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„Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ – Eine überraschende Begegnung

Quelle: pixabay/CC0 Public Domain

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Inzwischen bin ich im 5. Semester meines Studiums angelangt. Auf dem Vorlesungsplan stehen endlich überwiegend die Themen, wegen derer ich ursprünglich angefangen hatte, Journalismus und Unternehmenskommunikation zu studieren – Public Relations, Corporate Communication und Radiomoderation zum Beispiel. Hurra, endlich Praxis. Hurra, endlich Dinge, für die ich brenne!

Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich in einer Vorlesung eine Begegnung haben würde, die nichts mit dem Fach zu tun hat, sondern mir wesentlich mehr bedeutet.

Nach der Vorlesung unterhielt ich mich noch eine Weile mit dem Dozenten über seine Arbeit als Chef eines Radiosenders, über meine Erfahrungen, die ich bereits beim Radio gesammelt hatte und über den geplanten Besuch bei einem Radiosender.

Ich fragte meinen Dozenten, ob das Radiostudio barrierefrei zugänglich sei.

Er sagte: Nein. Aber wieso ist das so wichtig?

Ich war total perplex, dachte in etwa „Mensch, das ist doch offensichtlich!“, aber ich sagte einfach: Na ja, ich sitze halt im Rollstuhl.

Mein Dozent zog überrascht eine Augenbraue hoch und meinte: Oh, das ist mir gar nicht aufgefallen! Sorry.

 

Ganz ehrlich? Es gab nichts, wofür er sich hätte entschuldigen müssen. Im Gegenteil, in diesem Moment hätte ich Freudensprünge machen können. Es war das erste Mal, dass einem fremden Menschen nicht zuerst mein Rollstuhl aufgefallen war, sondern mein Interesse am Thema, meine Fähigkeiten.

 

Was für ein Gefühl!

 

Hattet ihr auch schon einmal eine Begegnung, die euch viel mehr bedeutet hat, als erwartet?

Gab es schon einmal eine Begegnung, die euch überrascht hat?

2015 – …und noch viel vor.

Ja, 2014 habe ich viel erlebt. Viel Gutes und viel Schlechtes, das letzten Endes doch sehr gut war.
2015 möchte ich deshalb noch mehr.

Bisher noch nicht erwähnt habe ich allerdings:Mairhofer_20141019_keinwiderspruch-CinderellaGluecklich_080_web

  • Das Projekt Kein Widerspruch von Johannes Mairhofer, an dem ich teilnehmen durfte. Meinen Beitrag zum Projekt findet man hier.
  • Radio München hat noch Einen oben drauf gesetzt und eine Sondersendung zu Kein Widerspruch ausgestrahlt. Hier kann man sich die gesamte Aufzeichnung der Sendung auf SoundCloud anhören. Mein Beitrag ist auch dabei.
  • Das magazine 4 aus München hat mich zu meiner Teilnahme bei Kein Widerspruch und zu meinem Projekt FashionAbility interviewt.
  • 2014 konnte ich mit meiner persönlichen Geschichte und mit FashionAbility zwei Studenten bei ihren Abschlussarbeiten unterstützen. Ich hatte sehr viel Freude dabei und wünsche den beiden viel Erfolg!

 

  • Ich möchte erfolgreich aktiv sein für mehr Barrierefreiheit an meiner Universität.
  • Ich möchte so für Menschen mit Depressionen aktiv sein, dass sie sich wenigstens Ansatzweise verstanden fühlen. Gleichzeitig möchte ich Menschen ohne Depressionen zuhören und Wege finden, ihnen verständlich zu erklären, wie es ist, wenn man eine Depression hat.
  • Ich möchte mich aktiv beschäftigen mit dem Thema Hochsensibilität, um mich selbst besser zu verstehen und um anderen Hochsensitiven zeigen zu können, wo sie Informationen zum Thema und auch Hilfe finden.

 

  • Ich wünsche mir, dass alle, die sich für Inklusion interessieren oder sich dafür stark machen, verstehen, dass Inklusion weit mehr ist, als Menschen mit Behinderung als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anzunehmen.

 

  • Ich möchte sehr gute Noten im Studium und beruflichen Erfolg. Vor allem aber Gesundheit.
  • FashionAbility kommt 2015 endlich richtig ins Rollen, denn das Projekt und ich sind als Teilnehmer der 20. Runde der Civil Academy ausgewählt worden.

 

Also, auf ein neues, liebe Leser! Was möchtet ihr in 2015 erreichen?

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd‘ ich dich ja schon ganz geil!“

Mittwochnacht. Campusparty. Es ist laut, stickig, eng. Ich schaue mich um. Interessante Perspektive!, denke ich. Lauter wippende Hintern. Manche in viel zu großen Hosen, manche in viel zu engen Kleidchen. Dick, dünn, groß, klein, breit, schmal, superstraff, schwabbelig. Eine willkommene Abwechslung zu verschwitzten wippenden Brüsten. Von allem etwas, großes Kino. Sehr zu empfehlen, diese Sicht aus dem Sitzen, liebe Damen und Herren! Prinzessin Happy hockt auf ihrem Thron auf Rädern und hat den Grand View auf den campuseigenen Sunsetstrip. Herrlich!

Die Cola zwischen die Knie geklemmt schließe ich die Augen, drehe mich mit dem Rollstuhl auf der Stelle und genieße die Beats. Plötzlich ein Hindernis. Ich reiße die Augen erschrocken auf und denke: Oh Scheiße, hoffentlich bist du nicht wieder jemandem in die Hacken gefahren! Aber nein, es ist alles gut.

Ein Typ im weißen Schlabbershirt steht vor mir, das Basecap liegt schief auf seinem Kopf, die Bierflasche hängt gerade noch so in seiner rechten Hand. Er presst sich die Flasche gegen den Bauch, damit er sie nicht verliert, grinst, kommt auf mich zu. Er will mir etwas sagen und beugt sich schwankend zu mir herunter. Sein Grinsen wird breiter, ein Schwall Alkoholdunst schwappt mir entgegen.

„Ey, weißt du was?“

„Nee, was denn?“

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd’ ich dich ja schon ganz geil!“

Dumm gelaufen, Herzchen!

Das würde ich diesem netten Herrn gerne sagen. Und vielleicht würde ich ihm auch gerne einmal kräftig gegen das Schienbein fahren. Mit der scharfkantigen Vorderseite des Fußbretts am Rollstuhl, versteht sich.

Stattdessen bin ich sprachlos. Ich schaue ihn an, er fängt an zu giggeln wie ein kleines Kind. Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Nicht wirklich, oder? Ich drehe mich um, fahre dabei zig Leuten in die Hacken, die gar nichts dafür können, dass mich so ein Arschloch schon wieder voll getroffen hat. Raus, einfach nur raus hier! Frische Luft, jetzt!

Hallo? AMOR soll treffen, NICHT Arschloch!

Ich ärgere mich. Über mich, über notgeile postpubertäre Idioten, über mein Herz, das sich immer so schnell getroffen fühlt, über meine große Klappe, die immer den Schwanz einzieht (Welch Ironie!), wenn’s drauf ankommt. Noch während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fahre, schießen mir die Tränen in die Augen und ich könnte buchstäblich kotzen vor Wut. Unten angekommen hole ich Schwung und lasse mich rollen. Raus in die kühle Nachtluft. Hirn und Herz frei pusten. Dringend.

Der Preis des Wissens (4)

Der Preis des Wissens (3)

 

 

Was ist der Preis für Wissen?

Eine positive Seite hatte die Angelegenheit trotzdem. M. und ich kauften Klamotten bis zum Umfallen und hatten jede Menge Spaß. Aus Kleidergröße 36/38 war für mich Kleidergröße 34 geworden und ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben in fast jedem Kleidungsstück, das ich anprobierte, einfach nur wunderschön. Mein Bankkonto weint immer noch, ich lache immer noch von einem Ohr zum anderen. Jedes Mal, wenn ich eines der neuen Teile trage. Jedes Mal, wenn ich meine neue Frisur im Spiegel sehe. Trotzdem bin ich mehr als nachdenklich. Ich frage mich: Was ist der Preis für Wissen?

Auch jetzt noch, 12 Tage nach der letzten Prüfung, sitze ich zu Hause bei meinen Eltern und bin völlig erschöpft. Ich schlafe zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht, bin ein paar Stunden wach und muss mich dann mit Kopfschmerzen und unglaublicher Schlappheit wieder hinlegen. Die Hausarbeit wartet immer noch darauf, geschrieben zu werden. In mir kommt neue Anspannung auf, ob ich sie rechtzeitig abliefern kann, ob ich sie gut schreiben kann. Am 27. Januar beginnt mein sechswöchiges Pflichtpraktikum.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

37,5 Stunden Arbeitszeit pro Woche, dazu jeden Tag die Hin- und Rückfahrt und ein zehnseitiger Praktikumsbericht. Seit letztem Dienstag habe ich auch wieder regelmäßig Physiotherapie. Ja, sie hat mir sehr gefehlt. Ja, sie tut mir sehr gut. Aber sie ist letztendlich auch wieder ein Termin mehr, den ich in meinem Alltag berücksichtigen muss. Angelegenheiten mit diversen Behörden müssen auch noch geklärt werden. Und, last but not least, warten einige (Freizeit-) Projekte, die mir schon lange am Herzen liegen, sehnsüchtig darauf, endlich (wieder) in Gang gesetzt zu werden.

Soll es etwa von jetzt an mindestens zweieinhalb Jahre bis zu meinem Bachelor- Abschluss so weitergehen? Erschöpfung, Stress bis an den Rand der Verzweiflung und nur mittelmäßige Prüfungsergebnisse, obwohl ich durchaus mehr Grips im Kopf habe? Das möchte ich auf keinen Fall. Momentan zerbreche ich mir allerdings noch den Kopf darüber, wie ich meinen (Studien-) Alltag zukünftig entspannter und dementsprechend langfristig erfolgreich gestalten kann. Studium und Behinderung- Wie geht das, ohne sich regelmäßig beinahe zur völligen Erschöpfung zu bringen?

Ich hoffe, dass ich bis zum Beginn des 2. Semesters am 24. März eine Antwort auf diese Frage finde. Mich würde es sehr freuen, von anderen Studenten, die eine Behinderung haben, zu hören. Schafft ihr es, euren Alltag mit der Mehrbelastung durch eure Behinderung in Einklang zu bringen? Eine Balance zwischen Gesundheit und Studium zu halten?Welche Strategien habt ihr für euch entwickelt?

Der Preis des Wissens (3)

Der Preis des Wissens (2)

 

Ich war geschockt. Frustriert. Verwirrt. Fassungslos. Meinen Vorsatz, in jeder Prüfung eine Mindestanzahl an Punkten zu erreichen, legte ich augenblicklich auf Eis und sagte mir stattdessen: „Hauptsache, du kommst durch!“

Um mich nicht zu sehr aufzuregen, schlief ich erst einmal einige Zeit und lernte danach weiter. Abends legte ich mich wieder schlafen statt durchzupauken, zumindest war das der Plan. Kaum lag ich unter der Bettdecke, übermannten mich plötzlich meine Emotionen und die Anspannung. Die komplette Nacht heulte ich hemmungslos. Genau das, was ich in der Klausurenphase brauche!, dachte ich, und wäre am liebsten schreiend davongelaufen.

Am nächsten Tag stand zum Glück nur „Business English“ auf dem Prüfungsplan. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken machen müssen, sodass ich die Aufgaben auch ohne klaren Kopf weitgehend lösen konnte. Bestimmt würde anschließend ein bisschen Schlaf erneut Wunder wirken und meinen Kopf frei machen. Gesagt, getan. Kaum saß ich vor dem nächsten Skript, gingen die Schleusen wieder auf und die Heulerei weiter. So schleppte ich mich also in den folgenden Tagen von Prüfung zu Prüfung. Von Mathe einmal abgesehen lief es auch ziemlich gut und ich war der Meinung, mit jeder erledigten Prüfung etwas entspannter zu werden.

Augen zu und durch!

Am Tag vor der letzten Prüfung, einem Modul mit drei Fächern, fühlte ich mich jedoch sehr müde und nahm mir vor, mich ausnahmsweise tagsüber auszuruhen und stattdessen in der Nacht zu lernen. Ich stellte mir den Wecker, deckte mich zu und schlief- bis zum nächsten Morgen um Punkt 7:00 Uhr! Aber ich hatte doch absolut gar nicht lernen können für diese letzte Prüfung! Wie sollte das denn funktionieren?! Ganz kurz kam mir der Gedanke, mich krankschreiben zu lassen, aber ich entschied mich in letzter Minute für „Augen zu und durch!“. Erstaunlicherweise fiel mir diese Prüfung am leichtesten von allen!

Danach konnte ich gar nicht glauben, dass der ganze Spuk (abgesehen von einer Hausarbeit, die ich noch bis 31. Januar anfertigen muss) vorbei sein sollte. Ich kam überhaupt nicht runter. Jedes Mal, wenn ich mein Zimmer betrat, ging ich schnurstracks zu meinem Schreibtisch und fing an, in den Skripten zu blättern, bis mir einfiel, dass ich ja gar keine Prüfungen mehr schreiben musste. In meinem Kopf blinkte wie eine Leuchtreklame unaufhörlich das Wort LERNEN! auf und ich kam mir vor wie ein pawlowscher Hund.

Shopping ist die beste Medizin

M. und ich beschlossen, die Prüfungsphase mit einer Mega-Shoppingtour aus unseren Köpfen zu verbannen. Zuvor zog ich eine Hose an, die ich zum letzten Mal einige Zeit vor den Prüfungen getragen hatte, weil ich mir unsicher über meine Kleidergröße war. Ich fiel fast rückwärts um vor Schreck. Die Hose rutschte beinahe schon von selbst wieder von meinen Hüften. Ich war so perplex, dass ich das ganze mit einem Foto dokumentieren musste. Die Jeans hatte schon immer eher locker gesessen, aber das war definitiv nicht normal. Der Stress während der Vorlesungszeit und vor allem während der Prüfungsphase war so groß gewesen, dass ich einiges an Gewicht verloren hatte, ohne es wirklich zu merken.

Im Nachhinein betrachtet hatte ich während des Lernens immer unglaublich großen Hunger und Durst. Sobald ich jedoch das Essen im Kühlschrank auch nur sah, wurde mir speiübel und ich konnte so gut wie nichts zu mir nehmen. Stattdessen kaute ich Unmengen an Kaugummi, um mich konzentrieren zu können, und trank teilweise mehr als drei Liter Wasser oder Apfelschorle am Tag. Mit so krassen Auswirkungen hatte ich jedoch nicht gerechnet.

Der Preis des Wissens (2)

Der Preis des Wissens (1)

 

Zum Glück habe ich unter den Kommilitonen meine ganz persönlichen Engel gefunden, die mich seit dem ersten Tag unterstützen in jeder möglichen und unmöglichen Lebensphase, weshalb ich mich nach einiger Zeit wieder erholte und scheinbar relativ entspannt alle Verpflichtungen bis zu den Weihnachtsfeiertagen erledigen konnte.

Am 20. Dezember 2013, dem letzten Vorlesungstag für mich, konnte ich es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen. Ich freute mich, dass ich bis zum Beginn der Prüfungsphase am 8. Januar 2014 Zeit haben würde, den Lernstoff in aller Ruhe noch einmal durchzugehen und gleichzeitig ein paar entspannte Tage mit meiner Familie zu verbringen. Diese Freude währte allerdings nicht lange.

In der ersten Nacht zu Hause schlief ich wieder einmal wie ein Stein- und wachte am nächsten Morgen mit Halsschmerzen, Fieber und Mandeln, gefühlt so groß wie Golfbälle, auf. Super!, dachte ich, setzte mich in den nächsten zwei Tagen trotzdem fleißig an meine Vorlesungsskripte und machte mir Notizen. Am 23. Dezember haute es mich dann völlig um und es ging nichts mehr. Weihnachten verbrachte ich schlapp und schniefend. Am 29. Dezember fühlte ich mich besser und freute mich auf Silvester. Langsam, aber sicher machte ich mir Gedanken darum, ob ich es schaffen würde, mir das Wissen für die Klausuren rechtzeitig anzueignen. Dennoch sagte ich mir: Erst gesund werden, dann die erste Januarwoche intensiv lernen!

Auch dieses Vorhaben scheiterte kläglich. Buchstäblich um fünf vor zwölf am 31. Dezember meldete sich die Erkältung mit voller Wucht zurück und wurde noch schlimmer als zuvor. Bis zum 6. Januar lag ich fast ausschließlich im Bett, das MacBook auf dem Schoß, die Skripte um mich herum verteilt, und kämpfte mich durch einen Berg von Lernstoff. Ich war zuversichtlich, schlief nachts statt mich -wie die meisten anderen Studenten- mit Energydrinks wach zu halten und arbeitete ein Fach nach dem anderen durch. Natürlich wurde ich nicht rechtzeitig zum Beginn der Prüfungsphase mit allen Skripten fertig. Da alle Prüfungen jedoch morgens stattfanden, nahm ich mir vor, jeweils den restlichen Tag zum Lernen für die nächste Prüfung zu nutzen.

Die erste Prüfung am 8. Januar bestand aus dem Fach „Marketing“ und dem neu eingeführten Fach „Historie und Trends der Betriebswirtschaft“. In letzterem fühlte ich mich unglaublich fit, da ich es interessant und spannend fand. Am Abend vor der Prüfung traf ich mich noch mit zwei anderen Studentinnen, um mit ihnen das Skript durchzugehen, und betete ihnen tatsächlich das komplette Dokument von A bis Z herunter. Wow!

Damit, dass ich so viel wusste, hatte ich selbst nicht gerechnet. Ich war unglaublich motiviert und es störte mich nicht, dass ich mir das Marketing-Skript nicht mehr so intensiv angeschaut hatte. Am Morgen saß ich dann in der Prüfung- und konnte das Blackout in meinem Kopf förmlich hören. Fast 30 Minuten saß ich da und konnte noch nicht einmal einen Stift halten. Irgendwann brachte ich zum Glück doch ein paar Gedanken zu Papier, jedoch bei weitem nicht all das, was ich am Abend zuvor meinen Freunden erklärt hatte. Am Ende schaffte ich es trotz Zeitverlängerung (die ich wegen meiner Behinderung bekommen hatte) nicht, alle erforderlichen Aufgaben zu bearbeiten.

Der Preis des Wissens (1)

Nach fast zweimonatiger unfreiwilliger Blog-Abstinenz melde ich mich heute mit Gedanken zurück, die mich schon seit Jahren beschäftigen, aber erst Anfang Januar während meiner ersten Prüfungsphase an der Universität wieder so richtig aktuell geworden sind.

Schon seit ich denken kann, war Leistung ein wichtiger Faktor in meinem Leben. Wenn man so will, ging es schon bei meiner Geburt darum, dass mein Körper kämpfte, um trotz der Frühgeburt genug Sauerstoff zu bekommen und zu überleben. Während meiner Therapien ging es von Anfang an darum, möglichst lange und intensiv zu trainieren, um schnell große Fortschritte zu machen. In meiner Schulzeit hieß es oft, ich müsse meine Körperbehinderung durch bessere „geistige Fähigkeiten“ ausgleichen und mich deshalb im Unterricht mehr anstrengen als die anderen.

All diese Ratschläge nahm ich mir irgendwann, größtenteils unterbewusst, so zu Herzen, dass in mir ein unglaublicher Leistungsdruck wuchs und ich permanent in allen Lebensbereichen das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein. Natürlich ging mein daraufhin gefasster Entschluss, immer 110 % zu geben, nicht lange gut und ich bekam heftige psychische Probleme. Über Jahre versuchte ich die Situation wieder in den Griff zu bekommen, aber es sollte tatsächlich bis zum Ende meines Aufenthalts in Kanada dauern, bis ich das Gefühl hatte, endlich wieder innerlich stabil, kraftvoll und motiviert zu sein.

Bevor das Studium im Oktober 2013 begann, war ich selbstverständlich sehr aufgeregt und fragte mich ab und zu, ob ich das alles schaffen würde. Aber es war anders als bisher. Ich stellte mir diese Frage nicht permanent und nicht mit einem Gefühl der Panik im Hintergrund, sondern mit dieser kribbeligen Vorfreude, die man hat, wenn man ein lange verfolgtes Ziel endlich erreicht.

Zu Beginn der Vorlesungszeit ergaben sich immer mal wieder Situationen, in denen ich mich kurzzeitig überfordert oder nicht gut genug fühlte, aber es geschah immer irgendetwas, das mir diese negativen Gefühle schnell nahm und mir zeigte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Zudem nahm ich diese Empfindungen ernst statt sie zu verdrängen und gönnte mir Pausen, wenn mir danach war. Mein wunderbar strukturierter Lern- und Freizeitplan ging dadurch zwar Tag für Tag völlig in die Hose, aber ich fühlte mich gut, weil ich auf mich selbst achtete und morgens fit für einen neuen Tag war.

Nach und nach änderte sich das jedoch. Plötzlich schlief ich schlecht, wusste zunächst aber gar nicht, warum. Dementsprechend schwer kam ich morgens aus den Federn, kam ständig zu spät zur Uni und war abends nach den Vorlesungen oft so erschöpft, dass ich direkt mit dem Rollstuhl in mein Zimmer zum Bett fuhr, mich hinlegte und bis zum nächsten Morgen in einen komatösen Tiefschlaf fiel.

Get it Done with a Little Fun (1)

Heute bin ich seit genau zwei Wochen in Iserlohn. Es kommt mir vor, als wären es schon Monate. Ich glaube, abgesehen von den Erlebnissen während meines Kanada-Aufenthaltes habe ich noch nie in so kurzer Zeit so viele neue Menschen kennen gelernt und unglaubliche Erlebnisse gehabt.

Das zeigt sich auch daran, dass ich bereits während ich diesen Blog schreibe (Duden sagt „das“ oder „der“: http://www.duden.de/rechtschreibung/Blog) Ideen für zwei weitere Einträge habe. Interessanter Weise habe ich schon mehrmals mit dem Bloggen angefangen und es bisher nicht durchgehalten. Dieses Mal habe ich jedoch das Gefühl, dass es mir wirklich hilft, die vielen neuen Eindrücke und Geschehnisse zu reflektieren und somit nachts ruhiger schlafen zu können.

Schlaf ist hier im Studentenwohnheim, wie man schon im ersten Beitrag lesen konnte, nicht selbstverständlich. Deshalb muss ich wirklich darauf achten, genug zu bekommen. Sicherlich nicht mangeln wird es mir hingegen an Parties und Spaß mit meinen Kommilitonen, aber dazu mehr in einem weiteren Blog. Obwohl in der vergangenen Woche nicht jeden Abend eine Party stattfand und ich deshalb einige Gelegenheiten hatte, lange und ruhig zu schlafen, konnte ich diese nicht nutzen (Wie oft habe ich in den vorigen beiden Zeilen „nicht“ geschrieben?!). Es hat eine Weile gedauert, bis mir der Grund klar wurde. Nun ist es mir jedoch umso mehr ein Bedürfnis, darüber zu schreiben.

Je bewusster ich mir meiner persönlichen Lebenssituation werde, desto mehr wird mir klar, dass ich gar kein Problem mit meiner Behinderung an sich habe, sondern vor allem mit drei Aspekten, die dadurch für mich im Vordergrund stehen:

• Die Art und Weise, wie ich als Mensch mit Behinderung von anderen wahrgenommen und behandelt werde.
• Die permanenten Schmerzen, die ich habe.
• Alle Aktivitäten, die ich mir vornehme, dauern länger als bei nichtbehinderten Menschen.

Alles dauert länger

Momentan spielt für mich wieder einmal der dritte Punkt eine sehr große Rolle. Mittlerweile kann ich zunehmend genauer abschätzen, wie viel Zeit ich für ganz alltägliche Dinge wie beispielsweise Essen kochen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, einkaufen, duschen oder den Müll rausbringen benötige. Es ist so, dass der Zeit- und Energieaufwand, den ich für solche Tätigkeiten benötige, zu einem Großteil davon abhängt, wie individuell die Umgebung, in der ich mich befinde, auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Das ist, denke ich, für jeden Menschen der Fall.

Allerdings bin ich als Mensch mit Behinderung der Meinung, dass solche äußeren Gegebenheiten eine wesentlich größere Rolle spielen als bei Nichtbehinderten. Das ist für mich nicht nur in Sachen Barrierefreiheit so, sondern auch beim Thema Alltags- und Haushaltsorganisation. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mein Apartment fertig eingerichtet hatte, da ich mich immerzu fragte: Brauche ich diesen Gegenstand sehr oft? Wo ist er für mich am einfachsten erreichbar? Oder: Wie bewege ich mich in diesem Raum? Wo platziere ich am besten welche Möbel, sodass ich mich zeit- und energiesparend, aber auch bequem und gemütlich hier aufhalten kann? Selbst nach zwei Wochen Leben auf gerade einmal 23,3 Quadratmetern fallen mir beinahe täglich Prozesse auf, die ich effizienter gestalten kann.

Ich dachte mir, dass die Alltagsplanung leichter werden würde, sobald mir mein Vorlesungsplan bekannt ist, allerdings macht mich dieses Wissen momentan eher verrückt. Schaue ich auf den Plan, sehe ich ein gut durchdachtes, abwechslungsreiches Studienprogramm mit Tagen, an denen ich fast durchgängig an der Uni bin, Tagen, an denen ich nur ein oder zwei Vorlesungen habe und Tagen, an denen gar keine Vorlesung stattfindet. Wahnsinn, so viel Freizeit!, dachte ich auf den ersten Blick. Je mehr sich jedoch für mich hier in Iserlohn ein Alltagsleben entwickelt, desto öfter denke ich: Verdammt, wie sollst du das denn alles schaffen?

Zwei Stunden Mittagspause zwischen den Vorlesungen klingt nach viel Zeit. Beachtet man jedoch, dass ich für die Zubereitung eines Mittagessens, das Essen an sich und das Aufräumen danach durchschnittlich anderthalb Stunden benötige, ist das Zeitfenster plötzlich ziemlich klein. Ich brauche nicht etwa so lange, weil ich besonders komplizierte Gerichte zaubern möchte, sondern weil aufgrund meiner Behinderung schon so eine simple Sache wie eine Tomate schneiden einem Staatsakt gleichkommt.

Da ich jedoch nicht immer zwei Stunden Mittagspause habe, bedeutet das für mich, dass ich die Gerichte am Abend vorbereiten muss, um sie am nächsten Tag in Ruhe essen zu können, statt mich nach einem anstrengenden Tag an der Uni gemütlich auf mein Bett zu legen und ein gutes Buch zu lesen. Natürlich kommt einem hier sofort das Argument „5-Minuten-Terrine“ in den
Sinn, ich glaube aber kaum, dass es einen Menschen gibt, der sich Tag ein, Tag aus davon ernähren möchte. Mir ist es zudem wichtig, auf meine Gesundheit zu achten und mein Essen zu genießen.

I’m a Survivor (2)

I’m a Survivor (1)

 

Mir geht ein Licht auf

Nach dreimaligem Seitenwechsel kam ich gefühlte Jahrtausende später schweißgebadet und kurzatmig am Baumarkt an. Bereits beim Versuch die Glühlampe umzutauschen scheiterte ich. Meine Mutter hatte am Samstag nach dem Einschrauben in die Fassung die Originalverpackung entsorgt, was zur Folge hatte, dass der Beleuchtungsfachmann die Glühlampe nicht zurücknahm. Als ich ihn fragte, ob ich denn eine andere Möglichkeit hätte, als eine neue zu kaufen, verstand er mich falsch und warnte mich davor, ihn zu betrügen, in dem ich etwas anderes kaufte und dann mit dem neuen Kassenbon auf den Umtausch bestand.

Eigentlich dachte ich: Alter, hör‘ mir doch mal zu! Ich will dich nicht betrügen, ich will einfach nur eine Energiesparlampe, die nicht so verdammt grell leuchtet wie die, die ich schon habe! Kapiert!?

Stattdessen holte ich tief Luft, lächelte und sagte: „Versteh‘ ich nicht. Ich will doch einfach nur eine neue Glühlampe kaufen.“ Daraufhin entschuldigte sich der Verkäufer wortreich und erklärte mir ausführlich die verschiedenen Arten von Licht und Lampen. Jetzt weiß ich, dass eine 100 Watt Energiesparlampe mit neutralweißem Licht eindeutig zu grell leuchtet für eine simple Leselampe. Ausgerüstet mit einer warmweiß leuchtenden 60 Watt-Lampe („Für Gemütlichkeit und Wohlbefinden“) machte ich mich dann auf zum Gartencenter im 2. Stock des Baumarktes.

Bei den Blumentöpfen angekommen erschrak ich erst einmal ob der horrenden Preise, bis mir klar wurde, dass nur die kunstvoll gestalteten Keramiktöpfe so teuer waren. Ein paar Meter weiter fand ich die Art von Übertopf, die ich gerne haben wollte, zu einem erschwinglichen Preis. Allerdings hatte ich die Durchmesser der Pflanztöpfe in meinem Zimmer, die ich zuvor extra ausgemessen hatte, wieder vergessen. Auch hier gab sich der Fachmann für Gartenbau alle Mühe, mir den richtigen Blumentopf zu verkaufen. Stolz wie Bolle nahm ich also vier mittelgroße Übertöpfe in der Farbe „creme“ und einen großen aus dem Regal, als es mich traf wie der Blitz.

Schön und gut, dass ich mich so überaus motiviert auf den Weg zum Baumarkt gemacht hatte, aber wie sollte ich, ohne Einkaufstasche oder Rucksack, vollgepackt mit fünf Blumentöpfen, wieder zurück zur Uni kommen?!

Irgendwie geht alles!, dachte ich und folgte dem Verkäufer zielstrebig zur Kasse. Dort angekommen verwandelten sich zwei Verkäuferinnen in fleißige Beinchen, die mir meine Blumentöpfe fachgerecht in Papier und Plastiktüten verpackten. Da der Sitz des Rollstuhls nun belegt war mit fünf Blumentöpfen, einer Energiesparlampe und einer kleinen Handtasche, hieß es wieder: Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt!

Verlaufen, vergessen, versiegelt

Auf dem Parkplatz des Baumarktes kramte ich meine To-Do-Liste aus der Handtasche und ohrfeigte mich gleich danach im Geiste. Küchenplattenversiegelung vergessen! Zurück durch die Eingangstür des Baumarktes mit einem beschwingten „Da bin ich wieder!“ und ab zur Information. Eine der Verkäuferinnen an der Kasse sah mich und fragte mich gleich, was ich bräuchte. Inzwischen war ich so erschöpft, dass ich mich auf einer Gartenbank ausruhen musste, die im Eingangsbereich ausgestellt war. Herrlich, diese Ironie. Eine Rollstuhlfahrerin muss sich auf eine Bank setzen, um sich auszuruhen. Nach einigen Minuten kam die Verkäuferin zurück mit zwei kleinen Kanistern Holzöl für Gartenmöbel und wir sagten beide synchron: „Na ja, für die Küche ist das wohl nicht das richtige.“ Meine Intuition sagte mir, dass ich es in der Abteilung „Lacke und Farben“ probieren sollte, dennoch schickte mich die Verkäuferin in den Bereich „Sanitär und Baustoffe“.

Dort angekommen wuselte ein einziger Verkäufer mit stressverzerrtem Gesicht durch die Gänge, drei Kunden im Schlepptau. Der eine wollte Rohre, die anderen beiden, ein älteres Ehepaar, Untergrund für die Fliesen in der Garageneinfahrt. Man sah sofort, dass das Ehepaar zur Kategorie der Kunden gehörte, die tausendmal die gleiche Frage stellen und niemals zuhören, aber sofort eingeschnappt sind, wenn sie nicht beraten werden. Der Verkäufer sah die beiden verzweifelt an, ließ dann denjenigen, der Rohre kaufen wollte, stehen und sprach das Ehepaar an. Die erste Reaktion, die er bekam, war ein „Was? Ich kann Sie nicht hören.“ Daraufhin änderte der Verkäufer seine Taktik von „An zwei Orten gleichzeitig sein“ zu „Schrei es einfach raus!“ und bekam daraufhin einen miesepetrigen Blick von der älteren Dame und ihrem Mann.

Nachdem der Verkäufer den beiden einen 40 kg-Sack mit dem gewünschten Baustoff in den Einkaufswagen gewuchtet hatte, fragte die Dame ihn: „Wann kann man denn da wieder mit dem Auto drüberfahren?“. Als die Antwort lautete: „Nach 28 Tagen!“, plusterte sie sich auf und das Unheil nahm seinen Lauf. „Also nein, das geht nicht. Haben Sie denn nichts Besseres? Was, das schneller trocknet und genau so gut ist?“ Der Verkäufer riet den beiden, sich in Gang M5 umzuschauen, bekam als Reaktion jedoch nur ein „Häää?“ und miesepetrigere Gesichter. Langsam aber sicher wurde mir klar, dass ich morgen früh noch hier stehen würde, weshalb ich zurück in den Sanitärbereich ging und mich ganz ungeniert auf einen Schreibtischstuhl setzte. Meine Beine wollten einfach nicht mehr stehen. Nach einer halben Ewigkeit sprach mich ein junger Verkäufer an, ich erklärte ihm mein Anliegen und er sagte: „Ach so, Küchenplattenversiegelung. Die ist in der Abteilung ‚Lacke und Farben.'“ Mit einem frustrierten „Hmpf!“ sank ich auf dem Bürostuhl zusammen, woraufhin der Verkäufer loslief, um mir das Produkt zu bringen.

Darf ich vorstellen? Frieda.

Glücklich und zufrieden über meinen Einkauf machte ich mich auf den Rückweg. Schon beim ersten Wechsel des Bordsteins zeigte sich, dass ebendieser mit Gepäck nicht annähernd so einfach war wie ohne. Als ich das Gleichgewicht verlor, blieb mir nichts anderes übrig als am Straßenrand stehenzubleiben und zu beten, dass ich nicht umfalle, woraufhin ein Ehepaar, das just in diesem Moment mit dem Auto an mir vorbeifuhr, stehen blieb und mir anbot, mich zu meinem Ziel zu fahren. Im Apartment angekommen konnte ich selbst kaum glauben, dass ich es geschafft hatte. Um 08:00 Uhr morgens hatte ich mein Apartment verlassen, mittlerweile war es 11:30 Uhr. Statt mich auszuruhen machte ich mich jedoch daran, meine Küchenplatte zu versiegeln und meine Gartenkräuter in die Übertöpfe umzusetzen. Zwei Stunden und eine genüssliche Brotzeit später machte ich mich zum zweiten Mal auf den Weg ins Verwaltungsgebäude, um den IT-Fachmann zu finden.

Nachdem ich mich heillos im Gebäude verirrt hatte, fand ich die EDV- Abteilung endlich. Die Herren Computerspezialisten staunten nicht schlecht über mein Problem, hatten jedoch leider auch kein Ladekabel für mein iPhone. Einer der beiden folgte mir zurück in mein Apartment, um nach dem Problem mit der Internetverbindung zu schauen. Wieder kam keine Verbindung zustande als er meinen Windows-Laptop anschloss, also überwand ich mich, mein nagelneues MacBook namens Frieda auszupacken und es mit ihr zu versuchen. Eigentlich wollte ich Frieda erst dem Tageslicht aussetzen, nachdem der Umzug vollständig abgeschlossen war. Kaum steckte das Kabel in der Buchse, vermeldete Frieda volle Signalstärke und ich konnte es kaum fassen, wie glücklich ich war über so etwas simples wie eine Internetverbindung. Meine Mutter flippte aus, als ich ihr endlich ein Lebenszeichen schickte, und ich konnte nicht mehr von Frieda ablassen. Nun sitze ich seit einiger Zeit hier, schreibe dieses (diesen?) Blog und bin ganz entzückt von klein Frieda.

I’m a Survivor (1)

Wer braucht schon ein Telefon?

Ich habe die ersten Nächte und Tage in Iserlohn überlebt! Allerdings befinde ich mich in einem riesigen Abenteuer, glaube ich. Gerade als meine Mutter am Samstagabend gegangen war, sah ich, dass der Akku von meinem iPhone nur noch auf 2% stand. Ich wurde panisch und suchte wie wild mein Ladekabel- natürlich fand ich es nicht. Ich schaffte es gerade noch, ihr in einer SMS zu sagen, wie dankbar ich bin für ihre Hilfe und wie sehr ich sie liebe.

Dann klingelte mich eine Freundin an und mein iPhone verabschiedete sich. Sprich, ich war keine 24 Stunden in einer fremden Stadt, auf einem unbekannten Campus, in einer neuen Wohnung und schon alleine, dazu noch völlig abgeschnitten von der Außenwelt, da meine Internetverbindung im Apartment auch nicht funktionierte. Auf dem Campus war absolut niemand, weil 1. Semesterferien waren bis zum 1. Oktober und weil 2. am Wochenende die wenigen, die hier geblieben sind, alle ausgeflogen waren. Ich bekam eine Vollkrise, heulte erstmal ordentlich und räumte dann weiter mein Zimmer ein, um mich abzulenken. Irgendwann fiel ich endlich todmüde ins Bett.

Achtung, BiTS-Beben!

Nachts um 03:14 Uhr stand ich, unsanft aus dem Tiefschlaf gerissen, senkrecht im Bett mit Herzrasen und Schnappatmung, weil mein Apartment vibrierte. Im Delirium dachte ich „Erdbeben! Erdbeben!“ und war wie paralysiert. Es dauerte ziemlich lange bis ich zurechnungsfähig genug war, um das Gewummer und die Sirenen als dröhnende Clubmusik mit Soundeffekten zu identifizieren- Ich wohne direkt gegenüber von der Campusdisko und die Studenten dachten sich, nachdem sie von den Parties in der Stadt wieder nach Hause gekommen waren, „Wieso nicht einfach weiter feiern?“ Ich überlegte kurz, ob ich lachen oder weinen sollte, dann entschloss ich mich dazu, zu lachen, die Fenster aufzumachen und im Schlafanzug mitzufeiern. Um kurz nach 04:00 Uhr wurde die Musik endlich leiser und ich legte mich erleichtert wieder in mein Bett. Keine fünf Minuten später ging die Feierei in die nächste Runde, bis zum Morgen. Fazit: Es gibt genau zwei Möglichkeiten an Wochenenden oder den Abenden vor Feiertagen an der Uni zu überleben

  • 1. Ohropax kaufen, die Fenster verriegeln und hoffen, dass meine Mitstudenten nicht ganz so feierwütig sind wie am vorigen Wochenende.
  • 2. Mittagsschlaf halten und anschließend mitfeiern bis zum bitteren Ende.

Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht so richtig, welche Option mir lieber ist.

Prioritäten setzen für Erstsemester

Am Sonntag ging das Ein- und Umräumen im Apartment weiter, leider immer noch ohne ein Lebenszeichen von meinem iPhone-Ladekabel. Ab und zu hörte ich Autos und Stimmen unten auf dem Campus. Ich war aber noch so durch den Wind, dass ich mich nicht traute, raus zu gehen und jemanden anzusprechen. Es machte mich halb wahnsinnig, niemanden erreichen zu können, auch nicht im Notfall.

In der Nacht konnte ich erneut kaum schlafen, weil ich den Montag, den Tag an dem wieder Leben in den Campus einkehren würde und ich etwas tun könnte, kaum erwarten konnte. Um Punkt 06:00 Uhr schlug ich dann heute Morgen die Augen auf und war schlagartig hellwach. Meine Lehrer auf dem Internat wären stolz gewesen, wenn ich mit so viel Elan in einen Schultag gestartet wäre! Am Sonntag hatte ich mir eine Liste geschrieben, was ich alles vor dem Studienstart noch erledigen muss. Der erste Punkt lautete eigentlich: „Im Baumarkt Küchenplattenversiegelung und Übertöpfe kaufen, Schraubfüße zurückgeben und Glühlampe umtauschen“. Für mich war jedoch ganz klar, dass ein neuer Punkt höchste Priorität hatte: Internet funktionsfähig machen!

Also, ab in den Rollstuhl und los ging es ins Verwaltungsgebäude. Ich bin sehr froh darüber, dass das Gebäude mit den Verwaltungs- und Vorlesungsräumen, ein Neubau, weitgehend rollstuhlgerecht gestaltet ist (Abgesehen von einigen wenigen Rampen, die so steil sind, dass ich in der Mitte nicht mehr weiter komme und seufzend wieder rückwärts runter rolle). Mit den Apartmentkomplexen sieht es allerdings ganz anders aus. Alles Altbau, viele Treppen, ein einziger Lastenaufzug, und alle fünf Meter eine schwere Feuerschutztür. Nichtsdestotrotz ist genau dieser Weg durch sieben Feuerschutztüren die einzige Möglichkeit, treppenlos durch einen überdachten, unbeheizten, teilweise unbeleuchteten Kellergang in das Verwaltungsgebäude zu gelangen und dann über einen ebenerdigen Ausgang die Uni zu verlassen. Bevor ich hierher kam dachte ich, ich könne morgens länger schlafen, da die Vorlesungsräume gleich nebenan sind. Weit gefehlt!

Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt!

Ich brauche gute 20 Minuten, um von meinem Apartment „in die Zivilisation“ zu gelangen. Wie ich den Müll runter bringen oder meine Wäsche im Waschraum waschen soll, weiß ich noch nicht. Aber da wird mir schon etwas einfallen (Not macht glücklicherweise erfinderisch, nicht wahr?). Im Verwaltungsgebäude angekommen war der IT-Fachmann natürlich noch nicht da (Welcher Informatiker fängt schon vor 10 Uhr morgens an zu arbeiten!?), also machte ich mich auf in den Baumarkt. Frei nach dem Motto: „Wer durch sieben Feuerschutztüren mit dem Rollstuhl hindurchkommt, gelangt auch zum Baumarkt!“ Hierzu muss ich anmerken, dass die Uni am unteren Ende eines langen, steilen Hangs liegt und der Baumarkt sich am oberen Ende befindet.

Reichlich optimistisch fuhr ich dennoch weiter mit dem Rollstuhl. Der Berg wurde steiler, meine Kraftreserven geringer und plötzlich kippte der Rollstuhl nach hinten statt nach vorne weiter zu rollen, als ich mich mit Schwung anschob. Klares Zeichen: Wer seinen Rollstuhl liebt, der schiebt! Damit jedoch nicht genug. Am Ende des Hangs angelangt, verschwand plötzlich der Fußgängerweg im Nichts und tauchte auf der anderen Straßenseite wieder auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Kante auf beiden Seiten gut und gerne 30 cm hoch war und fragte mich selbst: Wie kommst du jetzt mit dem Rollstuhl über diesen hohen Bordstein auf die andere Straßenseite, ohne überfahren zu werden? Ganz einfach, sagte ich mir: Augen zu und durch! Etwa 10 Meter weiter die gleiche Situation: Bürgersteig auf der einen Seite weg und drüben wieder da.