Der neue Schwerbehindertenausweis – Öffentlicher Aufruf an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Nichtsahnend scrolle ich wie jeden Tag durch meine Facebook-Pinnwand und bin gespannt, was es Neues gibt bei den anderen Nutzern. Plötzlich springt mir das Gesicht von Adina Hermann, einer Bekannten aus Berlin, entgegen. Allerdings seltsam verzerrt und farblos. Ich bin irritiert und sehe mir ihren Beitrag genauer an.

Adina schreibt:

„Der neue Schwerbehindertenausweis – so wrong on so many levels.
Ist nicht nur eine Beleidigung für’s Auge (mein Grafiker-Herz weint bitterste Tränen!), sondern sieht auch noch wie selbstgebastelt aus. In einem Wort: Gruselig!“

Ich sitze vor meinem MacBook und bin sprachlos. So ein DING soll ich demnächst auch mein Eigen nennen? Nur über meine Leiche!

Die Neugestaltung des Schwerbehindertenausweises erfolgt im Rahmen des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Faltblatt zum neuen Schwerbehindertenausweis schreibt. Mit der Einführung wurde 2013 begonnen, seit dem 1. Januar 2015 ist die Ausstellung des neuen Ausweises im Scheckkartenformat deutschlandweit Pflicht. So weit, so gut.

Tatsächlich?

Positiv ist, dass der neue Ausweis Scheckkartenformat hat. Endlich passt er ins Portmonee oder in die Hosentasche, ohne dass man ihn umständlich knicken muss und die Schrift unleserlich wird. Die zum Ausweis gehörende Wertmarke zur Freifahrt im ÖPNV wird jedoch nach wie vor in Papierform ausgestellt. Das bedeutet allerdings: Wieder ein einzelnes Dokument mehr im Portmonee, das leicht beschädigt werden oder verloren gehen kann. Noch ein Argument für den neuen Ausweis: Blinde Menschen können sich die Buchstabenfolge sch-b-a in Brailleschrift auf den Ausweis drucken lassen, sodass er für sie neben anderen Scheckkarten im Portmonee, wie Bankkarte und Führerschein, leichter identifizierbar ist. Ebenfalls positiv ist, dass die Formulierung „Die Notwendigkeit zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“ für das Merkzeichen B umformuliert wurde in „Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“

Sind wir nicht alle ein bisschen kleinlich?

Nein, sind wir nicht. Es macht einen großen Unterschied, ob mir als Person mit Behinderung unterstellt wird, dass ich ständig in Begleitung unterwegs sein muss (weil ich eine Behinderung habe), oder ob lediglich dokumentiert wird, dass ich das Recht und die Wahlfreiheit habe, mich begleiten zu lassen.

Was stört, ist nicht nur, dass der neue Schwerbehindertenausweis aussieht „wie selbstgebastelt“. Mir persönlich kam auf den ersten Blick eine ganz andere, viel weitreichendere Assoziation:

„In welchem Jahr leben wir? 2015 oder 1945?“

Adina ist eine sehr hübsche Frau. Das weiß ich, weil ich sie persönlich getroffen habe. Auf dem biometrischen Passbild ihres neuen Schwerbehindertenausweises sieht sie aus, als sei sie ausgemergelt, krank und schwach- eben total behindert und bemitleidenswert.

Das große schwarze springt dem Betrachter des Ausweises gleich als nächstes ins Auge. Offiziell stellt es das Merkzeichen „B“ für „Begleitperson“ dar. So, wie es auf dem neuen Schwerbehindertenausweis dargestellt ist, gleicht es einer Leuchtreklame, einem Warnsignal, das dem Betrachter signalisiert:

Behindert! Behindert! Behindert!

Die Scheu vor Menschen mit Behinderung und dem Umgang mit ihnen, die zweifellos noch stark verankert ist in unserer Gesellschaft, wird nicht gemindert, sondern gezielt verstärkt. Wäre dem nicht so, müssten wir nicht (mehr) über die Inklusion von Menschen mit Behinderung diskutieren und bräuchten demzufolge weder eine UN-Behindertenrechtskonvention, noch einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung dieser.

Der Gipfel der Unmöglichkeit ist der englischsprachige Satz

„The holder of this card is severely disabled.“

auf der Vorderseite des neuen Schwerbehindertenausweises.

Bitte was bin ich?

Ich bin Cinderella Glücklich, 22 Jahre alt, wohnhaft in Iserlohn, Nordrhein-Westfalen.
Ich bin Cinderella Glücklich, Studentin des Studiengangs Journalism and Business Communication B.A., an der Privaten Hochschule BiTS Business and Information Technology School Iserlohn.
Ich bin Cinderella Glücklich, Journalistin, Texterin, Rednerin, Aktivistin.
Ich bin Cinderella Glücklich, Naturliebhaberin, Bücherwurm, Musikfreund.

Ich bin nicht meine Behinderung! Meine Behinderung ist nicht das, was mich ausmacht, was jedem unbedingt zu allererst mitgeteilt werden muss. Sie ist ein Teil von mir, so wie mein Charakter, meine Augenfarbe, meine Körpergröße. Mehr nicht.

Ganz abgesehen davon, dass in englischsprachigen Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Kanada oder den USA heutzutage niemand im offiziellen Zusammenhang den Begriff „severely disabled“ zur Beschreibung einer Person mit Behinderung nutzen würde. In den genannten Ländern werden Begriffe wie „impairment“ oder „to be impaired“ oder „to be challenged“ im Sinne von „Einschränkung“, „eingeschränkt sein“ oder „herausgefordert sein“ verwendet. Diese Begriffe sind auch nicht optimal, aber bei weitem angemessener als „schwer beschädigt“.

Timo Hermann, Adinas Ehemann und Betreiber von Mobilsta.eu, einem Informationsportal für Menschen mit Behinderung, geht über die subjektiven Empfindungen hinaus und prangert weitere erhebliche Mängel des neuen Schwerbehindertenausweises an:

Das Ding ist ohnehin ein Treppenwitz. Er ist nicht EU-weit gültig, er ist in keiner Weise maschinenlesbar, und absurderweise hat er – im Gegensatz zum Alten – nicht ein einziges Sicherheitsmerkmal.

Wer sagt, dass Menschen mit Behinderung nicht in der Lage sind zu reisen? Wer sagt, dass sie dies nicht gerne und oft tun, nicht nur EU-, sondern weltweit?

Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich meinen Schwerbehindertenausweis bei einer Behörde oder einem Unternehmen vorlegen muss, um ihn einlesen zu lassen. Wie soll das nun, mit dem neuen Ausweis, funktionieren?

Wer glaubt, dass andere, sogenannte nichtbehinderte Menschen Skrupel haben, Behindertenausweise zu ihrem Vorteil zu nutzen, der irrt sich leider.

Auch der neue Schwerbehindertenausweis braucht Sicherheitsmerkmale. So, wie jedes andere offizielle Ausweisdokument.

Die Wertmarke und alle weiteren relevanten personenbezogenen Daten des Ausweisinhabers wie die Merkzeichen und der Grad der Behinderung sollten in einem elektronischen Chip auf dem Ausweis gespeichert werden So, wie auf dem neuen Personalausweis oder der elektronischen Gesundheitskarte, damit er problemlos maschinell eingelesen werden kann. Apropos elektronische Gesundheitskarte. Bei dieser Karte ist es dem Inhaber ab der Inanspruchnahme der Pflegestufe II freigestellt, ob er eine Karte mit oder ohne Lichtbild anfertigen lassen möchte – Warum geht das nicht auch beim neuen Schwerbehindertenausweis?

Teil der UN-Behindertenrechtskonvention und den Bestrebungen zur Inklusion ist auch der Bereich Mobilität. Menschen mit Behinderungen müssen die gleichen Möglichkeiten haben, zu reisen, wie andere – Warum ist diese Möglichkeit beim neuen Schwerbehindertenausweis nicht gegeben?

Für mich ist der neue Schwerbehindertenausweis kein Fortschritt hin zu mehr Inklusion, mehr Gleichstellung und Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. Im Gegenteil, er ist ein deutlicher Rückschritt.

Ich fühle mich zurückerinnert an die Zeit der Nationalsozialisten, in der die Gesellschaft in Gruppen eingeteilt wurde. Juden und Nicht-Juden. Heute sagen wir: Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung. Früher war es der Judenpass, mit einem unvorteilhaften Bild des Inhabers, einem für jedermann sichtbaren gelben Stern und dem Stempel „Jude“. Heute ist es der Schwerbehindertenausweis mit einem gruseligen biometrischen Passbild, einem für jedermann sichtbaren, großen schwarzen „B und dem Satz „The holder of this card is severely disabled.“

 

Hiermit fordere ich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Arbeitsgruppe des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf, die verpflichtende Einführung des neugestalteten Schwerbehindertenausweises mit sofortiger Wirkung zurückzuziehen und das Ausweisdokument gemeinsam mit einem Ausschuss, bestehend aus Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, bis Ende 2015 zu überarbeiten.

19 Comments

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  • Wir sollen das Ding ja auch nicht auf der Brust sondern im Portemonnaie dabei haben und gegen Nachfrage vorzeigen.
    Manche Menschen machen aus jeder Mücke einen Elefanten anstatt es einfach mal hinzunehmen.

  • Hallo Cinderella,

    und ich dachte, der neue Ausweis wäre eine echte Bereicherung auf breiter Front – weit daneben gelegen.
    Aber wenn er seit 5 Tagen verbindlich ist, wird über eine Überarbeitung in absehbarer Zeit erstmal kein Gedanke verloren, oder?
    Der öffentliche Dienst ist und bleibt doch schwerfällig – ich kann davon ein Lied singen.

    Ansonsten, danke für den tollen Blog-Post.

  • Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich meinen Schwerbehindertenausweis bei einer Behörde oder einem Unternehmen vorlegen muss

    Ich habe meinen in den letzten 10 jahren 2 mal raushlen müssen.

    Finden sie nicht, das sie etwas übertreiben?
    Wie das dingen aussieht und was trauf steht ist doch egal, hauptsache er passt endlich vernünftig in die Brieftasche….

    MFG Ingendahl

  • super statment! gratuliere. schließe mich allen argmenten an!
    dieser ausweis gehört schnellstens überdacht und verändert!

  • Hallo, mein Name steht ja beim Beitrag dabei, er sollte also bekannt sein.
    Leider bin ich schon länger im Besitz eines solchen Undinges, dem sogenannten Schwerbehindertenausweis. Wie schon beklagt, ist dieser Ausweis alles andere als vorteilhaft. Das „B“ springt einem zuerst mal ins Auge und auf dem Foto sehe ich aus wie ein Zombie! Also so was räumt in keinster Weise auch nur im Ansatz Vorurteile weg, diese werden dadurch nur verstärkt. Als ob man als motorisch eingeschränkte Person nicht schon genug Probleme hätte. Wenn ich mich mal als Beispiel einbringen darf, ich habe ein G, aG, B und ein H und einen Grad der Behinderung von 100%, bin aber genau so fit im Kopf wie jeder „Normalsterbliche“ – wenn ich so manche Leute sehe, um EINIGES fitter. Dennoch denken viele Leute „Behindert = Doof“ ergo werde ich ganz gern behandelt wie eine Schwachsinnige, was dieser Ausweis mit seinem riesigen „B“ nur verschlimmert, wenn der Ausweis kontrolliert wird. Dadurch nimmt er einem jedes letzte verbliebene Fünkchen Würde.

  • Es ist unverständlich, ja unerträglich, dass Betroffene immer übergangen werden. Glücklich, wer ohne Beeinträchtigung leben darf, aber die Verantwortung für Beeinträchtigte an sich zu reißen ist unfair.

  • Die alten Schwerbehinderten-Ausweise behalten ihre Gültigkeit und müssen nicht getauscht werden. Für den neuen Ausweis ist kein biometrisches Passbild nötig. Und meinen Ausweis habe ich in den letzten Jahren 3 x vorzeigen müssen – bei Karten für Theater.

  • Meine Güte – ich verstehe Ihre Aufregung nicht. Was ist denn der Sinn solch eines Schwerbehindertenausweises? Doch vermutlich der, dass man seine Berechtigung auf bestimmte Ansprüche nachweisen kann – sei es nun Wohngeld, Ermäßigungen bei Eintrittsgeldern, Steuererleichtungeren, ermäßigte oder kostenlose Teilnahme am ÖPNV oder manchmal auch etwas so Profanes wie die Benutzung eines Behinderten-Parkplatzes. Wenn das aufgedruckte Merkzeichen so markant ist, dass es demjenigen der den Nachweis verlangt sofort ins Auge springt ist das doch ok, und arbeitserleichternd obendrein. Und was soll das mit dem Bild? Bilder auf Ausweisen und in Reisepässen zeichnen sich im Allgemeinen nie durch besondere künstlerische Fotografie aus. So what? Die Bilder sehen Polizisten, Zöllner und Verwaltungsbeamte – sonst kaum jemand. Das Sie sich durch das Layout dieses Ausweises dermaßen diskrininiert fühlen, dass Sie den Vergleich zum Judenpass der Nazizeit bemühen, verursacht bei mir allenfalls Kopfschütteln.

  • Da ja die Facebookkommentare in der Gruppe weg sind, gern noch mal hier:
    Au man… Sollten wir nicht froh darüber sein, überhaupt SBAs zu haben und dadurch viele Vorteile nutzen können, anstatt sich über Farbe & Co aufzuregen? Besuche mal das etwas entferntere Ausland, erlebe, dass Du nicht mit Bus und Bahn reisen kannst, Du überall keine Extrawurst bekommst und als Behinderter verdammt wertlos bist. Ich denke, wir sind hier in Deutschland schon sehr weit. Sei mir nicht böse, aber ich finde Deinen Blogeintrag mehr als übertrieben und auch ein wenig lächerlich. Daraus noch eine Petition zu starten sehe ich als falsch an.
    Hierbei handelt es sich um ein stinknormales amtliches Dokument – dass muss jetzt nicht den Schönheitspreis gewinnen…
    Wenn er Dir nicht gefällt, gebe ihn doch einfach wieder ab.

  • Hallo,
    wie wäre es mit Strasssteinen und einer schicken I Phone Hülle drum rum gefällt er dann besser…
    wer sonst keine Sorgen hat macht sich welche…
    und wer ihn hässlich findet kann ihn ja zurückgeben
    nun ist es wieder mal soweit die Gruppe die am meisten davon profitiert macht sich Lächerlich mit so einem Quatsch….

    wer fragen hat kann mich gerne anmailen

    Grüßle

    Joachim

  • Ich glaube, es ist ungünstig, dass du den Beitrag mit der Optik beginnst und später erst zum Aufbau kommst. Denn ich denke auch, dass es besser wäre, die Wertmarke usw. auf einem Chip zu speichern – das wäre einfach praktisch. Für das biometrische Passbild kann aber keiner was und die englische Formulierung ist einfach ungünstig. Aber: Ihr müsst den Ausweis nicht sichtbar tragen, sondern nur, wenn er gefordert ist. Und selbst dann wird sich niemand aufregen, weil z.B. Busfahrer irgendwann daran gewöhnt sind. Denen ist es egal, wer mitfährt – Hauptsache, er hat ne Fahrkarte :-)

    • Hi Evy,

      tatsächlich ist bei fast allen Lesern der Eindruck entstanden, dass es mir hauptsächlich um die Optik geht- klarer Fall von alles andere als klar kommuniziert auf meiner Seite. 😀 Mir geht es bezogen auf das Passbild hauptsächlich um die schlechte Qualität/mangelnde Sicherheit. Man kann das Bild und die Schrift auf dem Ausweis innerhalb von zwei Minuten mit einer Münze abkratzen! Ich habe sogar Rückmeldungen bekommen, in denen mir Ausweisinhaber berichteten, dass sich Bild und Schrift allein durch das Scheuern des Leders vom Portmonee ablösen.
      Ich werde morgen noch einmal einen sachlicheren Beitrag schreiben bezogen auf die Gründe für meinen Vergleich mit den Judenpässen und darauf, worum es mir auf sachlicher Ebene geht.

  • Also ich muss sagen ich habe bereits bei Meinfernbus.de Probleme die Akzeptieren zwar den „Alten“ aber nicht wohl das neue Teil. Hieraus kommt die Folgerung das man mit dem Altenausweis die Rabatte bekommt mit dem „Neuen“ aber Probleme hat die Codes zu bekommen.

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