Archive - 5. Januar 2015

Der neue Schwerbehindertenausweis – Öffentlicher Aufruf an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Nichtsahnend scrolle ich wie jeden Tag durch meine Facebook-Pinnwand und bin gespannt, was es Neues gibt bei den anderen Nutzern. Plötzlich springt mir das Gesicht von Adina Hermann, einer Bekannten aus Berlin, entgegen. Allerdings seltsam verzerrt und farblos. Ich bin irritiert und sehe mir ihren Beitrag genauer an.

Adina schreibt:

„Der neue Schwerbehindertenausweis – so wrong on so many levels.
Ist nicht nur eine Beleidigung für’s Auge (mein Grafiker-Herz weint bitterste Tränen!), sondern sieht auch noch wie selbstgebastelt aus. In einem Wort: Gruselig!“

Ich sitze vor meinem MacBook und bin sprachlos. So ein DING soll ich demnächst auch mein Eigen nennen? Nur über meine Leiche!

Die Neugestaltung des Schwerbehindertenausweises erfolgt im Rahmen des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Faltblatt zum neuen Schwerbehindertenausweis schreibt. Mit der Einführung wurde 2013 begonnen, seit dem 1. Januar 2015 ist die Ausstellung des neuen Ausweises im Scheckkartenformat deutschlandweit Pflicht. So weit, so gut.

Tatsächlich?

Positiv ist, dass der neue Ausweis Scheckkartenformat hat. Endlich passt er ins Portmonee oder in die Hosentasche, ohne dass man ihn umständlich knicken muss und die Schrift unleserlich wird. Die zum Ausweis gehörende Wertmarke zur Freifahrt im ÖPNV wird jedoch nach wie vor in Papierform ausgestellt. Das bedeutet allerdings: Wieder ein einzelnes Dokument mehr im Portmonee, das leicht beschädigt werden oder verloren gehen kann. Noch ein Argument für den neuen Ausweis: Blinde Menschen können sich die Buchstabenfolge sch-b-a in Brailleschrift auf den Ausweis drucken lassen, sodass er für sie neben anderen Scheckkarten im Portmonee, wie Bankkarte und Führerschein, leichter identifizierbar ist. Ebenfalls positiv ist, dass die Formulierung „Die Notwendigkeit zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“ für das Merkzeichen B umformuliert wurde in „Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen.“

Sind wir nicht alle ein bisschen kleinlich?

Nein, sind wir nicht. Es macht einen großen Unterschied, ob mir als Person mit Behinderung unterstellt wird, dass ich ständig in Begleitung unterwegs sein muss (weil ich eine Behinderung habe), oder ob lediglich dokumentiert wird, dass ich das Recht und die Wahlfreiheit habe, mich begleiten zu lassen.

Was stört, ist nicht nur, dass der neue Schwerbehindertenausweis aussieht „wie selbstgebastelt“. Mir persönlich kam auf den ersten Blick eine ganz andere, viel weitreichendere Assoziation:

„In welchem Jahr leben wir? 2015 oder 1945?“

Adina ist eine sehr hübsche Frau. Das weiß ich, weil ich sie persönlich getroffen habe. Auf dem biometrischen Passbild ihres neuen Schwerbehindertenausweises sieht sie aus, als sei sie ausgemergelt, krank und schwach- eben total behindert und bemitleidenswert.

Das große schwarze springt dem Betrachter des Ausweises gleich als nächstes ins Auge. Offiziell stellt es das Merkzeichen „B“ für „Begleitperson“ dar. So, wie es auf dem neuen Schwerbehindertenausweis dargestellt ist, gleicht es einer Leuchtreklame, einem Warnsignal, das dem Betrachter signalisiert:

Behindert! Behindert! Behindert!

Die Scheu vor Menschen mit Behinderung und dem Umgang mit ihnen, die zweifellos noch stark verankert ist in unserer Gesellschaft, wird nicht gemindert, sondern gezielt verstärkt. Wäre dem nicht so, müssten wir nicht (mehr) über die Inklusion von Menschen mit Behinderung diskutieren und bräuchten demzufolge weder eine UN-Behindertenrechtskonvention, noch einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung dieser.

Der Gipfel der Unmöglichkeit ist der englischsprachige Satz

„The holder of this card is severely disabled.“

auf der Vorderseite des neuen Schwerbehindertenausweises.

Bitte was bin ich?

Ich bin Cinderella Glücklich, 22 Jahre alt, wohnhaft in Iserlohn, Nordrhein-Westfalen.
Ich bin Cinderella Glücklich, Studentin des Studiengangs Journalism and Business Communication B.A., an der Privaten Hochschule BiTS Business and Information Technology School Iserlohn.
Ich bin Cinderella Glücklich, Journalistin, Texterin, Rednerin, Aktivistin.
Ich bin Cinderella Glücklich, Naturliebhaberin, Bücherwurm, Musikfreund.

Ich bin nicht meine Behinderung! Meine Behinderung ist nicht das, was mich ausmacht, was jedem unbedingt zu allererst mitgeteilt werden muss. Sie ist ein Teil von mir, so wie mein Charakter, meine Augenfarbe, meine Körpergröße. Mehr nicht.

Ganz abgesehen davon, dass in englischsprachigen Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Kanada oder den USA heutzutage niemand im offiziellen Zusammenhang den Begriff „severely disabled“ zur Beschreibung einer Person mit Behinderung nutzen würde. In den genannten Ländern werden Begriffe wie „impairment“ oder „to be impaired“ oder „to be challenged“ im Sinne von „Einschränkung“, „eingeschränkt sein“ oder „herausgefordert sein“ verwendet. Diese Begriffe sind auch nicht optimal, aber bei weitem angemessener als „schwer beschädigt“.

Timo Hermann, Adinas Ehemann und Betreiber von Mobilsta.eu, einem Informationsportal für Menschen mit Behinderung, geht über die subjektiven Empfindungen hinaus und prangert weitere erhebliche Mängel des neuen Schwerbehindertenausweises an:

Das Ding ist ohnehin ein Treppenwitz. Er ist nicht EU-weit gültig, er ist in keiner Weise maschinenlesbar, und absurderweise hat er – im Gegensatz zum Alten – nicht ein einziges Sicherheitsmerkmal.

Wer sagt, dass Menschen mit Behinderung nicht in der Lage sind zu reisen? Wer sagt, dass sie dies nicht gerne und oft tun, nicht nur EU-, sondern weltweit?

Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich meinen Schwerbehindertenausweis bei einer Behörde oder einem Unternehmen vorlegen muss, um ihn einlesen zu lassen. Wie soll das nun, mit dem neuen Ausweis, funktionieren?

Wer glaubt, dass andere, sogenannte nichtbehinderte Menschen Skrupel haben, Behindertenausweise zu ihrem Vorteil zu nutzen, der irrt sich leider.

Auch der neue Schwerbehindertenausweis braucht Sicherheitsmerkmale. So, wie jedes andere offizielle Ausweisdokument.

Die Wertmarke und alle weiteren relevanten personenbezogenen Daten des Ausweisinhabers wie die Merkzeichen und der Grad der Behinderung sollten in einem elektronischen Chip auf dem Ausweis gespeichert werden So, wie auf dem neuen Personalausweis oder der elektronischen Gesundheitskarte, damit er problemlos maschinell eingelesen werden kann. Apropos elektronische Gesundheitskarte. Bei dieser Karte ist es dem Inhaber ab der Inanspruchnahme der Pflegestufe II freigestellt, ob er eine Karte mit oder ohne Lichtbild anfertigen lassen möchte – Warum geht das nicht auch beim neuen Schwerbehindertenausweis?

Teil der UN-Behindertenrechtskonvention und den Bestrebungen zur Inklusion ist auch der Bereich Mobilität. Menschen mit Behinderungen müssen die gleichen Möglichkeiten haben, zu reisen, wie andere – Warum ist diese Möglichkeit beim neuen Schwerbehindertenausweis nicht gegeben?

Für mich ist der neue Schwerbehindertenausweis kein Fortschritt hin zu mehr Inklusion, mehr Gleichstellung und Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. Im Gegenteil, er ist ein deutlicher Rückschritt.

Ich fühle mich zurückerinnert an die Zeit der Nationalsozialisten, in der die Gesellschaft in Gruppen eingeteilt wurde. Juden und Nicht-Juden. Heute sagen wir: Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung. Früher war es der Judenpass, mit einem unvorteilhaften Bild des Inhabers, einem für jedermann sichtbaren gelben Stern und dem Stempel „Jude“. Heute ist es der Schwerbehindertenausweis mit einem gruseligen biometrischen Passbild, einem für jedermann sichtbaren, großen schwarzen „B und dem Satz „The holder of this card is severely disabled.“

 

Hiermit fordere ich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Arbeitsgruppe des Nationalen Aktionsplans der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf, die verpflichtende Einführung des neugestalteten Schwerbehindertenausweises mit sofortiger Wirkung zurückzuziehen und das Ausweisdokument gemeinsam mit einem Ausschuss, bestehend aus Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, bis Ende 2015 zu überarbeiten.

2015 – …und noch viel vor.

Ja, 2014 habe ich viel erlebt. Viel Gutes und viel Schlechtes, das letzten Endes doch sehr gut war.
2015 möchte ich deshalb noch mehr.

Bisher noch nicht erwähnt habe ich allerdings:Mairhofer_20141019_keinwiderspruch-CinderellaGluecklich_080_web

  • Das Projekt Kein Widerspruch von Johannes Mairhofer, an dem ich teilnehmen durfte. Meinen Beitrag zum Projekt findet man hier.
  • Radio München hat noch Einen oben drauf gesetzt und eine Sondersendung zu Kein Widerspruch ausgestrahlt. Hier kann man sich die gesamte Aufzeichnung der Sendung auf SoundCloud anhören. Mein Beitrag ist auch dabei.
  • Das magazine 4 aus München hat mich zu meiner Teilnahme bei Kein Widerspruch und zu meinem Projekt FashionAbility interviewt.
  • 2014 konnte ich mit meiner persönlichen Geschichte und mit FashionAbility zwei Studenten bei ihren Abschlussarbeiten unterstützen. Ich hatte sehr viel Freude dabei und wünsche den beiden viel Erfolg!

 

  • Ich möchte erfolgreich aktiv sein für mehr Barrierefreiheit an meiner Universität.
  • Ich möchte so für Menschen mit Depressionen aktiv sein, dass sie sich wenigstens Ansatzweise verstanden fühlen. Gleichzeitig möchte ich Menschen ohne Depressionen zuhören und Wege finden, ihnen verständlich zu erklären, wie es ist, wenn man eine Depression hat.
  • Ich möchte mich aktiv beschäftigen mit dem Thema Hochsensibilität, um mich selbst besser zu verstehen und um anderen Hochsensitiven zeigen zu können, wo sie Informationen zum Thema und auch Hilfe finden.

 

  • Ich wünsche mir, dass alle, die sich für Inklusion interessieren oder sich dafür stark machen, verstehen, dass Inklusion weit mehr ist, als Menschen mit Behinderung als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anzunehmen.

 

  • Ich möchte sehr gute Noten im Studium und beruflichen Erfolg. Vor allem aber Gesundheit.
  • FashionAbility kommt 2015 endlich richtig ins Rollen, denn das Projekt und ich sind als Teilnehmer der 20. Runde der Civil Academy ausgewählt worden.

 

Also, auf ein neues, liebe Leser! Was möchtet ihr in 2015 erreichen?