernt, und sich so sehr dabei anstrengt, dass er die Welt um sich herum vergisst.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, bemerkte Levi mich. Seine Pupillen zogen sich vor Überraschung ganz kurz zusammen, dann begannen seine Augen zu strahlen. Sie waren eisblau, gespickt mit dunkelblauen Flecken. Wie das Meer vor Island. Wie ein tiefer Gletschersee. Wunderschön.

Er lächelte, lief knallrot an und sagte: „Hi.“
„Hi“, sagte ich ebenfalls, leicht peinlich berührt, weil ich ihn so lange unbemerkt angestarrt hatte, und rollte ein Stück auf ihn zu. Wieder sahen wir uns einfach nur an, ein paar Sekunden lang, grinsend, irgendwie irritiert. Gerade setzte ich dazu an, endlich mit der Sprache herauszurücken, wer ich denn eigentlich war und was ich wollte, da sprang Levi mit einem „Oh, Entschuldigung, Entschuldigung!“ von seinem Bürostuhl auf, blieb mit der linken Hüfte an der Ecke des Schreibtisches hängen, verzog vor Schmerz kurz das Gesicht, ging dann um den Schreibtisch herum und schob die orangefarbenen Plastikstühle zur Seite, die verhinderten, dass ich näher an den Tisch heranfahren konnte – Natürlich nicht, ohne auf dem Rückweg zu seinem Platz an einem der Stuhlbeine hängen zu bleiben und zu stolpern. Es fiel mir sehr schwer, nicht laut zu lachen. Oh Mann! Wie süß.

„So, jetzt ist das besser.“
„Ja, stimmt. Danke.“
„Nich‘ dafür.“
„Hm, ja, also, ich suche meinen neuen Therapeuten. Er soll Praktikant sein, Urlaubsvertretung für die nächsten drei Wochen. Ich hab‘ Sie hier noch nie gesehen, also sind Sie das wahrscheinlich. Oder?“

 

Levi war schon vor ein paar Monaten ein ziemlich guter Physiotherapeut gewesen. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen, soweit ich weiß. Damals gab er mir seine Handynummer, nachdem wir nicht einmal eine halbe Stunde miteinander trainiert und uns unterhalten hatten. Es war wie bei allen anderen und doch anders. Melde dich, wenn du mal Hilfe brauchst. Ich fahre fast jeden Tag an deiner Wohnung vorbei, und auch am Einkaufszentrum. Dann kann ich dir ab und zu mal ein paar Sachen besorgen, ist ja leichter für mich. Und auch sonst, wenn du Hilfe brauchst, melde dich einfach.

Ich dachte nicht wie sonst: Ja klar, laber‘ du nur. Meinst du eh nicht ernst. Sondern ich dachte: Ha, das nenn‘ ich mal ’ne subtile Anmache!, und grinste im Stillen.

Wir wussten beide, dass der persönliche Kontakt zwischen Therapeut und Patient nicht erlaubt war. Wie alle anderen Praktikanten zuvor hatte Levi mich gefragt, ob es in Ordnung sei, dass wir Du zueinander sagten und ich hatte zugestimmt, trotzdem bekam er noch am selben Tag ziemlichen Ärger. Wir regten uns tierisch darüber auf, zumal wir im weiteren Gespräch herausgefunden hatten, dass wir ein paar gemeinsame Freunde hatten und uns in Zukunft wohl öfter sehen würden. Letztendlich beschlossen wir, uns hinter verschlossenen Türen zu duzen und ansonsten zu siezen. Mit der Zeit fanden wir das ziemlich witzig. Den Kontakt per Telefon schlossen wir komplett aus, während wir uns in der Klinik aufhielten. Was danach kam, wollten wir sehen.

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“