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Aus Glas – oder warum es hier so ruhig geworden ist

In den letzten Monaten ist es hier ganz schön ruhig geworden. Oft habe ich mich selbst gefragt, warum. Viele Menschen haben mich angesprochen und gesagt: „Hey, blog doch mal wieder!“. Aber auch wenn ich mich ganz bewusst an den Computer gesetzt habe, um einen Eintrag zu verfassen, war da einfach nichts. Keine Idee, kein Gedanke, keine Motivation. Ich fühlte mich schlecht deshalb. Fragte mich, wo mein Antrieb, anderen Menschen aus meinem Leben mit Behinderung zu erzählen und so eine Brücke zueinander zu bauen, geblieben ist.

Bis gestern wollte mir dazu einfach nichts einfallen, es war wie ein großer Nebel in mir. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.  Dann erfuhr ich, dass Kaiserin 1 gestorben ist, und wusste plötzlich, was mit mir los ist:

Ich bin genervt, aber vor allem traurig. Traurig darüber, dass ich den Eindruck gewonnen habe, dass es nur möglich ist, als Mensch mit Behinderung eine Brücke zu anderen zu bauen, wenn man sein Innerstes nach außen kehrt.

Wenn David Lebuser davon erzählt, dass ihm die Krankenkasse vorschreibt, wie oft am Tag er pinkeln darf.

Wenn Laura Gehlhaar darüber schreibt, dass es Menschen gibt, die sie gern ausrotten würden.

Wenn Raul Krauthausen berichtet, wie es ist, Sex mit Behinderung zu haben (hier auch).

Wenn Mareice von wahrhaftig behinderten Momenten schreibt.

Wenn Anastasia erkennt, dass sie zu behindert für Singlebörsen ist.

Oder wenn ich darüber spreche, wie mich ein betrunkener Mitstudent mitten ins Herz traf.

Wir verrenken uns analog, aber vor allem digital, machen uns gläsern, damit Menschen ohne Behinderung uns Menschen mit Behinderung verstehen. Damit sie sich ein Leben mit Behinderung vorstellen können. Damit sie keine (Berührungs-) Angst uns gegenüber mehr haben. Und umgekehrt?

Hunderte, wenn nicht sogar ein paar tausend Leser wissen sehr viel über mich, aber ich weiß von ihnen eigentlich nur, dass sie es gut/mutig/bewundernswert/stark/vorbildlich/hilfreich/erfrischend/ergreifend/(…) finden, was ich schreibe und wie ich lebe.

Irgendwie erfüllt mich das nicht mehr.

Versteht mich nicht falsch.

Ich will immer noch Brücken bauen, keine Frage.

Aber Doch dass Kaiserin 1 gegangen ist, hat mir klar gemacht: Ich möchte dies tun eine Brücke bauen, wenn jemand vor mir steht. Wenn er/sie mit mir spricht, mich anlächelt, mich berührt, umarmt, mit mir gemeinsam lacht, weint, schreit, schimpft und jubelt. Bei einem Kaffee, mitten in Berlin/Köln/Frankfurt/(…) oder sogar in Iserlohn. Live und in Farbe. Authentisch, echt, greifbar, statt digital diffus. Das wär‘ doch mal was, oder?

Ich möchte euch einladen zu einer echten Begegnung. Ich wünsche mir, auch euer Gesicht zu sehen. Auch eure Gedanken zu hören. Verbringt Zeit mit mir und erfahrt so, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben.

Vielleicht werdet ihr feststellen, dass Vieles so verdammt ähnlich ist. Viel unaufgeregter als es in der digitalen Welt scheint. Vielleicht merkt ihr, dass Manches schon anders ist. Aber es macht euch nichts (mehr) aus, weil ihr es ja nun tatsächlich miterlebt und die Angst verschwindet.

Man könnte zum Beispiel:

  • gemeinsam zum Eishockey gehen und die Iserlohn Roosters anfeuern.
  • gemeinsam die Dechenhöhle besuchen.
  • gemeinsam im Sauerlandpark bei einem Open-Air-Konzert rocken bis zum Umfallen.
  • gemeinsam nach Dortmund fahren und 90 Minuten schwarz-gelb sein.
  • Oder possierlichen Tierchen beim Possierlich-Sein zuschauen (das geht auch hier oder hier).
  • gemeinsam das wohl beste Eis im Sauerland genießen.
  • gemeinsam am Seilersee die Seele baumeln lassen.
  • Oder einfach nur entspannt einen Latte Macchiato schlürfen bei fuchs+hase.

 

Das sind schon acht Dinge, die man nur im kleinen, aber feinen Iserlohn bzw. drumherum zusammen unternehmen könnte. Krass. Wie viel kann man dann erst in Köln, Frankfurt und Berlin erleben? Boah!

Michael Bartlewski und Tobias Henkenhaf von DIE FRAGE bringen es so wunderbar auf den Punkt: Es ist der echte Kontakt, der uns fehlt.

2016 wird für mich also: weniger digital, mehr analog.

Weniger „Wie ist das eigentlich bei dir?“, mehr „Guck mal, so ist das bei mir!“.

Weniger „Ist doch klar, dass er nicht weiß, wie es ist.“, mehr Arschlochfilter.

Weniger bloggen, mehr diskutieren auf Konferenzen, BarCamps und Co. (zum Beispiel am 30. Januar 2016 in München).

 

Ich hoffe, wir sehen uns!

#einElefantfuerDich

Stellungnahme zum Beitrag vom 05.01.2015

Mein Aufruf zur Überarbeitung des neuen Schwerbehindertenausweises vom 5. Januar 2015 brachte viele Reaktionen hervor. Gut anderthalb Stunden nach der Veröffentlichung hier auf meinem Blog, auf meiner Facebook-Seite Ungebremster Redeschwall, auf meinem Twitter-Account @HappyZwitschert sowie in einigen Facebook-Gruppen für Menschen mit Behinderung hatten mich bereits über 280 Nachrichten, Kommentare, Tweets und E-Mails erreicht, inklusive der Anzahl von Leuten, die den Beitrag auf Facebook & Twitter geteilt, mit „Gefällt mir“ markiert oder als Link weiter verbreitet haben. Danach habe ich, überrollt von der Flut der Reaktionen, aufgehört zu zählen.

Viele der Rückmeldungen enthielten Zuspruch. Dafür möchte ich mich bei allen von ganzem Herzen bedanken!

Sehr viele Rückmeldungen drückten aber auch Unverständnis oder Protest gegen meinen Aufruf aus.

Weiterhin stehe ich dazu: Ich bin offen für die Debatte zum Thema.

Das bedeutet, jeder kann seine Meinung zum Thema frei äußern, sie ebenfalls zu Debatte stellen. Egal, ob man sich meiner persönlichen Sicht anschließt, ob man diese durch eigene Gedanken ergänzen möchte oder ob man sie ablehnt.

Glücklicherweise ist dies hier, in Deutschland, möglich. Es gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung. Hinter diesem wichtigen, demokratischen Recht stehe ich voll und ganz.

Das heißt für mich: Ich gewähre das Recht auf freie Meinungsäußerung jedem, der mit mir kommuniziert. Egal, ob derjenige im persönlichen Gespräch mit mir kommuniziert, über den Postweg oder über digitale Kommunikationsmöglichkeiten.
Das heißt für mich jedoch auch, dass ich selbst dieses Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nehmen kann, wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Im persönlichen Gespräch, auf dem Postweg oder über digitale Kommunikationsmöglichkeiten.

Einige der Menschen, die auf meinen Blogbeitrag reagiert haben, sind in ihren Reaktionen so weit gegangen zu fordern, dass man mir mein Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen sollte. Zuerst waren es nur einzelne, und ich dachte noch: Oh, ich habe einen wunden Punkt getroffen.

Mit der Zeit mehrten sich solche Äußerungen allerdings. Die Reaktionen richteten sich nicht mehr nur gegen meine frei geäußerte Meinung, sie zielten ganz direkt gegen meine Person. Wurden zu Unterstellungen und Mutmaßungen über mich, mein Leben und meine Ansichten.

Ich war – noch einmal an diesem Tag – zutiefst geschockt.

Geschockt über die Oberflächlichkeit, mit der vor allem andere Menschen mit Behinderung mir gegenüber traten. Egal in welchem sozialen Netzwerk ich mich täglich aufhalte, egal wann und wo ich mich mit anderen Menschen mit Behinderung unterhalte, häufigster Kritikpunkt derjenigen mit Behinderung an den Nichtbehinderten ist ihre Oberflächlichkeit und Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen. Die häufigste Reaktion der Menschen mit Behinderung auf meinen Beitrag lautet in etwa: Ich verstehe deinen Beitrag nicht. Ist doch egal, ob das Foto gut aussieht oder nicht.
Auch beliebt: Inklu-was? Wovon redest du? Können wir Probleme tauschen?

Ich frage diese Menschen mit Behinderung: Benehmt ihr euch wirklich anders?

Ebenso gern wird in der Behindertenszene argumentiert mit dem Egoismus der Nichtbehinderten. „Die denken nur an sich!“ und „Ist doch alles pseudo-sozial!“ sind nur zwei meiner persönlichen Wir Behinderte sind so arm dran-Dauerbrenner. 99 % der Menschen mit Behinderung, die meine frei geäußerte Meinung und/oder meine Person strikt ablehnen, argumentieren in ihren Reaktionen mit Formulierungen wie: „In meinem Fall brauche ich den Ausweis fast gar nicht.“ oder „Ich habe eh keinen Ausweis, also interessiert es mich nicht.“ oder „Mich stört es nicht. Warum also so ein Fass aufmachen?“ oder „Ich bin froh, dass ich überhaupt Vorteile habe durch den Ausweis. Alles andere juckt mich doch nicht.“

Ich frage diese Menschen mit Behinderung: Benehmt ihr euch wirklich anders?

Das am häufigsten vorgebrachte Argument der Menschen ohne Behinderung gegen meinen Beitrag ist: Wir Menschen mit Behinderung sollten froh sein, einfach nur den Schwerbehindertenausweis vorzeigen zu müssen (um Vergünstigungen zu bekommen).

Der Großteil der nichtbehinderten Menschen in meinem Umfeld kehrt häufig vom Supermarkt zurück mit den Worten: „Oh Mann, ich musste schon wieder meinen Personalausweis an der Kasse vorzeigen. Sieht man doch, dass ich alt genug bin, um Alkohol und Zigaretten zu kaufen! Die sollen sich mal nicht so anstellen.“ Auch sehr beliebt ist die Aussage: „Die (an der Kasse) kapieren es aber auch nicht. Ich gehe da mehrmals die Woche hin, und trotzdem wollen die immer meinen Ausweis sehen.“

Diese Menschen ohne Behinderung frage ich: Seid ihr es denn?

Auf beiden Seiten für Aufruhr gesorgt hat mein persönlicher Gedanke beim ersten Anblick des neuen Ausweises: „Leben wir in 2015 oder 1945?“

Ich habe es nun mehrmals ausdrücklich betont, verdeutliche es aber gerne noch einmal: Ich äußere frei meine persönliche Meinung und meine persönlichen Gedanken. Das heißt, ich spreche für mich. Keinesfalls maße ich es mir an, für alle Menschen mit Behinderung zu sprechen, respektive zu schreiben. Am Ende meines Beitrags vom 05.01.2015 wechsle ich vom Ich zum Wir, da ich einen allgemeinen Vergleich anstelle, der einerseits auf dem in unserer Gesellschaft üblichen Sprachgebrauch und andererseits auf meinen persönlichen Erfahrungen und meinem persönlichen Umgang mit anderen Menschen mit Behinderung beruht.

Mir ist bewusst, dass der gebrachte Vergleich drastisch ist, zumal ich das Regime der Nationalsozialisten nicht persönlich miterlebt habe und daher nur aus Gelerntem und von Zeitzeugen Erlebten schöpfen kann. Jedem, der die in dieser Zeit erfolgte Grausamkeit am eigenen Leib spüren musste, möchte ich meinen tiefsten Respekt aussprechen und betonen, dass ich meine Erlebnisse und Empfindungen keineswegs mit den seinen gleichstellen möchte.

Es handelt sich lediglich um meinen persönlichen allerersten Gedanken beim Anblick des Ausweises, eine Assoziation aus dem Bauch heraus. Ich kann und möchte meine innersten Gedanken und ihren Ursprung weder erklären noch rechtfertigen. Ich möchte aber in einem weiteren Beitrag mein Bestes geben, diese Gedanken näher zu erläutern und so zu verdeutlichen, warum ich den Vergleich auch später, beim Schreiben des Blogbeitrages vom 05.01.2015, beibehalten habe, nach wie vor für eine Überarbeitung des neuen Schwerbehindertenausweises plädiere und meinen öffentlichen Aufruf an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Arbeitsgruppe des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufrecht erhalte.

“Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.” – Indianisches Sprichwort

Der neue Schwerbehindertenausweis – Öffentlicher Aufruf an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Nichtsahnend scrolle ich wie jeden Tag durch meine Facebook-Pinnwand und bin gespannt, was es Neues gibt bei den anderen Nutzern. Plötzlich springt mir das Gesicht von Adina Hermann, einer Bekannten aus Berlin, entgegen. Allerdings seltsam verzerrt und farblos. Ich bin irritiert und sehe mir ihren Beitrag genauer an.

Adina schreibt:

„Der neue Schwerbehindertenausweis – so wrong on so many levels.
Ist nicht nur eine Beleidigung für’s Auge (mein Grafiker-Herz weint bitterste Tränen!), sondern sieht auch noch wie selbstgebastelt aus. In einem Wort: Gruselig!“

Ich sitze vor meinem MacBook und bin sprachlos. So ein DING soll ich demnächst auch mein Eigen nennen? Nur über meine Leiche!

Die Neugestaltung des Schwerbehindertenausweises erfolgt im Rahmen des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Faltblatt zum neuen Schwerbehindertenausweis schreibt. Mit der Einführung wurde 2013 begonnen, seit dem 1. Januar 2015 ist die Ausstellung des neuen Ausweises im Scheckkartenformat deutschlandweit Pflicht. So weit, so gut.

Tatsächlich?

Positiv ist, dass der neue Ausweis Scheckkartenformat hat. Endlich passt er ins Portmonee oder in die Hosentasche, ohne dass man ihn umständlich knicken muss und die Schrift unleserlich wird. Die zum Ausweis gehörende Wertmarke zur Freifahrt im ÖPNV wird jedoch nach wie vor in Papierform ausgestellt. Das bedeutet allerdings: Wieder ein einzelnes Dokument mehr im Portmonee, das leicht beschädigt werden oder verloren gehen kann. Noch ein Argument für den neuen Ausweis: Blinde Menschen können sich die Buchstabenfolge sch-b-a in Brailleschrift auf den Ausweis drucken lassen, sodass er für sie neben anderen Scheckkarten im Portmonee, wie Bankkarte und Führerschein, leichter identifizierbar ist. Ebenfalls positiv ist, dass die Formulierung „Die Notwendigkeit zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“ für das Merkzeichen B umformuliert wurde in „Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“

Sind wir nicht alle ein bisschen kleinlich?

Nein, sind wir nicht. Es macht einen großen Unterschied, ob mir als Person mit Behinderung unterstellt wird, dass ich ständig in Begleitung unterwegs sein muss (weil ich eine Behinderung habe), oder ob lediglich dokumentiert wird, dass ich das Recht und die Wahlfreiheit habe, mich begleiten zu lassen.

Was stört, ist nicht nur, dass der neue Schwerbehindertenausweis aussieht „wie selbstgebastelt“. Mir persönlich kam auf den ersten Blick eine ganz andere, viel weitreichendere Assoziation:

„In welchem Jahr leben wir? 2015 oder 1945?“

Adina ist eine sehr hübsche Frau. Das weiß ich, weil ich sie persönlich getroffen habe. Auf dem biometrischen Passbild ihres neuen Schwerbehindertenausweises sieht sie aus, als sei sie ausgemergelt, krank und schwach- eben total behindert und bemitleidenswert.

Das große schwarze springt dem Betrachter des Ausweises gleich als nächstes ins Auge. Offiziell stellt es das Merkzeichen „B“ für „Begleitperson“ dar. So, wie es auf dem neuen Schwerbehindertenausweis dargestellt ist, gleicht es einer Leuchtreklame, einem Warnsignal, das dem Betrachter signalisiert:

Behindert! Behindert! Behindert!

Die Scheu vor Menschen mit Behinderung und dem Umgang mit ihnen, die zweifellos noch stark verankert ist in unserer Gesellschaft, wird nicht gemindert, sondern gezielt verstärkt. Wäre dem nicht so, müssten wir nicht (mehr) über die Inklusion von Menschen mit Behinderung diskutieren und bräuchten demzufolge weder eine UN-Behindertenrechtskonvention, noch einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung dieser.

Der Gipfel der Unmöglichkeit ist der englischsprachige Satz

„The holder of this card is severely disabled.“

auf der Vorderseite des neuen Schwerbehindertenausweises.

Bitte was bin ich?

Ich bin Cinderella Glücklich, 22 Jahre alt, wohnhaft in Iserlohn, Nordrhein-Westfalen.
Ich bin Cinderella Glücklich, Studentin des Studiengangs Journalism and Business Communication B.A., an der Privaten Hochschule BiTS Business and Information Technology School Iserlohn.
Ich bin Cinderella Glücklich, Journalistin, Texterin, Rednerin, Aktivistin.
Ich bin Cinderella Glücklich, Naturliebhaberin, Bücherwurm, Musikfreund.

Ich bin nicht meine Behinderung! Meine Behinderung ist nicht das, was mich ausmacht, was jedem unbedingt zu allererst mitgeteilt werden muss. Sie ist ein Teil von mir, so wie mein Charakter, meine Augenfarbe, meine Körpergröße. Mehr nicht.

Ganz abgesehen davon, dass in englischsprachigen Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Kanada oder den USA heutzutage niemand im offiziellen Zusammenhang den Begriff „severely disabled“ zur Beschreibung einer Person mit Behinderung nutzen würde. In den genannten Ländern werden Begriffe wie „impairment“ oder „to be impaired“ oder „to be challenged“ im Sinne von „Einschränkung“, „eingeschränkt sein“ oder „herausgefordert sein“ verwendet. Diese Begriffe sind auch nicht optimal, aber bei weitem angemessener als „schwer beschädigt“.

Timo Hermann, Adinas Ehemann und Betreiber von Mobilsta.eu, einem Informationsportal für Menschen mit Behinderung, geht über die subjektiven Empfindungen hinaus und prangert weitere erhebliche Mängel des neuen Schwerbehindertenausweises an:

Das Ding ist ohnehin ein Treppenwitz. Er ist nicht EU-weit gültig, er ist in keiner Weise maschinenlesbar, und absurderweise hat er – im Gegensatz zum Alten – nicht ein einziges Sicherheitsmerkmal.

Wer sagt, dass Menschen mit Behinderung nicht in der Lage sind zu reisen? Wer sagt, dass sie dies nicht gerne und oft tun, nicht nur EU-, sondern weltweit?

Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich meinen Schwerbehindertenausweis bei einer Behörde oder einem Unternehmen vorlegen muss, um ihn einlesen zu lassen. Wie soll das nun, mit dem neuen Ausweis, funktionieren?

Wer glaubt, dass andere, sogenannte nichtbehinderte Menschen Skrupel haben, Behindertenausweise zu ihrem Vorteil zu nutzen, der irrt sich leider.

Auch der neue Schwerbehindertenausweis braucht Sicherheitsmerkmale. So, wie jedes andere offizielle Ausweisdokument.

Die Wertmarke und alle weiteren relevanten personenbezogenen Daten des Ausweisinhabers wie die Merkzeichen und der Grad der Behinderung sollten in einem elektronischen Chip auf dem Ausweis gespeichert werden So, wie auf dem neuen Personalausweis oder der elektronischen Gesundheitskarte, damit er problemlos maschinell eingelesen werden kann. Apropos elektronische Gesundheitskarte. Bei dieser Karte ist es dem Inhaber ab der Inanspruchnahme der Pflegestufe II freigestellt, ob er eine Karte mit oder ohne Lichtbild anfertigen lassen möchte – Warum geht das nicht auch beim neuen Schwerbehindertenausweis?

Teil der UN-Behindertenrechtskonvention und den Bestrebungen zur Inklusion ist auch der Bereich Mobilität. Menschen mit Behinderungen müssen die gleichen Möglichkeiten haben, zu reisen, wie andere – Warum ist diese Möglichkeit beim neuen Schwerbehindertenausweis nicht gegeben?

Für mich ist der neue Schwerbehindertenausweis kein Fortschritt hin zu mehr Inklusion, mehr Gleichstellung und Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. Im Gegenteil, er ist ein deutlicher Rückschritt.

Ich fühle mich zurückerinnert an die Zeit der Nationalsozialisten, in der die Gesellschaft in Gruppen eingeteilt wurde. Juden und Nicht-Juden. Heute sagen wir: Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung. Früher war es der Judenpass, mit einem unvorteilhaften Bild des Inhabers, einem für jedermann sichtbaren gelben Stern und dem Stempel „Jude“. Heute ist es der Schwerbehindertenausweis mit einem gruseligen biometrischen Passbild, einem für jedermann sichtbaren, großen schwarzen „B und dem Satz „The holder of this card is severely disabled.“

 

Hiermit fordere ich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Arbeitsgruppe des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf, die verpflichtende Einführung des neugestalteten Schwerbehindertenausweises mit sofortiger Wirkung zurückzuziehen und das Ausweisdokument gemeinsam mit einem Ausschuss, bestehend aus Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, bis Ende 2015 zu überarbeiten.

Eine Frage der Sicht

Raúl Krauthausen regt sich auf. Darüber, dass das Thema „Behinderung“ verklärt wird. Darüber, dass ein Großteil der Gesellschaft einerseits immerzu davon redet, wie toll Inklusion ist und dass man sie unbedingt umsetzen muss. Aber dass eben dieser Großteil, wenn es ernst wird, einen Rückzieher macht.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir folgendes Bild der Inklusion in unserer Gesellschaft: Entweder man fragt: „Inklusion – Wie soll das denn gehen!?“ Oder man sagt: „Inklusion? Ja, die ist toll! Aber nur, so lange sie nichts kostet!“ Dann sieht man mich an. Und viele andere Menschen mit Behinderung auch. Mit Dackelblick, hängenden Mundwinkeln und zuckenden Schultern. Ende der Geschichte.

Kein Vor, kein Zurück. Immer im Kreis. Wie bei der Reise nach Jerusalem. Ab und zu verstummt das Wirrwarr, wie die Musik beim Spiel. Dann setzt man sich gemeinsam an einen Tisch, die einen in ihren Rollstühlen, die anderen auf unbequemen Bürostühlen, schaut sich in die Augen und fragt sich gegenseitig stumm: „Tja, wie machen wir das bloß?“ Ende der Geschichte. Weiter im Kreis.

Da sage ich mir selbst: So kann das doch nicht gehen! Gleichzeitig möchte ich so fair sein und zugeben: Ich habe auch noch keine vollständige Lösung gefunden.

 

Aber eins weiß ich sicher, und das ist mein Lösungsansatz:

Es sind die Gedanken, die uns alle im Kreis laufen lassen, wenn es um Inklusion geht.

 

Bevor wir alle, Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung, nicht unsere Ansichten ändern, unsere Vorurteile begraben, werden wir keinen Weg geradeaus, hin zur Inklusion, finden. Sondern immer weiter im Kreis laufen.

Menschen ohne Behinderung haben Angst vor Behinderung. Sie haben Angst, irgendwann einmal selbst im Rollstuhl zu sitzen oder eine andere Einschränkung zu haben. Sie haben Angst, sich mit dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen, weil eine solche Auseinandersetzung sie dazu zwingt, ihre Ansichten, und damit ihr gesamtes Leben, zu überdenken.

 

Wer lässt sich schon gerne von außen dazu drängen, aus gewohnten Strukturen auszubrechen?

 

Sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Menschen mit Behinderung spüren diese Angst. Manchmal ganz unverfälscht. Manchmal unterdrückt als leichte Unsicherheit. Oft aber auch als Ablehnung, verdeckt oder ganz offen.

Einige reagieren verständnisvoll. Nehmen Rücksicht, sprechen offen über ihre Behinderung, um diese Ängste zu nehmen. Wieder andere sind frustriert und nutzen jedes klitzekleinste Ventil, um ihrem Frust Luft zu machen, egal ob gerechtfertigt oder nicht. Einige werden traurig, fühlen sich irgendwann hilflos und wertlos. Auch sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, und damit sich selbst, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Statt selbst aus diesen auferlegten Strukturen auszubrechen, sitzen sie da und schimpfen und jammern. (Er)warten, dass andere die Welt ein bisschen besser machen. Ein bisschen behindertengerechter. Ein bisschen inklusiver.

 

Wer setzt schon gerne von innen heraus, aus eigener Motivation, Energie ein, um nachhaltig etwas zu ändern?

Es ist alles eine Frage der Sicht.

Wenn ich als Mensch mit Behinderung mit einem Menschen ohne Behinderung unterwegs bin, wenn ich mit ihm zusammenarbeite, dann läuft meistens alles ein bisschen langsamer. Das ist schlecht, ist der allgemeine Tenor. Ach, wirklich? Wieso ist das schlecht? Wir empfinden Langsamkeit, stellvertretend für viele Abweichungen von der Norm, nur als etwas Ungutes, weil es uns von klein auf so eingetrichtert wird. Weil irgendein schlauer Mensch irgendwann einmal einen Zustand der Schnelligkeit und (vermeintlichen) Effizienz als Maßstab festgelegt hat und seitdem alle nach diesem Zustand streben.

Meiner Meinung nach wird das Zusammensein, das Zusammenarbeiten und folglich das Zusammenleben durch eine Abweichung von der Norm nicht schlechter. Es wird nur anders, als wir es bisher kennen. Der Rhythmus des Lebens ändert sich, weiter nichts. Es schadet niemandem, sich auf diesen veränderten Rhythmus einzulassen. Erst, wenn das allen klar ist, haben Vorurteile keine Kraft mehr, Ausreden keinen Platz. Wenn man so will, haben wir dann einfach eine neue Ordnung. Eine neue Norm. Eine von innen motivierte statt von außen auferlegte Norm.

Klingt auf jeden Fall besser als das, was jetzt ist.

Oder nicht?