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Aus Glas – oder warum es hier so ruhig geworden ist

In den letzten Monaten ist es hier ganz schön ruhig geworden. Oft habe ich mich selbst gefragt, warum. Viele Menschen haben mich angesprochen und gesagt: „Hey, blog doch mal wieder!“. Aber auch wenn ich mich ganz bewusst an den Computer gesetzt habe, um einen Eintrag zu verfassen, war da einfach nichts. Keine Idee, kein Gedanke, keine Motivation. Ich fühlte mich schlecht deshalb. Fragte mich, wo mein Antrieb, anderen Menschen aus meinem Leben mit Behinderung zu erzählen und so eine Brücke zueinander zu bauen, geblieben ist.

Bis gestern wollte mir dazu einfach nichts einfallen, es war wie ein großer Nebel in mir. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.  Dann erfuhr ich, dass Kaiserin 1 gestorben ist, und wusste plötzlich, was mit mir los ist:

Ich bin genervt, aber vor allem traurig. Traurig darüber, dass ich den Eindruck gewonnen habe, dass es nur möglich ist, als Mensch mit Behinderung eine Brücke zu anderen zu bauen, wenn man sein Innerstes nach außen kehrt.

Wenn David Lebuser davon erzählt, dass ihm die Krankenkasse vorschreibt, wie oft am Tag er pinkeln darf.

Wenn Laura Gehlhaar darüber schreibt, dass es Menschen gibt, die sie gern ausrotten würden.

Wenn Raul Krauthausen berichtet, wie es ist, Sex mit Behinderung zu haben (hier auch).

Wenn Mareice von wahrhaftig behinderten Momenten schreibt.

Wenn Anastasia erkennt, dass sie zu behindert für Singlebörsen ist.

Oder wenn ich darüber spreche, wie mich ein betrunkener Mitstudent mitten ins Herz traf.

Wir verrenken uns analog, aber vor allem digital, machen uns gläsern, damit Menschen ohne Behinderung uns Menschen mit Behinderung verstehen. Damit sie sich ein Leben mit Behinderung vorstellen können. Damit sie keine (Berührungs-) Angst uns gegenüber mehr haben. Und umgekehrt?

Hunderte, wenn nicht sogar ein paar tausend Leser wissen sehr viel über mich, aber ich weiß von ihnen eigentlich nur, dass sie es gut/mutig/bewundernswert/stark/vorbildlich/hilfreich/erfrischend/ergreifend/(…) finden, was ich schreibe und wie ich lebe.

Irgendwie erfüllt mich das nicht mehr.

Versteht mich nicht falsch.

Ich will immer noch Brücken bauen, keine Frage.

Aber Doch dass Kaiserin 1 gegangen ist, hat mir klar gemacht: Ich möchte dies tun eine Brücke bauen, wenn jemand vor mir steht. Wenn er/sie mit mir spricht, mich anlächelt, mich berührt, umarmt, mit mir gemeinsam lacht, weint, schreit, schimpft und jubelt. Bei einem Kaffee, mitten in Berlin/Köln/Frankfurt/(…) oder sogar in Iserlohn. Live und in Farbe. Authentisch, echt, greifbar, statt digital diffus. Das wär‘ doch mal was, oder?

Ich möchte euch einladen zu einer echten Begegnung. Ich wünsche mir, auch euer Gesicht zu sehen. Auch eure Gedanken zu hören. Verbringt Zeit mit mir und erfahrt so, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben.

Vielleicht werdet ihr feststellen, dass Vieles so verdammt ähnlich ist. Viel unaufgeregter als es in der digitalen Welt scheint. Vielleicht merkt ihr, dass Manches schon anders ist. Aber es macht euch nichts (mehr) aus, weil ihr es ja nun tatsächlich miterlebt und die Angst verschwindet.

Man könnte zum Beispiel:

  • gemeinsam zum Eishockey gehen und die Iserlohn Roosters anfeuern.
  • gemeinsam die Dechenhöhle besuchen.
  • gemeinsam im Sauerlandpark bei einem Open-Air-Konzert rocken bis zum Umfallen.
  • gemeinsam nach Dortmund fahren und 90 Minuten schwarz-gelb sein.
  • Oder possierlichen Tierchen beim Possierlich-Sein zuschauen (das geht auch hier oder hier).
  • gemeinsam das wohl beste Eis im Sauerland genießen.
  • gemeinsam am Seilersee die Seele baumeln lassen.
  • Oder einfach nur entspannt einen Latte Macchiato schlürfen bei fuchs+hase.

 

Das sind schon acht Dinge, die man nur im kleinen, aber feinen Iserlohn bzw. drumherum zusammen unternehmen könnte. Krass. Wie viel kann man dann erst in Köln, Frankfurt und Berlin erleben? Boah!

Michael Bartlewski und Tobias Henkenhaf von DIE FRAGE bringen es so wunderbar auf den Punkt: Es ist der echte Kontakt, der uns fehlt.

2016 wird für mich also: weniger digital, mehr analog.

Weniger „Wie ist das eigentlich bei dir?“, mehr „Guck mal, so ist das bei mir!“.

Weniger „Ist doch klar, dass er nicht weiß, wie es ist.“, mehr Arschlochfilter.

Weniger bloggen, mehr diskutieren auf Konferenzen, BarCamps und Co. (zum Beispiel am 30. Januar 2016 in München).

 

Ich hoffe, wir sehen uns!

#einElefantfuerDich

„Nein, mein Mann will das nicht.“

 

Quelle: pixabay.com

Quelle: pixabay.com

Ihr glaubt gar nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten vier Wochen von Freundinnen und Bekannten gehört habe. Sie leben alle in Beziehungen oder sind sogar verheiratet. Ganz egal, wie alt sie sind oder wie lange sie schon mit ihrem Partner zusammen sind – sie sagen alle diesen Satz. Immer und immer wieder, mehrmals am Tag.

Anfangs war ich verwundert, dachte Sachen wie: „Mensch, der ist aber ganz schön eifersüchtig/bestimmend!“, und lachte. Als mir aber nicht nur bei einer Bekannten, sondern auch bei zwei anderen auffiel, dass sie mir immer wieder diese Antwort gaben, wenn wir uns über Männer, Beziehungen und Co. unterhielten, da wurde ich stutzig. Na ja, auch ein bisschen besorgt.

Ich fragte meine Bekannten: „Habt ihr euch irgendwie gestritten oder so? Läuft es nicht so gut?“

„Nein, nein, der ist einfach so. Er will das einfach nicht.“

 

Aha.

 

Es ging um Dinge wie den besten Freund treffen. Abends mal mit den Mädels rausgehen. Ein Fernstudium beginnen. Das eigene Lieblingsgericht kochen. Sich ein neues, sexy Oberteil kaufen. Einen neuen Job annehmen. Sich tagsüber mal seltener melden als jede Stunde.

In den letzten Wochen habe ich mir echt Mühe gegeben, meine Bekannten zu verstehen. Ihre Männer zu verstehen. Leider muss ich ganz ehrlich sagen: Es gelingt mir nicht.

Ich meine, was ist das denn für eine Partnerschaft?!

Natürlich nehme ich Rücksicht auf meinen Partner. Sage ihm Bescheid, wenn es mal später wird als sonst. Sage so etwas wie: „Am Freitag treffe ich mich mit den Mädels.“
oder: „Ich würde so gerne mal wieder Lachs essen. Hast du was dagegen, wenn ich das morgen Abend koche?“
oder auch: „Wenn du Lachs gar nicht magst, kann ich auch was anderes für dich kochen, Schatz.“
oder: „Ich treffe mich nachher mit Marvin im Kino. Komm doch dazu, wenn du magst.“

Aber Dinge gar nicht mehr tun, die mich glücklich machen, weil mein Partner sagt: „Ich will nicht, dass du das tust!“?

Alte Freunde nicht mehr treffen, weil mein Partner sagt: „Nein, das sind Männer. Ich will nicht, dass du dich mit denen triffst und sich einer an dich ran macht!“?

Ein Oberteil im Laden hängen lassen, das mir unglaublich gut gefällt, weil mein Partner sagt: „Darin siehst du zu sexy aus. So sollen dich die Leute nicht sehen!“?

Das Fernstudium absagen, weil mein Partner sagt: „Aber dann hast du keine Zeit mehr für mich, weil du immer nur studierst!“/„Nein, dann bist du ja gebildeter als ich. Das geht nicht.“?

Ich schaffe es kaum zu beschreiben, was ich fühle, wenn ich diese Schilderungen von meinen Bekannten höre. Mir geht es sehr schlecht dabei. Ich möchte weder sie noch ihre Partner verurteilen.

Dennoch frage ich mich, was das für eine Partnerschaft sein soll, in der Frau sich fügt und schmeichelt und sich vor allem, was sie tut, vor jedem Termin, den sie vereinbart fragt, ob ihr Partner etwas dagegen haben könnte?

Eine Partnerschaft, in der sie nicht nur statt Lachs lieber Chicken Wings im Ofen brät, sondern Kontakte zu Menschen abbricht, die ihr nahestehen. Eine Partnerschaft, in der sie ihre Träume und Wünsche begräbt, um ihn glücklich und zufrieden zu machen.

Mir schnürt sich die Brust zu bei diesem Gedanken und ich ertappe mich dabei, wie ich hoffe, niemals so blind vor Liebe zu sein. Ich bekomme Angst davor, mich zu binden, in diese Abhängigkeit zu verfallen, ohne es zu merken.

 

Kann man in einer Partnerschaft überhaupt Balance finden?

Brief an einen wundervollen Menschen

Lieber wundervoller Mensch,

du sagtest, du kannst und willst nicht mehr mit mir befreundet sein, wenn ich die Wahrheit nicht vertrage. Die Wahrheit, dass die Welt nicht immer nur schwarz/weiß ist, sondern grau, und dass grau gut ist.

Es geht mir nicht darum, dass du mir gegenüber nicht ehrlich sein kannst. Im Gegenteil, ich habe schon oft gesagt, dass ich genau dies sehr an dir schätze. Das heißt aber nicht, dass ich mit dieser Wahrheit immer hundertprozentig umgehen kann und dass sie mich nie verletzt bzw. sehr nachdenklich macht.

Leider ist das Schwarz/Weiß genau eines der wenigen Probleme, die mich seit Jahren begleiten, für die ich jedoch noch immer keine Lösung weiß. Entweder bin ich total euphorisch, platze vor Energie, sehe alles weiß, oder ich bin traurig, alles ist vernebelt und schwer und schwarz. So fühlt sich eine Depression an.

Das ist sehr anstrengend und frustrierend für mich, da ein Teil von mir wie ein Außenstehender in einer Glaskugel ist, der diese Hochs und Tiefs sehr bewusst beobachtet, aber nicht eingreifen kann.

Ich weiß, dass dies als wirklich Außenstehender im Umgang mit mir ebenso anstrengend ist und ich verstehe, dass man irgendwann damit nicht mehr zurechtkommt bzw. nicht mehr damit umgehen mag. Nicht umsonst wünsche ich mir so oft, ich könnte aus meinem Körper aussteigen wie aus einem Taucheranzug und mir einen neuen anziehen, der sich leicht anfühlt, der bunt ist.

Für mich warst du bisher immer einer der Menschen, die mich so schwarz/weiß wie ich bin angenommen und akzeptiert haben. Das war wunderschön und ich bin dir sehr dankbar dafür.

Es tut weh, dass wir beide nun auch an dem Punkt sind, an dem das Schwarz/Weiß uns getrennte Wege gehen lässt, aber auch das werde ich überstehen. Ebenso wie du.

 

Du bist ein wundervoller Mensch. Alles Gute!

 

 

Wenn aus Prinzen Frösche werden 2

Nach zwei Wochen kam meine ursprüngliche Therapeutin wieder aus dem Urlaub. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Levi* lachte nicht mehr. Seine Augen waren stumpf. Wenn ich ihn ansah, sah ich nur noch „Ich habe keinen Bock mehr!“ Als die Therapeutin ihn an diesem Tag nach einem kurzen Check fragte, ob er meine Behandlung wieder übernehmen wolle, sagte er Nein. Zuerst machte ich mir nicht viel daraus, schließlich hatte jeder mal einen schlechten Tag.

Allerdings änderte sich in der folgenden Woche nichts an seinem Verhalten, im Gegenteil. Levi sprach kaum noch, reagierte entweder gar nicht, wenn ich etwas sagte oder unterbrach mich mitten im Satz. Er war plötzlich nicht mehr sanft und aufmerksam während der Behandlung, sondern abwesend, mechanisch. Plötzlich machten wir fast jeden Tag dieselben Übungen, alle mit wenig Enthusiasmus. Ich wurde unglaublich nervös, versuchte die Stimmung mit blöden, ironischen Kommentaren zu lockern- und machte wahrscheinlich alles nur noch schlimmer. Sobald wir uns voneinander verabschiedeten, „Bis morgen.“ sagten, war der alte Levi für einen kurzen Augenblick wieder da. Ein kleines Zwinkern, bevor er mit dem nächsten Patienten im Behandlungsraum verschwand, eine kurze Berührung an meiner Schulter. Bei der nächsten Behandlung das gleiche Spiel.

Ich entschied mich nach ewigem Hin und Her, mir Levis Verhalten nicht einfach so gefallen zu lassen. Ich ging in die Offensive, sagte ihm bei jeder Behandlung, was mir bei der vorherigen gefallen hatte und was nicht. Wenn es schon beschissen lief zwischen uns beiden, sollte er bei seinem Praktikum wenigstens etwas lernen von mir, die schon ihr ganzes Leben lang Physiotherapie-Patientin ist!

Manchmal lachten wir wieder zusammen. Dann versuchte ich, mit Levi ins Gespräch zu kommen. Beobachtete ihn, saugte alles auf, was er von sich gab. Ich wusste immer noch nicht, was los war, fragte ihn: „Hast du wieder Ärger bekommen? Soll ich was klären bei den Ärzten oder deinen Kollegen?“
„Nein, nein, alles ok.“

Dennoch ließ mich der Verdacht nicht los, dass erneut etwas vorgefallen war, was ich als Patientin nicht wissen sollte. Die Ärzte und Therapeuten beobachteten mich viel intensiver als ohnehin schon, fragten mich auffällig oft, warum ich plötzlich so gut gelaunt war, wenn ich zum Training ging. Wie mir denn die Physiotherapie mit dem neuen Praktikanten so gefalle. Ich spielte das Spielchen mit, bis Levis letzter Arbeitstag auf dem Kalender stand.

Du musst ihn fragen, ob er in Kontakt bleiben möchte. Nicht mehr, nicht weniger. Was dann kommt, wird sich zeigen. Nicht per SMS, sondern persönlich. Du musst!

Die Aufregung vor der letzten Behandlung mit Levi machte mich schier wahnsinnig, legte sich aber, sobald wir loslegten. Es war wie am Anfang. Wir lachten, warfen uns einen ironischen Spruch nach dem anderen an den Kopf, ich schwitzte Blut und Wasser. Gott sei Dank!

Kurz vor Schluss fragte Levi mich: „Sag mal, was hast du denn eigentlich? Warum bist du hier?“
Diese Frage hatte er mir schon oft gestellt, bisher war ich jedoch immer geschickt ausgewichen. Ich wollte ihm diese Frage beantworten, aber nicht jetzt. Später, wenn ich selbst mit all dem zurecht kam, was in den letzten drei Monaten passiert war, dann würde es kein Problem für mich sein, ihm alles zu erklären. Leider verließen mich meine guten Geister, als Levi mich dieses Mal fragte. Die Ärzte waren sich noch nicht ganz sicher, was mit mir los war, hatten jedoch mehrere vorläufige Diagnosen gestellt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Levi mir eben jene Frage noch einmal stellen würde, und knallte ihm im Schock sämtliche Vorab-Diagnosen der Ärzte vor die Füße. Oh nein. Nicht gut.

Ich stammelte noch: „Alles halb so schlimm wie es klingt, ehrlich!“, aber es war nichts mehr zu retten. Levi hob die Hände abwehrend in die Luft, presste die Lippen aufeinander und taumelte drei Schritte zurück. Keine Sekunde später riss meine ehemalige Therapeutin die Tür zum Behandlungszimmer auf und rief: „Levi, wo bleibst du? Der nächste Kurs hat schon längst angefangen!“

Mit einem „Oh! Ich komme!“ machte Levi auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Raum. Ich setzte mich in meinen Rollstuhl, meine Augen brannten und ich hatte das Gefühl, um mich herum bräche eine Welt zusammen. Draußen auf dem Flur trafen Levi und ich noch einmal aufeinander. Er gab mir meine unterschriebene Behandlungskarte, winkte mir mit einem gezwungenen Lächeln und rief: „Alles Gute!“

Ich biss mir auf die Lippen, um mir ein Schluchzen zu verkneifen, und fuhr langsam in Richtung Ausgang. Die automatische Tür brummte schon, um mich hindurch zu lassen, da spürte ich plötzlich eine Hand auf meinem Rücken. „Ich wünsche dir wirklich alles Gute.“

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“

Wenn aus Prinzen Frösche werden 1

Levi saß an seinem Schreibtisch und übertrug mit einem Bleistift hochkonzentriert etwas von einem Blatt Papier auf ein anderes. Sein schräg geschnittener Pony fiel ihm dabei ständig ins Gesicht und Levi nickte immer wieder mit dem Kopf, um klar sehen zu können. Obwohl er sich so sehr konzentrierte, verschrieb er sich mehrmals. Dann sagte er „Ach!“, klemmte die Zungenspitze in den rechten Mundwinkel und rubbelte den Radiergummi mit frustriertem Gesichtsausdruck über das Papier.

Ich war durch die automatische Eingangstür in den Behandlungsbereich gefahren. Es war erstaunlich ruhig, kein anderer Patient war da, kein Therapeut in Sicht. Also bog ich ausnahmsweise nicht nach links ab in die Wartezone, sondern nach rechts, ins Therapeutenbüro, um zu sehen, ob überhaupt jemand anwesend war außer mir. Die ungewöhnliche Ruhe machte mich stutzig, außerdem kribbelten meine Arme plötzlich und die feinen Härchen auf meinen Unterarmen stellten sich auf. Was ist denn jetzt los?

Kaum war ich nach rechts abgebogen, bremste ich abrupt, aber so leise wie möglich, mitten im Türrahmen.

 Oh wow! Der ist es! Der oder keiner!

Keine zwei Meter entfernt von mir saß Levi, und er hatte mich in einem Augenblick komplett umgehauen. Ich hielt die Luft an, ließ die Räder meines Rollstuhls los und stützte meine Hände vorsichtig neben meine Oberschenkel in das Sitzkissen. Mein Herz schlug so heftig, dass es in meinen Ohren beinahe unangenehm laut pochte, mein ganzer Körper kribbelte, war angespannt und ich hatte das Gefühl, die Welt um mich herum war plötzlich unglaublich viel heller, bunter, schöner.

Innerlich kicherte ich über Levis vorwitzigen Pony, der ihn an der Nase kitzelte, und überhaupt darüber, wie er dort saß.

Wie ein kleiner Junge, der gerade schreiben lernt, und sich so sehr dabei anstrengt, dass er die Welt um sich herum vergisst.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, bemerkte Levi mich. Seine Pupillen zogen sich vor Überraschung ganz kurz zusammen, dann begannen seine Augen zu strahlen. Sie waren eisblau, gespickt mit dunkelblauen Flecken. Wie das Meer vor Island. Wie ein tiefer Gletschersee. Wunderschön.

Er lächelte, lief knallrot an und sagte: „Hi.“
„Hi“, sagte ich ebenfalls, leicht peinlich berührt, weil ich ihn so lange unbemerkt angestarrt hatte, und rollte ein Stück auf ihn zu. Wieder sahen wir uns einfach nur an, ein paar Sekunden lang, grinsend, irgendwie irritiert. Gerade setzte ich dazu an, endlich mit der Sprache herauszurücken, wer ich denn eigentlich war und was ich wollte, da sprang Levi mit einem „Oh, Entschuldigung, Entschuldigung!“ von seinem Bürostuhl auf, blieb mit der linken Hüfte an der Ecke des Schreibtisches hängen, verzog vor Schmerz kurz das Gesicht, ging dann um den Schreibtisch herum und schob die orangefarbenen Plastikstühle zur Seite, die verhinderten, dass ich näher an den Tisch heranfahren konnte – Natürlich nicht, ohne auf dem Rückweg zu seinem Platz an einem der Stuhlbeine hängen zu bleiben und zu stolpern. Es fiel mir sehr schwer, nicht laut zu lachen. Oh Mann! Wie süß.

„So, jetzt ist das besser.“
„Ja, stimmt. Danke.“
„Nich‘ dafür.“
„Hm, ja, also, ich suche meinen neuen Therapeuten. Er soll Praktikant sein, Urlaubsvertretung für die nächsten drei Wochen. Ich hab‘ Sie hier noch nie gesehen, also sind Sie das wahrscheinlich. Oder?“

 

Levi war schon vor ein paar Monaten ein ziemlich guter Physiotherapeut gewesen. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen, soweit ich weiß. Damals gab er mir seine Handynummer, nachdem wir nicht einmal eine halbe Stunde miteinander trainiert und uns unterhalten hatten. Es war wie bei allen anderen und doch anders. Melde dich, wenn du mal Hilfe brauchst. Ich fahre fast jeden Tag an deiner Wohnung vorbei, und auch am Einkaufszentrum. Dann kann ich dir ab und zu mal ein paar Sachen besorgen, ist ja leichter für mich. Und auch sonst, wenn du Hilfe brauchst, melde dich einfach.

Ich dachte nicht wie sonst: Ja klar, laber‘ du nur. Meinst du eh nicht ernst. Sondern ich dachte: Ha, das nenn‘ ich mal ’ne subtile Anmache!, und grinste im Stillen.

Wir wussten beide, dass der persönliche Kontakt zwischen Therapeut und Patient nicht erlaubt war. Wie alle anderen Praktikanten zuvor hatte Levi mich gefragt, ob es in Ordnung sei, dass wir Du zueinander sagten und ich hatte zugestimmt, trotzdem bekam er noch am selben Tag ziemlichen Ärger. Wir regten uns tierisch darüber auf, zumal wir im weiteren Gespräch herausgefunden hatten, dass wir ein paar gemeinsame Freunde hatten und uns in Zukunft wohl öfter sehen würden. Letztendlich beschlossen wir, uns hinter verschlossenen Türen zu duzen und ansonsten zu siezen. Mit der Zeit fanden wir das ziemlich witzig. Den Kontakt per Telefon schlossen wir komplett aus, während wir uns in der Klinik aufhielten. Was danach kam, wollten wir sehen.

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“

2014 – Viel erlebt 2 (Gewidmet Victoria, dem @vintagemadchen)

Der erste Teil.

C. war Koordinatorin eines „Intensivseminars für Projektmanagement“, wie sie am Telefon sagte. Das Seminar sollte inklusiv gestaltet werden, weshalb man noch auf der Suche nach Teilnehmern mit Behinderung war. C. erklärte weiter, dass die Aktion Mensch ein Stipendium für die Teilnahme am Seminar gestiftet hätte und man durch meine Aktivitäten im Netz auf mich als potentielle Kandidatin aufmerksam geworden war. Deshalb würde man mich gerne kurzfristig zu einem Bewerbungsgespräch via Skype einladen.

Innerlich machte ich Luftsprünge. Ein Seminar für Projektmanagement! Genau das, was ich jetzt für FashionAbility brauche!, dachte ich, und sagte zu. Das leicht flattrige Gefühl in meinem Bauch hatte ich während des Telefonats erfolgreich ignoriert- bis plötzlich eine kleine Pause entstand und C. gedehnt meinte: „Tja, also… Die Sache hat nur einen Haken.“ Oh nein! Ich schlug mit der rechten Hand gegen meine Stirn und sank resigniert in meinem Rollstuhl zusammen. Bitte nicht noch mehr Stress! Bitte keine Haken mehr bei irgendwas! Nur ein einziges Mal, bitte, bitte, bitte!

„Was für einen Haken denn?“, fragte ich. „Na ja… Am Montag geht es los, 9:00 Uhr hier bei Berlin.“

Zum Zeitpunkt des Anrufes war es Samstagabend, ca. 22:00 Uhr. Ich sollte also innerhalb von einem Tag eine Fahrt von Iserlohn nach Berlin organisieren? Mit dem Rollstuhl? Mitten in der Klausurenphase? So beschissen, wie es mir ging? Ach, mache ich doch mit links im Schlaf, alles kein Ding, Leute.

Heute frage ich mich selbst, woher ich die Kräfte nahm, aber ich schaffte es tatsächlich zum 1. Campaign

Meine "Bootcamp-Buddies" und ich während des Planspiels unter Echtzeitbedingungen.

Meine „Bootcamp-Buddies“ und ich während des Planspiels unter Echtzeitbedingungen. © Campaign Bootcamp Deutschland

Bootcamp Deutschland im Dorf Paretz bei Berlin. In meiner Erschöpfung bemerkte ich erst nach der Hälfte des Camps, dass es eigentlich nur im weitesten Sinne um Projektmanagement ging. Bis dahin hatte ich mich zwar gewundert, warum die meisten Teilnehmer so unglaublich sozial und engagiert wirkten und im Gegensatz zu meinen Kommilitonen an der Uni mehr schlecht als recht von Wirtschaft & Co. sprachen, weiter kam mein völlig überanstrengtes Gehirn jedoch nicht. Das Campaign Bootcamp Deutschland ist eine einwöchige Ausbildung für junge Kampagnenmacher, Aktivisten und „Weltverbesserer“. Die Idee für das Camp stammt aus Großbritannien, wo sich einige erfahrene Kampagnenmacher überlegt hatten, wie man junge Engagierte besser auf ihre Karriere bei NGOs vorbereiten könne.

Da saß ich also zwischen mehr als 30 jungen Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und bekam die volle Breitseite an politisch-gesellschaftlichen Problemen, Lösungsstrategien, Organisationsinstrumenten etc. von international bekannten Trainern und Aktivisten präsentiert. Und das, obwohl ich mich bisher zwar sehr viel über „die Politiker“ aufgeregt, aber nicht wirklich näher mit „dem was die da oben tun“ beschäftigt hatte. Oh Mann!

Während des Camps wurde mir langsam aber sicher bewusst, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Schmerzen, die ich seit meinem neunten Lebensjahr vor allem im Rücken gehabt hatte, wurden immer stärker. Bald tat mir nicht nur mein Rücken weh, sondern mein ganzer Körper fing an zu schmerzen. Vom Haaransatz über die Fingergelenke bis zu den Zehennägeln stand ich komplett unter Strom, hoffte zeitweise, ich könnte meine Haut einfach ablegen, wie einen Neoprenanzug nach dem Tauchen. Die anderen Teilnehmer und die Organisatoren behandelten mich im positiven Sinne wie die Prinzessin auf der Erbse, überhaupt war die Stimmung während des Camps einfach unglaublich- wir kannten uns alle bis dahin nicht, und doch waren wir eine große Familie.

Direkt im Anschluss an das Camp sollte ich die noch ausstehenden Prüfungen an der Uni absolvieren. Obwohl es mir immer schlechter ging, funktionierte ich weiter. Ich lernte, schluckte Schmerztabletten, lernte, schluckte Schmerztabletten- und vergaß alles andere. Am Abend vor den Prüfungen, dem 25. Juni 2014, fünf Tage nach dem Bootcamp, kam dann, was kommen musste: Nichts ging mehr. Ich lag auf meinem Bett, weinte vor Erschöpfung und Schmerzen, und schaffte es gerade noch, eine gute Freundin anzurufen, die in der Nähe wohnte. Mehr als „Ich brauche Hilfe.“ zu flüstern schaffte ich nicht.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dafür bin, dass es in meinem Leben einige Menschen gibt, auf die ich zählen kann- an guten wie an schlechten Tagen, Tag und Nacht. Es dauerte keine zehn Minuten, bis besagte Freundin mit einer gemeinsamen Kommilitonin in meiner Studentenwohnung stand, mich mit einem inbrünstigen „Ach du Scheiße!“ in meinen Rollstuhl verfrachtete, zum Auto schob und ins Krankenhaus fuhr.

Geistesgegenwärtig hatte sie bereits auf dem Uniparkplatz mit einem der städtischen Krankenhäuser telefoniert und dabei erwähnt, dass ich schon früher Probleme mit Depressionen gehabt hatte. Glücklicherweise war die Ärztin am anderen Ende der Leitung ebenso geistesgegenwärtig und schickte uns direkt zu einer nahegelegenen psychiatrischen Fachklinik.

Was, ich? Psychiatrie?! Jetzt?! OH GOTT!

Es folgten drei Monate, in denen ich die bisherigen 22 Jahre meines Lebens durchleuchtete von A bis Z. Ich sortierte Erinnerungen, Ereignisse, Personen, Handlungen und alles drumherum. In stundenlangen Gesprächen mit Therapeuten, Pflegern und Mitpatienten. Weinte mir die Augen aus dem Kopf, lachte so herzlich wie nie zuvor, trainierte meinen Körper, gönnte ihm endlich Pausen. Aber vor allem lernte ich unglaublich viele wundervolle Menschen kennen. Menschen wie du und ich, Menschen, von denen man gar nicht erwartet, dass sie irgendein Problem haben könnten, würde man ihnen auf der Straße begegnen.

Ich traf Menschen, die das Leben so sehr gebeutelt hatte, wie man es sich nicht einmal ansatzweise vorstellen kann. Mir begegneten Menschen, die in ihrem Leben etwas sehr Schlimmes getan hatten und ihre „Zeit“ in der Psychiatrie absaßen, manchmal schon jahrelang. All diese Menschen waren nicht nur „die Außenseiter“, die Armen, die Verlierer der Gesellschaft, nein. Es waren Menschen wie du und ich. Manager, Studenten, Obdachlose, Handwerker, Politiker, Künstler, Sportler, Ärzte, Psychologen, Azubis, Kinder, Arbeitslose, Jugendliche, Hausfrauen, Senioren, Angestellte… alle.

In diesen drei Monaten lernte ich nicht nur, wer ich wirklich bin, was ich will und warum es mir beinahe mein ganzes Leben lang gesundheitlich nicht gut gegangen war (abgesehen von meiner Körperbehinderung), ich lernte vor allem eins:

Wir brauchen mehr Liebe in dieser Welt. Mehr Menschlichkeit. Mehr Achtsamkeit, für sich selbst und auch für andere. Mehr Freiheit.

Weniger Wertung, weniger Konvention, weniger „So muss das sein.“

Nicht der erste Eindruck zählt, sondern der Mensch hinter der Maske. Gib jedem Menschen, der dir begegnet, die Gelegenheit, seine Maske vor dir abzulegen, dir zu zeigen: „Das bin ich“, und nimm ihn an. So, wie er ist.

Es waren die härtesten drei Monate meines bisherigen Lebens. Gleichzeitig waren es auch die schönsten. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Nicht nur, wenn es sein muss, sondern auch „einfach so“. Warum?

Weil es für mich nichts Schöneres gibt, als endlich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Farben zu sehen, Dinge zu spüren, die Welt klar und deutlich in allen Facetten und Feinheiten wahrzunehmen.

Weil es ein unbeschreiblich wunderbares Gefühl ist, ganz tief im Innern, endlich angekommen zu sein. Bei sich selbst. In diesem Leben.

Weil es meiner Meinung nach nichts gibt, das einen schneller erdet, als die Gesellschaft in all ihren Facetten hautnah zu erleben. Man schätzt das Leben. Nicht nur jeden Tag, sondern alles, was geschieht. Nicht nur das Gute, sondern auch das „Schlechte“, aus dem man sehr viel erkennen und lernen kann- wenn man will.

Weil man geschützt ist. Egal, was passiert, egal, wie es einem geht, es ist immer jemand da. Jemand, der einen an die Hand nimmt, wenn es sein muss. Jemand, der vorausgeht, wenn es nötig ist. Und auch jemand, der einem einmal ordentlich den Kopf wäscht, wenn man vor lauter Dreck darin gar nicht mehr klar denken kann.

Am 20. September 2014 forderte ich meine behandelnde Ärztin dazu auf, mich zu entlassen. „Ich fühle mich wie ein Vogel, der ununterbrochen gegen die Scheibe fliegt. Ich muss hier raus.“ – „Dann gehen Sie, Frau Glücklich, gehen Sie.“

Ich ging. Inzwischen studiere ich nur noch Halbzeit statt Vollzeit. Ich habe endlich eine barrierefreie Wohnung statt einem Studentenapartment im 2. Obergeschoss. Ich bin Werkstudentin und Unternehmerin statt arbeitslose Studentin. Ich habe kaum noch Schmerzen, kann mich frei bewegen, statt schmerzerfüllt im Bett zu liegen. Ich bin aktiv für mich selbst und für andere, anstatt passiv und anklagend. Ich fühle mich wie neu geboren.

 

Ich liebe das Leben. Und ich hoffe, dass es bis zum Ende noch lange dauert. Denn ich habe nicht nur viel erlebt, sondern noch viel vor.

 

Was genau, das steht im dritten Teil „2015 – …und noch viel vor.“

2014 – Viel erlebt 1 (Gewidmet Victoria, dem @vintagemadchen)

2014- was für ein Jahr!1521523_10152179570434122_1697560227_n

Ich war krank während der ersten Prüfungsphase als Studentin. Plagte mich mit fast 40° C Fieber durch eine Klausur nach der anderen und schaffte dennoch alle mit überdurchschnittlichen Noten- außer Mathe. Na ja, nichts Neues.

1526671_10152189379274122_1401434708_nKanada vermisste ich schrecklich. Die Menschen, das Land, die Tiere, das Leben dort. Ich möchte wieder dorthin, unbedingt. Dort fühlte ich mich zum ersten Mal angekommen in meinem Leben.

 

Als wäre im Januar nicht schon genug Halligalli gewesen, bekam ich auch noch die Zusage für ein sechswöchiges Praktikum bei der Fresenius SE & Co. KGaA im Bereich Konzern-Kommunikation. Dort traf ich zum ersten Mal den Mann, dem ich 2013 eine Sponsoring-Anfrage geschickt hatte, weil ich unbedingt Geld brauchte für mein Studium. Der beste Chef, den ich bisher kenne. Ganz unabhängig davon, dass er sich damals dafür eingesetzt hatte, dass ich die Studienförderung von Fresenius bekam. Ebenso unabhängig davon, dass er mir bereits nach vier Wochen Praktikum eine Werkstudentenstelle in der Konzern-Kommunikation anbot und mich so zur mit Abstand glücklichsten Praktikantin der Welt machte.

Im März machte mich die Rehacare-Redaktion sehr glücklich, indem sie mich aufforderte, den Leuten da draußen zu beschreiben, wie ich denn so ticke.

Ein weiteres Highlight war die Präsentation meines ersten Projektes FashionAbility, gemeinsam mit dem studentischen Verein b.fashion e. V. 150 Unternehmer aus dem Märkischen Kreis sahen sich auf dem 12. BiTS-Unternehmertag an, was ich ausgetüftelt hatte, um die Welt ein bisschen besser und vor allem inklusiver zu machen.

1957669_10151936779145825_870393444_oIch verbrachte aufregende Tage in Berlin mit meiner Freundin I. Wir kennen uns bereits beinahe unser ganzes Leben lang, sind ständig auf Achse, immer verstreut auf der ganzen Welt- verlieren uns aber niemals aus den Augen und aus dem Herzen. Spontan beschlossen wir, an der Care Revolution Conference teilzunehmen- und so landete ich ganz unverhofft mitten in meiner ersten Demonstration.

Bildschirmfoto 2015-01-01 um 00.18.48Ein neuer, wirklich besonderer Mensch trat heraus aus der digitalen Vernetzung, hinein in meine Realität: Raúl Aguayo-Krauthausen. Raúl, ich weiß: Es war und ist nicht einfach für dich und mich. Aber eins kann ich dir sagen: Du hast mein Leben auf den Kopf gestellt! Warum? Lies weiter.

 

1187050_589776911104980_595859770_nFashionAbility schlug ein wie eine Bombe. Fotoshooting, Plakatkampagne, erste Beiträge. „behindertenkompatibel“ wurde mein neues Lieblingswort.

 

 

Foto 4An Ostern saß ich zum ersten Mal auf meinem Herzbuben- Fjalar. Wir sehen uns leider nur ein- bis zweimal im Jahr. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich dieses kleine Islandpferd von ganzem Herzen liebe und es schrecklich vermisse, wenn wir nicht zusammen sind.

 

 

Bildschirmfoto 2015-01-01 um 00.47.48

Und schon war es Mai. Jemand fragte mich, ob ich nicht ein paar Texte für ihn schreiben könne. Heraus kam Happy Writing Cinderella Glücklich. Plötzlich war ich Kleinunternehmerin.

Die Freundschaft mit M. ging zu Bruch. Ich war total verwirrt, wusste gar nicht genau, warum, wieso, weshalb es plötzlich knallte zwischen uns. Nach und nach wurde mir bewusst, dass Warum, Wieso, Weshalb völlig unwichtig waren. Wichtig war, dass sich ein wunderbarer Mensch buchstäblich Knall auf Fall aus meinem Leben verabschiedet hatte und ich nicht einmal ansatzweise damit zurecht kam. Wochenlang weinte ich, konnte nachts nicht schlafen, hatte allen Ernstes Herzschmerzen. Aber wir waren doch gar kein inniges Liebespaar gewesen, sondern Freundinnen!? Ich verstand die Welt nicht mehr.

Die Krautreporter schafften endlich den Durchbruch. Ich freute mich wie Bolle, hatte so ein Gefühl, dass ich noch viel von „den Krauties“ lesen würde. Recht hatte ich. Zum Glück. Weiter so, ihr Lieben!

Heimlich, fies und leise schlich sich die nächste Prüfungsphase an. Schon lange bevor sie bei mir ankam, ging es mir gar nicht gut. Aber das merkte ich nicht. Wieder quälte ich mich durch eine Klausur nach der anderen, dieses Mal mit höllischen Dauerschmerzen statt Grippe. Kurz vor Schluss, als noch zwei Doppelprüfungen anstanden, bekam ich eine Nachricht auf Facebook von C: „kann ich dich mal anrufen?“

Ich dachte, Nein, wildfremde Frau, du kannst mich nicht einfach mal anrufen- und schickte ihr meine Handynummer per Mail. Was dann folgte und mein Leben von Grund auf veränderte? Weiter geht’s im zweiten Teil.

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd‘ ich dich ja schon ganz geil!“

Mittwochnacht. Campusparty. Es ist laut, stickig, eng. Ich schaue mich um. Interessante Perspektive!, denke ich. Lauter wippende Hintern. Manche in viel zu großen Hosen, manche in viel zu engen Kleidchen. Dick, dünn, groß, klein, breit, schmal, superstraff, schwabbelig. Eine willkommene Abwechslung zu verschwitzten wippenden Brüsten. Von allem etwas, großes Kino. Sehr zu empfehlen, diese Sicht aus dem Sitzen, liebe Damen und Herren! Prinzessin Happy hockt auf ihrem Thron auf Rädern und hat den Grand View auf den campuseigenen Sunsetstrip. Herrlich!

Die Cola zwischen die Knie geklemmt schließe ich die Augen, drehe mich mit dem Rollstuhl auf der Stelle und genieße die Beats. Plötzlich ein Hindernis. Ich reiße die Augen erschrocken auf und denke: Oh Scheiße, hoffentlich bist du nicht wieder jemandem in die Hacken gefahren! Aber nein, es ist alles gut.

Ein Typ im weißen Schlabbershirt steht vor mir, das Basecap liegt schief auf seinem Kopf, die Bierflasche hängt gerade noch so in seiner rechten Hand. Er presst sich die Flasche gegen den Bauch, damit er sie nicht verliert, grinst, kommt auf mich zu. Er will mir etwas sagen und beugt sich schwankend zu mir herunter. Sein Grinsen wird breiter, ein Schwall Alkoholdunst schwappt mir entgegen.

„Ey, weißt du was?“

„Nee, was denn?“

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd’ ich dich ja schon ganz geil!“

Dumm gelaufen, Herzchen!

Das würde ich diesem netten Herrn gerne sagen. Und vielleicht würde ich ihm auch gerne einmal kräftig gegen das Schienbein fahren. Mit der scharfkantigen Vorderseite des Fußbretts am Rollstuhl, versteht sich.

Stattdessen bin ich sprachlos. Ich schaue ihn an, er fängt an zu giggeln wie ein kleines Kind. Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Nicht wirklich, oder? Ich drehe mich um, fahre dabei zig Leuten in die Hacken, die gar nichts dafür können, dass mich so ein Arschloch schon wieder voll getroffen hat. Raus, einfach nur raus hier! Frische Luft, jetzt!

Hallo? AMOR soll treffen, NICHT Arschloch!

Ich ärgere mich. Über mich, über notgeile postpubertäre Idioten, über mein Herz, das sich immer so schnell getroffen fühlt, über meine große Klappe, die immer den Schwanz einzieht (Welch Ironie!), wenn’s drauf ankommt. Noch während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fahre, schießen mir die Tränen in die Augen und ich könnte buchstäblich kotzen vor Wut. Unten angekommen hole ich Schwung und lasse mich rollen. Raus in die kühle Nachtluft. Hirn und Herz frei pusten. Dringend.

„Ey, ich hab‘ ’n Clown im Kopf, der mir ständig zwischen die Synapsen scheißt!“

 

Treffender als Vincent (gespielt von Florian David Fitz) im Film „Vincent will meer“ hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Damals, als ich den Film kurz nach seiner Veröffentlichung gesehen habe, saß ich vor dem Fernseher und dachte mir: „Ja, endlich einmal jemand, der weiß, wie sich das anfühlt!“
Nein, ich habe kein Tourette-Syndrom. Aber auch mir scheißt mindestens ein Clown in meinem Kopf zwischen die Synapsen (Manchmal sogar eine ganze Zirkustruppe, glaube ich). Auch ich kann nicht beeinflussen, wann dem Clown danach ist und wann nicht. Er taucht einfach auf, legt ein richtig dickes Ei, und geht wieder. Manchmal recht bald, manchmal findet er es aber auch ganz gemütlich da zwischen meinen Synapsen. Dann ist die Kacke am Dampfen!

Das sind die Tage, an denen gar nichts mehr geht. An denen ich tagsüber lethargisch bin, mich in Zeitlupe bewege, aber nachts nicht schlafen kann, obwohl mein Körper doch so dermaßen erschöpft ist. Es sind diese Tage, an denen mir nichts schmeckt. An denen mich das kleinste Geräusch wahnsinnig macht, meine Ohren pfeifen lässt. Diese Tage, an denen jeder noch so kleine Lichtstrahl Blitze hinter meinen Augen zucken lässt und ich keine Farben mehr sehen kann. Alles ist irgendwie grau. Es ist alles viel zu viel und ich würde am liebsten buchstäblich aus der Haut fahren. Rein in einen anderen Körper, ohne Clown und ohne verschissene Synapsen.

Stattdessen verschwinde ich. Packe meine Gedanken in Watte und gehe auf die Reise. In eine andere Welt. Eine Welt, in der ich laufen kann. In der mir nichts weh tut. In der ich immer weiß, was ich will, immer die richtige Antwort parat habe und jede Aufgabe, die mir gestellt wird, mit Leichtigkeit lösen kann. Ein Paradies, in dem der wundervollste Mann der Welt seinen Arm um mich legt und ich weiß, dass ich alles überstehen kann, was das Leben so mit sich bringt. Nein, dass wir alles überstehen können. Gemeinsam, nie mehr allein.

Eine Frage der Sicht

Raúl Krauthausen regt sich auf. Darüber, dass das Thema „Behinderung“ verklärt wird. Darüber, dass ein Großteil der Gesellschaft einerseits immerzu davon redet, wie toll Inklusion ist und dass man sie unbedingt umsetzen muss. Aber dass eben dieser Großteil, wenn es ernst wird, einen Rückzieher macht.

Meine persönliche Erfahrung zeigt mir folgendes Bild der Inklusion in unserer Gesellschaft: Entweder man fragt: „Inklusion – Wie soll das denn gehen!?“ Oder man sagt: „Inklusion? Ja, die ist toll! Aber nur, so lange sie nichts kostet!“ Dann sieht man mich an. Und viele andere Menschen mit Behinderung auch. Mit Dackelblick, hängenden Mundwinkeln und zuckenden Schultern. Ende der Geschichte.

Kein Vor, kein Zurück. Immer im Kreis. Wie bei der Reise nach Jerusalem. Ab und zu verstummt das Wirrwarr, wie die Musik beim Spiel. Dann setzt man sich gemeinsam an einen Tisch, die einen in ihren Rollstühlen, die anderen auf unbequemen Bürostühlen, schaut sich in die Augen und fragt sich gegenseitig stumm: „Tja, wie machen wir das bloß?“ Ende der Geschichte. Weiter im Kreis.

Da sage ich mir selbst: So kann das doch nicht gehen! Gleichzeitig möchte ich so fair sein und zugeben: Ich habe auch noch keine vollständige Lösung gefunden.

 

Aber eins weiß ich sicher, und das ist mein Lösungsansatz:

Es sind die Gedanken, die uns alle im Kreis laufen lassen, wenn es um Inklusion geht.

 

Bevor wir alle, Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung, nicht unsere Ansichten ändern, unsere Vorurteile begraben, werden wir keinen Weg geradeaus, hin zur Inklusion, finden. Sondern immer weiter im Kreis laufen.

Menschen ohne Behinderung haben Angst vor Behinderung. Sie haben Angst, irgendwann einmal selbst im Rollstuhl zu sitzen oder eine andere Einschränkung zu haben. Sie haben Angst, sich mit dem Thema Behinderung auseinanderzusetzen, weil eine solche Auseinandersetzung sie dazu zwingt, ihre Ansichten, und damit ihr gesamtes Leben, zu überdenken.

 

Wer lässt sich schon gerne von außen dazu drängen, aus gewohnten Strukturen auszubrechen?

 

Sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Menschen mit Behinderung spüren diese Angst. Manchmal ganz unverfälscht. Manchmal unterdrückt als leichte Unsicherheit. Oft aber auch als Ablehnung, verdeckt oder ganz offen.

Einige reagieren verständnisvoll. Nehmen Rücksicht, sprechen offen über ihre Behinderung, um diese Ängste zu nehmen. Wieder andere sind frustriert und nutzen jedes klitzekleinste Ventil, um ihrem Frust Luft zu machen, egal ob gerechtfertigt oder nicht. Einige werden traurig, fühlen sich irgendwann hilflos und wertlos. Auch sie sehen eine Einschränkung, ein Abweichen von der Norm, und damit sich selbst, als eine Schwäche, als etwas, das die vollkommene Einheit empfindlich stört. Statt selbst aus diesen auferlegten Strukturen auszubrechen, sitzen sie da und schimpfen und jammern. (Er)warten, dass andere die Welt ein bisschen besser machen. Ein bisschen behindertengerechter. Ein bisschen inklusiver.

 

Wer setzt schon gerne von innen heraus, aus eigener Motivation, Energie ein, um nachhaltig etwas zu ändern?

Es ist alles eine Frage der Sicht.

Wenn ich als Mensch mit Behinderung mit einem Menschen ohne Behinderung unterwegs bin, wenn ich mit ihm zusammenarbeite, dann läuft meistens alles ein bisschen langsamer. Das ist schlecht, ist der allgemeine Tenor. Ach, wirklich? Wieso ist das schlecht? Wir empfinden Langsamkeit, stellvertretend für viele Abweichungen von der Norm, nur als etwas Ungutes, weil es uns von klein auf so eingetrichtert wird. Weil irgendein schlauer Mensch irgendwann einmal einen Zustand der Schnelligkeit und (vermeintlichen) Effizienz als Maßstab festgelegt hat und seitdem alle nach diesem Zustand streben.

Meiner Meinung nach wird das Zusammensein, das Zusammenarbeiten und folglich das Zusammenleben durch eine Abweichung von der Norm nicht schlechter. Es wird nur anders, als wir es bisher kennen. Der Rhythmus des Lebens ändert sich, weiter nichts. Es schadet niemandem, sich auf diesen veränderten Rhythmus einzulassen. Erst, wenn das allen klar ist, haben Vorurteile keine Kraft mehr, Ausreden keinen Platz. Wenn man so will, haben wir dann einfach eine neue Ordnung. Eine neue Norm. Eine von innen motivierte statt von außen auferlegte Norm.

Klingt auf jeden Fall besser als das, was jetzt ist.

Oder nicht?