„Wenn du nicht behindert wärst, fänd‘ ich dich ja schon ganz geil!“

Mittwochnacht. Campusparty. Es ist laut, stickig, eng. Ich schaue mich um. Interessante Perspektive!, denke ich. Lauter wippende Hintern. Manche in viel zu großen Hosen, manche in viel zu engen Kleidchen. Dick, dünn, groß, klein, breit, schmal, superstraff, schwabbelig. Eine willkommene Abwechslung zu verschwitzten wippenden Brüsten. Von allem etwas, großes Kino. Sehr zu empfehlen, diese Sicht aus dem Sitzen, liebe Damen und Herren! Prinzessin Happy hockt auf ihrem Thron auf Rädern und hat den Grand View auf den campuseigenen Sunsetstrip. Herrlich!

Die Cola zwischen die Knie geklemmt schließe ich die Augen, drehe mich mit dem Rollstuhl auf der Stelle und genieße die Beats. Plötzlich ein Hindernis. Ich reiße die Augen erschrocken auf und denke: Oh Scheiße, hoffentlich bist du nicht wieder jemandem in die Hacken gefahren! Aber nein, es ist alles gut.

Ein Typ im weißen Schlabbershirt steht vor mir, das Basecap liegt schief auf seinem Kopf, die Bierflasche hängt gerade noch so in seiner rechten Hand. Er presst sich die Flasche gegen den Bauch, damit er sie nicht verliert, grinst, kommt auf mich zu. Er will mir etwas sagen und beugt sich schwankend zu mir herunter. Sein Grinsen wird breiter, ein Schwall Alkoholdunst schwappt mir entgegen.

„Ey, weißt du was?“

„Nee, was denn?“

„Wenn du nicht behindert wärst, fänd’ ich dich ja schon ganz geil!“

Dumm gelaufen, Herzchen!

Das würde ich diesem netten Herrn gerne sagen. Und vielleicht würde ich ihm auch gerne einmal kräftig gegen das Schienbein fahren. Mit der scharfkantigen Vorderseite des Fußbretts am Rollstuhl, versteht sich.

Stattdessen bin ich sprachlos. Ich schaue ihn an, er fängt an zu giggeln wie ein kleines Kind. Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Nicht wirklich, oder? Ich drehe mich um, fahre dabei zig Leuten in die Hacken, die gar nichts dafür können, dass mich so ein Arschloch schon wieder voll getroffen hat. Raus, einfach nur raus hier! Frische Luft, jetzt!

Hallo? AMOR soll treffen, NICHT Arschloch!

Ich ärgere mich. Über mich, über notgeile postpubertäre Idioten, über mein Herz, das sich immer so schnell getroffen fühlt, über meine große Klappe, die immer den Schwanz einzieht (Welch Ironie!), wenn’s drauf ankommt. Noch während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fahre, schießen mir die Tränen in die Augen und ich könnte buchstäblich kotzen vor Wut. Unten angekommen hole ich Schwung und lasse mich rollen. Raus in die kühle Nachtluft. Hirn und Herz frei pusten. Dringend.

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