Wenn aus Prinzen Frösche werden 2

Nach zwei Wochen kam meine ursprüngliche Therapeutin wieder aus dem Urlaub. Und ich verstand die Welt nicht mehr. Levi* lachte nicht mehr. Seine Augen waren stumpf. Wenn ich ihn ansah, sah ich nur noch „Ich habe keinen Bock mehr!“ Als die Therapeutin ihn an diesem Tag nach einem kurzen Check fragte, ob er meine Behandlung wieder übernehmen wolle, sagte er Nein. Zuerst machte ich mir nicht viel daraus, schließlich hatte jeder mal einen schlechten Tag.

Allerdings änderte sich in der folgenden Woche nichts an seinem Verhalten, im Gegenteil. Levi sprach kaum noch, reagierte entweder gar nicht, wenn ich etwas sagte oder unterbrach mich mitten im Satz. Er war plötzlich nicht mehr sanft und aufmerksam während der Behandlung, sondern abwesend, mechanisch. Plötzlich machten wir fast jeden Tag dieselben Übungen, alle mit wenig Enthusiasmus. Ich wurde unglaublich nervös, versuchte die Stimmung mit blöden, ironischen Kommentaren zu lockern- und machte wahrscheinlich alles nur noch schlimmer. Sobald wir uns voneinander verabschiedeten, „Bis morgen.“ sagten, war der alte Levi für einen kurzen Augenblick wieder da. Ein kleines Zwinkern, bevor er mit dem nächsten Patienten im Behandlungsraum verschwand, eine kurze Berührung an meiner Schulter. Bei der nächsten Behandlung das gleiche Spiel.

Ich entschied mich nach ewigem Hin und Her, mir Levis Verhalten nicht einfach so gefallen zu lassen. Ich ging in die Offensive, sagte ihm bei jeder Behandlung, was mir bei der vorherigen gefallen hatte und was nicht. Wenn es schon beschissen lief zwischen uns beiden, sollte er bei seinem Praktikum wenigstens etwas lernen von mir, die schon ihr ganzes Leben lang Physiotherapie-Patientin ist!

Manchmal lachten wir wieder zusammen. Dann versuchte ich, mit Levi ins Gespräch zu kommen. Beobachtete ihn, saugte alles auf, was er von sich gab. Ich wusste immer noch nicht, was los war, fragte ihn: „Hast du wieder Ärger bekommen? Soll ich was klären bei den Ärzten oder deinen Kollegen?“
„Nein, nein, alles ok.“

Dennoch ließ mich der Verdacht nicht los, dass erneut etwas vorgefallen war, was ich als Patientin nicht wissen sollte. Die Ärzte und Therapeuten beobachteten mich viel intensiver als ohnehin schon, fragten mich auffällig oft, warum ich plötzlich so gut gelaunt war, wenn ich zum Training ging. Wie mir denn die Physiotherapie mit dem neuen Praktikanten so gefalle. Ich spielte das Spielchen mit, bis Levis letzter Arbeitstag auf dem Kalender stand.

Du musst ihn fragen, ob er in Kontakt bleiben möchte. Nicht mehr, nicht weniger. Was dann kommt, wird sich zeigen. Nicht per SMS, sondern persönlich. Du musst!

Die Aufregung vor der letzten Behandlung mit Levi machte mich schier wahnsinnig, legte sich aber, sobald wir loslegten. Es war wie am Anfang. Wir lachten, warfen uns einen ironischen Spruch nach dem anderen an den Kopf, ich schwitzte Blut und Wasser. Gott sei Dank!

Kurz vor Schluss fragte Levi mich: „Sag mal, was hast du denn eigentlich? Warum bist du hier?“
Diese Frage hatte er mir schon oft gestellt, bisher war ich jedoch immer geschickt ausgewichen. Ich wollte ihm diese Frage beantworten, aber nicht jetzt. Später, wenn ich selbst mit all dem zurecht kam, was in den letzten drei Monaten passiert war, dann würde es kein Problem für mich sein, ihm alles zu erklären. Leider verließen mich meine guten Geister, als Levi mich dieses Mal fragte. Die Ärzte waren sich noch nicht ganz sicher, was mit mir los war, hatten jedoch mehrere vorläufige Diagnosen gestellt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Levi mir eben jene Frage noch einmal stellen würde, und knallte ihm im Schock sämtliche Vorab-Diagnosen der Ärzte vor die Füße. Oh nein. Nicht gut.

Ich stammelte noch: „Alles halb so schlimm wie es klingt, ehrlich!“, aber es war nichts mehr zu retten. Levi hob die Hände abwehrend in die Luft, presste die Lippen aufeinander und taumelte drei Schritte zurück. Keine Sekunde später riss meine ehemalige Therapeutin die Tür zum Behandlungszimmer auf und rief: „Levi, wo bleibst du? Der nächste Kurs hat schon längst angefangen!“

Mit einem „Oh! Ich komme!“ machte Levi auf dem Absatz kehrt und verschwand aus dem Raum. Ich setzte mich in meinen Rollstuhl, meine Augen brannten und ich hatte das Gefühl, um mich herum bräche eine Welt zusammen. Draußen auf dem Flur trafen Levi und ich noch einmal aufeinander. Er gab mir meine unterschriebene Behandlungskarte, winkte mir mit einem gezwungenen Lächeln und rief: „Alles Gute!“

Ich biss mir auf die Lippen, um mir ein Schluchzen zu verkneifen, und fuhr langsam in Richtung Ausgang. Die automatische Tür brummte schon, um mich hindurch zu lassen, da spürte ich plötzlich eine Hand auf meinem Rücken. „Ich wünsche dir wirklich alles Gute.“

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“

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