Archive - 6. Januar 2015

Wenn aus Prinzen Frösche werden 1

Levi saß an seinem Schreibtisch und übertrug mit einem Bleistift hochkonzentriert etwas von einem Blatt Papier auf ein anderes. Sein schräg geschnittener Pony fiel ihm dabei ständig ins Gesicht und Levi nickte immer wieder mit dem Kopf, um klar sehen zu können. Obwohl er sich so sehr konzentrierte, verschrieb er sich mehrmals. Dann sagte er „Ach!“, klemmte die Zungenspitze in den rechten Mundwinkel und rubbelte den Radiergummi mit frustriertem Gesichtsausdruck über das Papier.

Ich war durch die automatische Eingangstür in den Behandlungsbereich gefahren. Es war erstaunlich ruhig, kein anderer Patient war da, kein Therapeut in Sicht. Also bog ich ausnahmsweise nicht nach links ab in die Wartezone, sondern nach rechts, ins Therapeutenbüro, um zu sehen, ob überhaupt jemand anwesend war außer mir. Die ungewöhnliche Ruhe machte mich stutzig, außerdem kribbelten meine Arme plötzlich und die feinen Härchen auf meinen Unterarmen stellten sich auf. Was ist denn jetzt los?

Kaum war ich nach rechts abgebogen, bremste ich abrupt, aber so leise wie möglich, mitten im Türrahmen.

 Oh wow! Der ist es! Der oder keiner!

Keine zwei Meter entfernt von mir saß Levi, und er hatte mich in einem Augenblick komplett umgehauen. Ich hielt die Luft an, ließ die Räder meines Rollstuhls los und stützte meine Hände vorsichtig neben meine Oberschenkel in das Sitzkissen. Mein Herz schlug so heftig, dass es in meinen Ohren beinahe unangenehm laut pochte, mein ganzer Körper kribbelte, war angespannt und ich hatte das Gefühl, die Welt um mich herum war plötzlich unglaublich viel heller, bunter, schöner.

Innerlich kicherte ich über Levis vorwitzigen Pony, der ihn an der Nase kitzelte, und überhaupt darüber, wie er dort saß.

Wie ein kleiner Junge, der gerade schreiben lernt, und sich so sehr dabei anstrengt, dass er die Welt um sich herum vergisst.

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, bemerkte Levi mich. Seine Pupillen zogen sich vor Überraschung ganz kurz zusammen, dann begannen seine Augen zu strahlen. Sie waren eisblau, gespickt mit dunkelblauen Flecken. Wie das Meer vor Island. Wie ein tiefer Gletschersee. Wunderschön.

Er lächelte, lief knallrot an und sagte: „Hi.“
„Hi“, sagte ich ebenfalls, leicht peinlich berührt, weil ich ihn so lange unbemerkt angestarrt hatte, und rollte ein Stück auf ihn zu. Wieder sahen wir uns einfach nur an, ein paar Sekunden lang, grinsend, irgendwie irritiert. Gerade setzte ich dazu an, endlich mit der Sprache herauszurücken, wer ich denn eigentlich war und was ich wollte, da sprang Levi mit einem „Oh, Entschuldigung, Entschuldigung!“ von seinem Bürostuhl auf, blieb mit der linken Hüfte an der Ecke des Schreibtisches hängen, verzog vor Schmerz kurz das Gesicht, ging dann um den Schreibtisch herum und schob die orangefarbenen Plastikstühle zur Seite, die verhinderten, dass ich näher an den Tisch heranfahren konnte – Natürlich nicht, ohne auf dem Rückweg zu seinem Platz an einem der Stuhlbeine hängen zu bleiben und zu stolpern. Es fiel mir sehr schwer, nicht laut zu lachen. Oh Mann! Wie süß.

„So, jetzt ist das besser.“
„Ja, stimmt. Danke.“
„Nich‘ dafür.“
„Hm, ja, also, ich suche meinen neuen Therapeuten. Er soll Praktikant sein, Urlaubsvertretung für die nächsten drei Wochen. Ich hab‘ Sie hier noch nie gesehen, also sind Sie das wahrscheinlich. Oder?“

 

Levi war schon vor ein paar Monaten ein ziemlich guter Physiotherapeut gewesen. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen, soweit ich weiß. Damals gab er mir seine Handynummer, nachdem wir nicht einmal eine halbe Stunde miteinander trainiert und uns unterhalten hatten. Es war wie bei allen anderen und doch anders. Melde dich, wenn du mal Hilfe brauchst. Ich fahre fast jeden Tag an deiner Wohnung vorbei, und auch am Einkaufszentrum. Dann kann ich dir ab und zu mal ein paar Sachen besorgen, ist ja leichter für mich. Und auch sonst, wenn du Hilfe brauchst, melde dich einfach.

Ich dachte nicht wie sonst: Ja klar, laber‘ du nur. Meinst du eh nicht ernst. Sondern ich dachte: Ha, das nenn‘ ich mal ’ne subtile Anmache!, und grinste im Stillen.

Wir wussten beide, dass der persönliche Kontakt zwischen Therapeut und Patient nicht erlaubt war. Wie alle anderen Praktikanten zuvor hatte Levi mich gefragt, ob es in Ordnung sei, dass wir Du zueinander sagten und ich hatte zugestimmt, trotzdem bekam er noch am selben Tag ziemlichen Ärger. Wir regten uns tierisch darüber auf, zumal wir im weiteren Gespräch herausgefunden hatten, dass wir ein paar gemeinsame Freunde hatten und uns in Zukunft wohl öfter sehen würden. Letztendlich beschlossen wir, uns hinter verschlossenen Türen zu duzen und ansonsten zu siezen. Mit der Zeit fanden wir das ziemlich witzig. Den Kontakt per Telefon schlossen wir komplett aus, während wir uns in der Klinik aufhielten. Was danach kam, wollten wir sehen.

 

*Levi: Hebräisch für „verbunden mit“, „anhänglich“/ungarische Kurzform von „Levente“ für „Held“, „Ritter“